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Tierische Zaungäste

Wo die Landschaft noch viel Nahrung, Sonnenplätze und Verstecke bietet, finden die Eidechsen einen Lebensraum. Die flinke Mauereidechse besiedelt auch Bahnböschungen – sogar mitten in Zürich. 

Vielseitige Naturgärten mit «wilden Ecken», Nischen und Kleinstrukturen ziehen besondere Gäste aus der heimischen Tierwelt an. So sonnt sich beispielsweise im frühen Mai eine grosse, prächtige Eidechse auf dem Treppenabsatz. Ihre hellgrünen Körperseiten setzen sich deutlich von der graubräun­lichen Oberseite ab. Sie zeigen, dass es sich um ein Männchen der Zauneidechse handelt. Nach der Winterruhe ist es frisch gehäutet und präsentiert sich nun zur Paarungszeit im glänzenden Hochzeitskleid. Seine grüne Farbe ist besonders intensiv und wirkt fast leuchtend.

In früherer Zeit waren solche «Zaungäste» nicht selten im Mittelland anzutreffen. Ihr Name rührt wohl daher, dass Zäune als grenzbildende, vielleicht von Krautsäumen umgebene Landschafts­elemente auch geeignete Nischen und Strukturen für sie boten und daher gerne aufgesucht wurden. Die bis 22 Zentimeter langen, kräftig gebauten Zauneidechsen mit ihrer stumpfen Schnauze zeigen eine recht variable Färbung, wobei den bräunlichen Weibchen die grüne Farbe an Körperseiten und Kopf fehlt. Wenn die Paarungszeit vorüber ist, verschwindet auch die grüne Färbung der Männchen – diese sind dann nur noch schwer von den Weibchen zu unterscheiden. 

Männchen und Weibchen einer Zauneidechse
Zauneidechsen-Männchen und -Weibchen © Hans Benn/ Pixabay

Der Lebensraum wird enger 

Beide Geschlechter tragen an den Körperseiten mehr oder weniger ausgeprägte dunkle Augenflecken. Der Schwanz der Zauneidechsen wird nicht viel mehr als körperlang, wodurch sie gut von den zierlicheren und kleineren Wald- und Mauereidechsen zu unterscheiden sind, die im selben Gebiet vorkommen können. 

Die Zauneidechse ist besonders von der Intensivierung der Landwirtschaft und der fortschreitenden Zersiedelung betroffen. In der Schweiz hat sie ihren Verbreitungsschwerpunkt im dicht besiedelten, stark genutzten Mittelland nördlich des Alpenbogens. In der intensiv genutzten Landschaft sind strukturreiche Lebensräume, die den wärmebedürftigen Repti­lien Sonnenplätze und Verstecke vor Beutegreifern bieten, jedoch selten geworden.

Zauneidechsen schätzen eine hohe, aber «lückige» Vegetation mit offenen Stellen zum Sonnen und möglichst in der Nähe liegenden Versteckmöglichkeiten wie Gestrüpp, wohin sie sich bei Gefahr schnell zurückziehen können. Kleinstrukturen wie Asthaufen kommen ihnen ebenso entgegen wie Kraut- und Altgrassäume und möglichst lange nicht gemähte Wiesenbereiche. Zudem müssen geeignete Eiablageplätze, am liebsten auf sandigem Boden, in erreichbarer Nähe sein, damit eine Population von Zaun­eidechsen längerfristig überleben kann. 

Wie alle Reptilien sind Zauneidechsen wechselwarm und müssen an der Sonne Wärme «tanken», um Bewegungsenergie zu gewinnen. Dabei nutzen sie gerne ­erhöhte Warten, von wo aus Raub- wie Beutetiere schnell zu entdecken sind. Lieber als auf Steinen sonnen sie sich auf einem Stück Holz, das sich wesentlich schneller erwärmt. Die standorttreuen Tiere kennen ihren Lebensraum gut und schätzen Warten, von denen aus sie schnell in einen Unterschlupf verschwinden können. Trotzdem sind Hauskatzen, wo sie allzu zahlreich sind, eine wesentliche Gefahr für die nicht besonders flinken Zauneidechsen und halten manche ihrer Bestände klein.

Als letzte Notmassnahme können Zauneidechsen, wie andere Eidechsen auch, ihren Schwanz an einer Sollbruchstelle abbrechen lassen, wenn sie vom Angreifer daran gepackt werden. Das ­abgetrennte Schwanzstück bleibt dabei nicht einfach ruhig zurück, sondern bewegt sich noch minutenlang zuckend und windend umher. So zieht es die Aufmerksamkeit des Angreifers auf sich, während die Eidechse mit etwas Glück entwischt. Ihr Schwanz wird später ein Stück weit nachwachsen, bleibt aber dann kürzer. 

Leben an der Bahn 

Dem Unterhaltspersonal von Bahn­böschungen der nordöstlichen Schweiz sind Eidechsen ein geläufiger Anblick. Flink verziehen sich die zierlichen Mauereidechsen jeweils im Schotter oder in die Schlitze des Kabelkanals, wenn die orange gekleideten Arbeiter nähertreten. Die Tiere sind überaus wachsam, doch der vorbeidonnernde Zug scheint ihnen nichts auszumachen. 

Bahnböschungen sind offenbar zu ­einem wichtigen Ersatzlebensraum für die Mauereidechse geworden, die ebenfalls offene und gut besonnte Stellen benötigt. Sie ist bezüglich ihrer Lebens­räume wesentlich anpassungsfähiger als die Zauneidechse und wagt sich auch in kahlere Gebiete mit weniger Deckung vor. Früher waren natürliche Pionier­standorte, die nach Ereignissen wie Überflutungen oder Steinschlägen erst allmählich wieder bewachsen wurden, wichtige Lebensräume für die Reptilien. 

Die Mauereidechse war einst in der Nordostschweiz gar nicht heimisch. Allem Anschein nach reiste sie als blinder Passagier in Güterzügen von der Alpensüdseite nach Norden und konnte sich auf Bahnhofsarealen und entlang der Geleise etablieren. Damit ist sie die einzige Reptilienart der Schweiz, die ihr Verbreitungsgebiet in jüngerer Zeit sogar noch deutlich ausweiten konnte. 

Die Natur mitten in der Stadt

Ausgerechnet auf dem Gleisareal des Zürcher Hauptbahnhofs hat sich eine statt­liche Population von Mauereidechsen angesiedelt – zweifellos eines ihrer grössten Vorkommen im Schweizer Mittelland. Auf den Lager- und Kiesplätzen zwischen den Gleisen finden Eidechsen ideale Bedingungen: Plätze zum Sonnen, Insekten zum Jagen, reichlich Unterschlupf. Der trostlos wirkende Abschnitt zwischen dem Hauptbahnhof Zürich und Altstetten ist überhaupt zum wichtigen Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere geworden, die auf karge, trockene, sonnenexponierte Standorte spezialisiert sind. Stellenweise werden wertvolle Kleinstrukturen für Wildtiere angeboten, etwa mit Steinen gefüllte Drahtgitterkörbe, die den Mauer­eidechsen ebenfalls zugute kommen. 

Die zart gebauten, flinken Mauer­eidechsen werden selten über 20 Zentimeter lang. Ihr Schwanz erreicht dabei ungefähr das Doppelte ihrer Körperlänge. Die langen, mit feinen Krallen versehenen Zehen ermöglichen es dem Tier, selbst an senkrechten Mauern hochzuklettern. Im Tessin leben Mauereidechsen denn auch sehr häufig an Gebäuden, Ruinen oder dergleichen und werden von der Bevölkerung als Insektenjäger geschätzt. 

Eine Smaragdeidechse am Waldboden reckt ihren blau gefärbten Kopf nach oben.
Smaragdeidechse © Hans Braxmeier/ Pixabay

Die grösste und farbenprächtigste unserer heimischen Eidechsen ist die im Süden der Schweiz vorkommende Smaragdeidechse. Sie lebt im Wallis, Tessin, in der Genferseeregion und in den Bündner Südtälern. Das Männchen der bis über 30  Zentimeter grossen Smaragd­eidechse entwickelt während der Paarungszeit eine wahre Farbenpracht. Die smaragdgrün und schwarz gesprenkelte Körperfarbe wird noch ergänzt durch eine leuchtend blaue Kehle. Die Smaragdeidechse ist relativ nahe mit der Zauneidechse verwandt.            

Informationen über Eidechsen und andere Reptilien der Schweiz finden Sie unter www.karch.ch