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Das Mistelwunder

Unser Gartenpöstler glaubt an die Magie von Glücksbringern. Deshalb hängt er am Jahresende auch Mistelzweige über die Eingangstür: in der Hoffnung auf ewige Liebe.

Roland Grüter, Gartenkolumnist der Zeitlupe
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Text: Roland Grüter

Das Leben raubt einem über die Jahre manche Illusion, an einer aber halte ich standhaft fest: an der Hoffnung auf immerwährendes Glück. Zwar darf ich mich in dieser Hinsicht nicht beklagen, Fortuna trägt mir seit jeher regelmässig mit beiden Händen liebe Menschen und schöne Momente herbei. Doch mit Blick aufs aktuelle Weltgeschehen steht manches auf der Kippe, was mir lieb und teuer ist und das Glück mitprägt. Der gegenseitige Respekt bröselt, die Weltpolitik bebt, die Natur kränkelt.

Folglich sind alle Mittel höchstwillkommen, die das drohende Unheil zurückbinden – denn Vernunft und Wissen reichen dazu offenbar nicht aus. Also sammle ich willig vierblätterige Kleeblätter, freue mich über jede Sichtung eines Marienkäfers oder Fliegenpilzes, und in meinen Gartenbeeten wachsen zuhauf Pfingstrosen und Maiglöckchen. Denn ich glaube ganz ganz fest an die Magie dieser Glücksbringer – und bin guter Dinge, dass sie selbst an trüben Wintertagen die Sonne scheinen lassen. Zumindest symbolisch.

Ein Mistelzweig hängt an einer Holztür.
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Über dem Eingang meiner Wohnung hängt deshalb nun auch ein Mistelzweig. Seit Jahrhunderten gilt dieser als erprobter Glücksbringer, insbesondere an Weihnachten und zu Neujahr. Bereits die gallischen Priester waren von der übersinnlichen Kraft der grünen Astkugeln überzeugt und setzten diese als Allzweckwaffe gegen das Böse ein. Darüber hinaus nutzten sie diese als Heilpflanze. Die Druiden hielten die Halbschmarotzerpflanzen, die auf Ästen von Bäumen wachsen (siehe Kasten), von Göttern gesandt und veranstalteten ein ordentliches Tamtam, um deren Mächte zu wecken.

Das Glück hängt an einem Nagel

Der Gelehrte Plinius der Ältere (23–79 n. Chr.) notierte in seinen Schriften:  «Die Gallier ernten Misteln mit grossen Feierlichkeiten. Nachdem sie ein Opfer und ein Mahl unter dem Baum nach rechtem Brauch bereiten, auf dem die rare Mistel thront, führen Druiden zwei Stiere von weisser Farbe herbei. Weiss gekleidet erklimmen sie daraufhin den Baum und schneiden die Mistel mit einer goldenen Sichel; diese wird in einem weissen Tuch aufgefangen. Endlich schlachten sie dann die Opfertiere und beten, die Götter mögen die Gabe glücksbringend machen für die glücklichen Finder.»

Dass die Gebete durchaus erhört werden, wissen wir spätestens seit Asterix und Obelix. Der Zaubertrank, den Dorf-Druide Miraculix aus Misteln und anderen Kräutern braute, macht selbst Schmachtspargeln, wie ich eine bin, zu T-Rex-Bolliden. Ohne dass man dafür erst Schweiss treibend Eisen stemmen muss. Auch das ist ein Glück und ganz in meinem Sinn.

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So kommen die Misteln auf den Baum

Misteln wachsen auf Bäumen. Sie favorisieren Arten mit weichem Holz und sind Halbschmarotzer: Sie besitzen folglich kein gewöhnliches Wurzelwerk, sondern treiben spezielle Saugwurzeln (Haustorien) in die Äste seines Wirtes, um dessen Leitungsbahnen anzuzapfen und daraus Wasser und Nährsalze zu schöpfen. Im Gegensatz zu echten Schmarotzern betreiben Misteln aber auch selbst Photosynthese und sind deshalb nicht vollends auf die Stoffwechselprodukte des Gastgebers angewiesen. Trotzdem: Wird ein Baum stark von Misteln besiedelt, kann er eingehen, weil für seinen Eigenbedarf zu wenig Power bleibt. Das kommt leider immer öfters vor: Denn dank der milden Winter – Klimawandel sei dank! – breiten sich Misteln stellenweise erstaunlich stark aus.

Misteln haben sich perfekt ans Leben in luftigen Höhen angepasst: Sie blühen bereits im März, in Zeiten also, in denen Bäume noch keine Blätter tragen. Ihre Beeren aber reifen erst im Dezember, wenn die Bäume neuerlich nackt im Winterwind stehen – und deshalb die Früchte von Vögeln leichter gefunden werden. Denn auf deren Heisshunger sind Disteln angewiesen, wollen sie sich verbreiten. Das ist bereits im deutschen Namen des Gewächses festgeschrieben, dieser leitet sich von dem Wort «Mist» ab:  Vögel, vor allem Misteldrosseln, haben die Beeren zum Fressen gern und scheiden die darin enthaltenen Kerne an ihren Sitzplätzen unverdaut aus, wo diese keimen können. Oder die gefiederten Ammen putzen ihre Schnäbel am Holz, um sich nach dem Festschmaus von den klebrigen Samen zu befreien – und tragen auf diese Weise ebenfalls zur Verbreitung der Misteln zu.

Auch clever: Der kugelige, gedrungene Wuchs bietet dem Wind hoch oben in den Baumkronen kaum Angriffsfläche, um die Pflanzen aus ihrer Verankerung zu reissen. Sonst würde uns die Glücksbringer womöglich ständig vor die Füsse fallen.

Trotzdem. Gut, haben sich die Zeiten geändert. Denn um das Glück in den Mistelzweigen zu wecken, muss ich nicht erst einen Stier schlachten. Es genügt vollends, dafür einen Nagel in die Wand zu treiben und das feine Geäst mit den weissen Beeren daran zu hängen. Besonders glücksbringend sollen Mistelzweige bekanntlich für Paare sein, die sich unter dem Geäst küssen. Meine persönlichen Versuche sind zwar kläglich gescheitert. Doch daran ist nicht etwa das Grün schuld, sondern meine Unvernunft und die meiner Partner. Diese lässt sich wahrscheinlich mit einer Extraportion Glück überwinden. Deshalb nagle ich seit Jahren ausschliesslich XXXL- Zweige über die Tür.

Magie statt Maggi

Mein Glaube an weisse Magie geht übrigens auf eine Nachbarin aus Kindertagen zurück, auf Fräulein Bertolaso. Die alte Dame lebte in der Parterrewohnung unter uns. Sie hatte ein zauberhaftes Wesen, mischte deutsch und italienisch nach einer geheimen Formel und trug an markanter Stelle im Gesicht ein behaartes Muttermal. Darüber hinaus hatte das Schicksal ihren Oberkörper vornüber gebeugt und dermassen an ihren Kräften gezehrt, dass sie auf einen Stock angewiesen war – und sie wie eine Hexe aussehen liess, wie ich sie aus Kinderbüchern kannte.

Etwas unterschied Fräulein Bertolaso jedoch vehement von den ollen Hänsel-und-Gretel-Tanten: Sie war freundlich, hatte ein gutes Herz und tätschelte mir immer wohlwollend auf den Schopf, begegnete ich ihr im Treppenhaus. An ausgewählten Glückstagen durfte ich sogar von ihren Ravioli naschen, die sie jeweils selbst fertigte. Ihre Teigtaschen waren göttlich, ungemein aromatisch und würzig. Sie liessen die Büchsenware, wie ich sie sonst kannte, doppelt säuerlich und fade erscheinen. Was meinen Hexenverdacht zusätzlich bestärkte: Denn so etwas Köstliches, da war ich mir sicher, lässt sich unmöglich mit irdischen Zutaten zubereiten. Dahinter musste Magie wirken. Seither bin ich dieser hoffnungslos verfallen.

Meine Mutter hantierte leider lieber mit Maggi.

Der Gartenpöstler

Roland Grüter (62) ist leidenschaftlicher Hobbygärtner und folgt strikt den Regeln des Bio-Gärtnerns. Heute lebt er in der Nähe von Zürich und hegt und pflegt einen kunterbunten, wilden Blumengarten. Roland Grüter schreibt an dieser Stelle regelmässig über seinen Spass und seine Spleens im grünen Bereich.

Beitrag vom 15.12.2022
  • Ernst Leuenberger sagt:

    Als Förster hätten wir früher schon gute Geschäfte mit der Mistel machen können ! Aber beim fällen der Bäume , v.a. die Weisstanne , wurden die schönen » Büschel» meist zerschlagen ! Man hätte die 30-40 m hohen Bäume erklätern müssen ! Nicht jedermanns Sache ! Es ist schon so – die Bäume leiden sehr unter dem Befall ! Wenn noch Trockenheit dazu kommt – dann sterben sie ab !

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