Eine perfekte Partnerschaft im Garten. © shutterstock

Schauplatz der Liebe

Im Hobbygarten treffen sich Bisexuelle, Polyamouröse aber auch Romeos und Julias zu unterschiedlichsten Liebschaften. Das Ziel aller Romanzen: Harmonie und Vermehrung. Unser Gartenautor Roland Grüter ist davon beeindruckt. 

Roland Grüter, Gartenkolumnist der Zeitlupe
© Jessica Prinz

Text: Roland Grüter

Letzthin entdeckte ich im Internet ein Foto, das eine Bloggerin ins Netz gestellt hatte. Darauf war eine Klettergurke zu sehen, die mit ihren zarten Ranken einen Bambusstab umschloss. Der Stecken stützte das Gemüse, damit dieses gross und kräftig wächst und die Kraft der Sonne besser nutzen kann. Das Gemüse wiederum schien sich am Stecken anzulehnen, als wolle es sich bei seinem Partner für die Rankhilfe bedanken. Je länger ich das Foto betrachtete, umso mehr faszinierte es mich. Stecken und Gurke waren miteinander verbunden, ohne ineinander zu verwachsen. Sie waren eins, und blieben doch separiert. Hier das Gemüse, dort der Holzstab. Sie stehen Seite an Seite, so kalt und grimmig auch der Wind durch den Garten ihrer Besitzerin bläst. Ich dachte mir: Was für ein schönes Sinnbild der Liebe! Genau so stelle ich mir eine perfekte Partnerschaft vor. Oder um es mit Kalil Gibran, dem Philosophen der 1001 Hochzeitsweisheiten zu sagen: «Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.»

Peterli und Schnittlauch können nicht zum Paartherapeuten eilen

Überhaupt ist der Garten ein prima Schauplatz für amouröse Gemeinschaften. Darin finden sich wilde und romantische Paarschaften, wie sie auch Menschen glücklich (und oft genug unglücklich) machen. Pflanzen sind jedoch in diesem Punkt klüger als wir: Sie lassen sich mit anderen nur dann ein, wenn sie sich gegenseitig Gutes tun. Denn das Ziel erfüllender, botanischer Partnerschaften ist immer das gleiche: sich und gegenseitig gesund zu halten. Damit die Beteiligten den Weiterbestand ihrer Art absichern können. Nur heilige Allianzen schaffen das. Denn Grünzeug kann ja nicht zum Paartherapeuten laufen, sollte es in der Partnerschaft knorzen. Peterli und Schnittlauch, Buschbohnen und Erbsen oder Kartoffeln und Tomaten werden deshalb nie Traumpaare. Und wachsen deshalb nie freiwillig nebeneinander. Deshalb sollten sie Naturfreunde auf Distanz halten.

In gut abgestimmten Pflanzgemeinschaften aber herrscht immer Einigkeit. Buschbohnen und Tomaten, Rüebli und Schnittlauch, Kartoffeln und Tagetes harmonieren wie Romeo und Julia. Auch andere Beziehungsformen sind im Hobbygarten gut vertreten, selbst scheinbar ausgefallene. Bereits die Maya wussten beispielsweise, dass Mais, Bohnen und Kürbisse einen flotten Dreier hergeben und vereinen diese seit jeher in einer bewährten Mischkultur, der so genannten Milpa. Der Mais dient den Bohnen als Rankhilfe, die Bohnen wiederum liefern dem Mais Stickstoff, während die ausladenden Blätter des Kürbisses den Boden bedecken und dadurch vor Regen und Austrocknung schützen. Davon profitieren die beiden anderen Vertreterinnen des Trios. 

Mischkultur aus Mais, Bohnen und Kürbissen.
Die Milpa ist eine bewährte Mischkultur bei den Maya.© shutterstock

Knoblauch – der Gigolo des Gemüsebeetes

Selbst Inter- und Bisexualität sind im Hobbygarten gut vertreten. Einer der bekanntesten Zwitter ist der Zucchetti. Andere Pflanzen sind sogar fähig, ihr Geschlecht im Laufe ihres Daseins zu wechseln – ohne gesellschaftliche Vorbehalte und mediales Staunen, einfach so. 

Ein besonderer beliebter Liebhaber und Partner im Hobbygarten ist der Knoblauch. Er ist so zusagen der Gigolo des Gemüsebeetes und harmoniert mit ganz vielen Partnern und Partnerinnen. Lässt man diesen zwischen Erdbeeren, Rüebli und Salaten wachsen, schreckt der Stinker Schädlinge ab – und hält damit seine Nachbarinnen und Nachbarn gesund. Was neuerlich beweist: Oft sind die inneren Werte weit wichtiger als die Optik. Daran sollten wir uns beim nächsten Date, falls eines ansteht, erinnern.  

Ein Beet mit Knoblauch und Erdbeeren.
Knoblauch ist ein beliebter Partner im Hobbygarten. © shutterstock

Sie sehen, im Gartenbeet herrscht ein munteres Miteinander. Selbst der Sex ist bei den vielen Bewohnerinnen und Bewohnern gut und gerecht geregelt. Pflanzen müssen sich erst gar nicht darum bemühen, um mit ihresgleichen anzubandeln. Sie müssen weder tindern, noch sich aufbrezeln oder hundert SMS in die Welt hinausschicken. Sie können einfach an ihren Standorten verharren, bis Bienen und Hummeln das Glück zu ihnen herbeitragen. Ich finde: Das würde unser aller Leben einfacher machen.

Der Gartenpöstler

Roland Grüter (60) ist leidenschaftlicher Hobbygärtner und folgt strikt den Regeln des Bio-Gärtnerns. Heute lebt er in der Nähe von Zürich und hegt und pflegt einen kunterbunten, wilden Blumengarten. Roland Grüter schreibt an dieser Stelle regelmässig über seinen Spass und seine Spleens im grünen Bereich.

Schwerpunkt «Liebe ist…»

Zwei rote Herzen, handgemalt

Diesen Sommer steht in der Zeitlupe die Liebe im Zentrum: Wie diskutieren Jung und Alt über die Liebe, wohin führt der Liebesweg und was genau ist eine Surrogatpartnerschaft…? Das und vieles mehr finden Sie auf zeitlupe.ch/liebe-ist

Beitrag vom 25.06.2022

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