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Die Bokashi-Krise

Unser Autor hätte seine Küche gerne mit einer Kompostanlage aufgerüstet – doch sein Mitbewohner stemmte sich dagegen. Nun muss das Bokashi-Wunder, das Küchenabfälle zu hochwertiger Erde macht, halt im Gästebad wirken.  

Mark Twain (1935–1910) war davon überzeugt: «Wer sich aus vollem Herzen freuen will, sollte sein Glück mit anderen teilen.» Der Mann kam wahrscheinlich aus Erfahrung auf dieses Fazit. Denn sein Schatz, mit denen er andere beglücken konnte, war riesengross. Immerhin arbeitete er als Drucker, Schifflotse, Goldgräber, Reisejournalist und Schriftsteller. Ein Bokashi-Fan war er aber nicht – sonst hätte er seinen Merksatz garantiert umgeschrieben.  

Bokashi? Wahrscheinlich haben Sie davon noch nie gehört. Der Ausdruck stammt aus Japan und bedeutet soviel wie «fermentiertes organisches Allerlei». Frei übersetzt versteht man darunter hochkonzentrierten und äusserst hochwertigen Kompost, der sich ohne grossen Aufwand selber herstellen lässt. Dafür füllt man Bananenschalen, Speiseresten, Kaffeesatz und andere Küchenabfälle in ein Kunststoffgefäss, fügt dem Allerlei Milchsäure- und andere Bakterien bei und lässt die Mikroorgansimen unter Ausschluss von Sauerstoff wirken. In nur drei Wochen zersetzen diese das Mischmasch zu Komposterde. Stichwort Fermentation.

Ein Fenstersims genügt

Damit machen Menschen Lebensmittel seit je haltbarer, bekömmlicher und schmackhafter. Gärverfahren, wie sie unsere Grossmütter liebten, sind gerade wieder gross in Mode – so auch im Hobbygarten. 

Gartenexpertin und Buchautorin Angelika Ertl jedenfalls ist von der Bokashi-Methode begeistert. Manche kennen die quirlige Frau aus dem österreichischen Fernsehen. Dort gibt die Bio-Gärtnerin seit Jahren ihre Tricks und Kniffs, die sie in ihren Gärten nahe von Innsbruck sammelt und erprobt an andere weiter: mit einer Leidenschaft, die so überzeugend und betörend ist wie ihre Staudenbeete. Unlängst telefonierten wir, um über das sogenannte Edaphon zu sprechen, das Bodenleben: Wir philosophierten darüber, wie Milliarden von Organismen die Erde fruchtbar und damit Pflanzen stark und gesund halten – und wie wenig Hobbygärtnerinnen und -gärtner darüber wissen.

In diesem Zusammenhang kamen wir auf Bokashi zu sprechen. Als sie mir davon erzählte, zuckte ich ratlos die Schultern. «Was, Du kennst diese Super-Gärung nicht?», fragte mich die Bio-Gärtnerin lachend: «Das musst Du subito ändern» Und schon begann sie den Matsch zu loben und zu preisen, als handle es sich dabei um pures Gold. «Der Kompost lässt sich ohne Aufwand herstellen» – «Dazu braucht man keinen Garten, ein Fenstersims genügt» – «Er duftet wunderbar nach Sauerkraut.» Und: «Bokashi in die Erde arbeiten – und schon explodieren Gemüse und Blumenstauden. Am besten stellst Du schon mal den Schutzhelm parat.»

Ich bin zwar zugegebenermassen weniger klug als Mark Twain, doch auch ich weiss: Wo Feuer ist, springen Funken leicht über. Entsprechend hallte die Bokashi-Predigt nach und führte mich direkten Weges an den Computer, wo ich im Internetshop gleich zwei der Spezial-Eimerchen orderte. Eines schien mir zu wenig. Danach marschierte ich in die Küche, um nach einem geeigneten Plätzchen für meine neue Errungenschaft Ausschau zu halten. Drei Tage später stand der Eimer am vorgesehenen Ort. Die Freude war gross, das Wunder konnte starten.

Des einen Freud, des anderen Leid

Dann aber kam Andreas, mein Mitbewohner. Der Mann ist sonst eine coole Socke. Er arbeitet in der Notfallstation eines Spitals und kennt sich folglich fast mit allen Sonderheiten des Lebens aus. Den meisten begegnet er mit Humor und Gelassenheit. Den zugegebenermassen giftgrünen Eimer aber, der am Boden in unserer Küche stand, betrachtete er mit Argwohn, ja sogar mit Abneigung. Und als ich ihm begeistert von den gärenden Bakterien, vom geruchsfreien Turbo-Dünger und von üppig wachsenden Pflanzen erzählte, schien er noch grimmiger dreinzuschauen. Jedenfalls hob er den rechten Arm und zeigte mit dem Finger auf das zugegebenermassen nicht sonderlich hübsche Gefäss. «Das ist ja gruuusig. Das Ding kommt weg. Sofort!» Also packte ich den Kübel am Henkel und trug ihn murrend weg. Schliesslich wollte ich nicht riskieren, dass mir vor den explodierenden Tomaten noch anderes um die Ohren flog. 

Nun steht der Bokashi-Eimer in der Duschwanne unseres unbenutzten Gästebades, und ich trage jeden Tag Kaffeesatz und zerstückelte Bananenschalen quer durch die Wohnung, um damit die Bokashi-Bakterien zu füttern. Der Behälter ist zwar schon fast voll: Aber Andreas wehrt sich noch immer beharrlich, an meinem Glück Anteil zu nehmen. Vielleicht können ihn dereinst die Tomaten und Gurken umstimmen, die mit Bokashi-Power heranwachsen. Das Plätzchen in der Küche bleibt bis dahin jedenfalls reserviert.

Bokashi-Eimer finden Sie leicht in Onlineshops. Migros Do It+Garden bietet beispielsweise entsprechende Indoor-Start-Sets für 99.80 Franken an.

Zur Person

Roland Grüter (60) ist leidenschaftlicher Hobbygärtner und folgt strikt den Regeln des Bio-Gärtnerns. Sein erstes Reich hat er vor 40 Jahren aus Not angelegt – er wollte die Pflanzen aus dem Garten eines Hauses retten, das abgerissen wurde. Heute lebt er in der Nähe von Zürich und hegt und pflegt einen kunterbunten, wilden Blumengarten. Eine Ecke ist darin für Gemüse reserviert. Roland Grüter schreibt an dieser Stelle regelmässig über seinen Spass und seine Spleens im grünen Bereich.

 

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