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Flieg, Schmetterling, flieg!

Ein Hobbygarten sollte nicht nur dessen Besitzerin oder Besitzer glücklich machen, sondern auch Insekten. Denn die Flügler stehen mächtig unter Druck und sind dringend auf Futterquellen angewiesen. Unser Gartenpöstler Roland Grüter listet Pflanzen auf, die ihnen Nahrung und damit eine Zukunft geben.

Früher galten Hobbygärtner gemeinhin als Spiesser. Ich erinnere mich sehr wohl daran, wie meine Freunde damals ihre Stirn runzelten, erzählte ich ihnen von meinem Faible für die Natur. Modernisten reisten in den 1970ern und 1980ern nach Mailand, London und New York, um dort in coolen Clubs die Nacht durchzutanzen. Aber um Gärten machten sie einen weiten Bogen. Zu wenig Champagner, zu viel Dreck.  

Garten-Opas: die neuen Idole

Diese Zeiten sind vorbei. Urban Gardening hat einen gehörigen Sinneswandel bewirkt. Auf kleinsten Balkonen werden nun Tomaten und Gurken gezogen. Und Garten-Opas wie ich, gelten urplötzlich als Vorbilder. Manche sehen in uns sogar Helden – vor allem, wenn wir unsere Beete naturnah gestalten. Schliesslich retten wir damit Schmetterlinge, Bienen und die Artenvielfalt vor dem sicheren Ende. Und das ist vorbildhaft. Applaus.

Ein kleiner Bläuling sitzt auf einer gelben Hornkleeblüte
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Grund zur Sorge ist durchaus gegeben: Die Population der Käfer, Bienen und Fliegen wird besorgniserregend dünn. Insekten aber wirken bei 88 Prozent aller Pflanzen mit, sich sexuell zu vermehren – in tropischen Regionen sind es sogar über 90 Prozent. Fallen sie aus, bleibt das fein justierte Räderwerk der Natur stehen. Damit gehen uns nicht nur viele Wildarten verloren, sondern womöglich auch wichtige Nahrungsquellen. Also Achtung: Alarmstufe rot.

Das Insektensterben rüttelt verständlicherweise viele Naturfreundinnen und -freunde auf – und damit auch die Leserinnen und Leser meiner Kolumnen. Sie fragen mich regelmässig an, welche Stauden sie in den Garten setzen sollen, um die drohende Katastrophe abzuwenden. Darauf lässt sich leider keine einfache Antwort geben, auch wenn das dem modernen Zeitgeist widerspricht, der für komplizierte Sachverhalte simple Lösungen einfordert. Die Grüne Branche bestärkt zwar diese Haltung – und preist bienen- oder schmetterlingsfreundliche Samenmischungen, Sommerblumen und Stauden an, als könne man damit gleich die gesamte Flora und Fauna retten. 

Insektenfutter im Hobbygarten

Doch das Zusammenspiel zwischen Tier und Pflanze ist weit komplexer als die Slogans der Anbietenden. Gewisse Wildbienen-Arten beispielsweise nehmen nur ganz bestimmte Staudenarten an. Darüber hinaus werden Fliegen und Käfer in der gängigen Naturliebe gemeinhin ausgeschlossen, obwohl diese einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität leisten. In der Folge liste ich deshalb Tipps von Biologinnen und Biologen des deutschen Umweltverbandes NABU auf, welche die Vorlieben der Insekten genauer studiert haben. Hier deren Expertisen:

Honig- und Wildbienen ernähren sich von Nektar und Pollen. Sie fliegen mit Vorliebe Lippen- und Rachenblütler mit rauen Blütenblattflächen an, auf deren Unterlippen sie nach der Landung guten Halt finden. Die Farben ihrer Wahl sind Gelb und Blau. Ein Tipp: Damit frühfliegende Wildbienen wie Hummeln im Frühjahr nicht hungern müssen, sollte man ihnen Krokusse und Taubnesseln anbieten.

  • Lieblingspflanzen der Honig- und Wildbienen: Garten-Salbei, Muskateller-Salbei, Natternkopf, Nesseln, Ranken-Glockenblume, Rundblättrige Glockenblume, Roter Fingerhut, Krokus, Nickende Disteln, Phazelie, Kugeldistel, Käferblume, Lungenkraut, Färberkamille, Ackerbohne und Ysop. 
Nahaufnahme einer Biene am Garten-Salbei.
Garten-Salbei gehört zu den Lieblingspflanzen von Bienen. © shutterstock

Schmetterlinge saugen Nektar aus tiefen langen Blütenröhren, die Bienen und Fliegen nicht erreichen können. Oft liegt der Nektar in den meist aufrechten Blüten bis zu vier Zentimeter im Inneren der Blüte verborgen. Die favorisierten Farben der Tagfalter sind Rot, Blau oder Gelb. Sie müssen gut auf Blüten landen können. Tellerförmige Blüten mit langen Röhren (Stieltellerblumen), wie sie beispielsweise Nelken zeigen, sind für diese Arten ideal. Auch Schmetterlingsblütler (Gewöhnlicher Hornklee, Ginster) und röhrenförmige Blüten (Karden) ziehen Tagfalter an. Nicht vergessen: Wer Schmetterlinge in seine Beete locken will, sollte unbedingt auch an die Futterpflanzen der Raupen denken. Dill oder Gewöhnlicher Hornklee taugen etwa für Balkon oder Dill, Brennnessel und Himbeeren für den Garten.

  • Lieblingspflanzen der Schmetterlinge: Ackerwitwenblume, Wiesenflockenblume, Rotklee, Nelkenarten, Frühlings-Platterbse, Gewöhnlicher Hornklee, Karde und Ginster.
Ein kleiner Fuchs sitzt auf einer üppigen Nelkenblüte.
Nelken ziehen Schmetterlinge an, hier z.B. den kleinen Fuchs. © shutterstock

So machen Sie Insekten doppelt glücklich

Sie müssen nicht gleich den Garten umgraben und neu bepflanzen, wollen Sie Insekten Pollen und Nektar anbieten. Überlassen Sie die entlegenste Ecke der Natur sich selbst: Schon bald wird diese von Brennnesseln, Gräsern und Klee besiedelt. Ein Leckerbissen für viele Insektenarten.

Insekten haben das ganze Jahr über Hunger. Früh fliegende Insekten wie Hummeln gehen oft leer aus. Daher sollte man ihnen Schneeglöckchen, Krokusse oder Narzissen anbieten, die schon im Frühjahr blühen.

Wer Insekten zu einem reich bestückten Buffet laden möchte: Ein farbenfrohes, duftendes Wildblumenbeet mit heimischen Pflanzen bereichert jeden Garten. Wildsorten blühen in der Regel zwar kürzer. Schneidet man diese jedoch zurück, initiieren sie eine zweite Blustwelle – und erfreuen ihre Besitzer über einen längeren Zeitraum.

Nachtfalter fliegen auf meist hängende Röhrenblumen und Stieltellerblumen, deren Nektar bis zu 20 cm tief in den Blüten verborgen liegen kann. Da die Falter in der Dunkelheit zur Futtersuche starten, orientieren sie sich am starken, süsslichen Duft der Blüten. Nachtfalterpflanzen sind tagsüber geschlossen. Sie öffnen sich erst am Abend und verströmen dann ihre lockenden Duftnoten.

  • Lieblingspflanzen der Nachtfalter sind beispielsweise: Nachtkerze, Jelängerjelieber, Weisse Lichtnelke, Nickendes Leimkraut und Zaun-Winde.
Eine Motte sitzt auf einer geöffneten Nachtkerzenblüte.
Nachtkerzen verströmen einen intensiven Duft. © shutterstock

Käfer und Fliegen sind auch wichtig

Käfer werden als erste Bestäuber der Erdgeschichte angesehen – kommen in den Überlegungen moderner Naturhüter kaum je vor. Blüten besuchende Käfer fressen vor allem Pollen, da der Nektar für ihre kurzen Beisserchen oft zu tief verborgen ist. Sie sind deshalb auf gut zugänglichen, offenen, pollenreichen Blüten zu finden: auf Rosen, Apfelblüten, Clematis. Oder auf Doldenblütlern wie Engelwurz und Wilder Möhre. Ihre Lieblingsfarben liegen zwischen cremigem Weiss und gelblichem Braun. Zudem lieben Käfer Blüten, die stinken. Käfer nutzen die Blüten auch zum Sonnen, zur Übernachtung oder als Paarungsplatz. 

  • Lieblingspflanzen der Käfer sind beispielsweise: Wiesenkerbel, Kälberkropf, Engelwurz und Wiesen-Bärenklau.
Nahaufnahme von Bärenklau mit einem rötlichen Käfer
Käfer lieben offene, pollenreiche Blüten wie Wiesen-Bärenklau. © shutterstock

Fliegen brauchen unterschiedliche Blütenformen. Schwebfliegen beispielsweise konsumieren gerne Nektar und suchen möglichst offen zugängliche Blüten. Aasfliegen wiederum fliegen sehr spezielle Blüten an, um dort ihre Eier abzulegen. Schwebfliegen haben kurze und leckende Mundwerkzeuge und favorisieren Doldenblütler, Korbblütler oder werden von Fallenblumen angelockt, aus der sie erst nach der Bestäubung wieder freikommen.

  • Lieblingspflanzen der Fliegen sind beispielsweise: Doldenblütler (z. B. Fenchel, Dill oder Kümmel), Korbblütler (Färber- oder Hundskamille), Fallenblumen wie Aronstab oder Schwalbenwurz
Aufnahme von oben: Eine Schwebefliege sitzt auf Dillblüten
Schwebefliegen bevorzugen Doldenblütler, z.B Dill. © shutterstock

Zwar ist jeder Beitrag, der die Welt der Kleinsttiere in Schuss hält, höchst willkommen. Aber wie die Ausführungen der NABU-Expertinnen und Experten zeigen: Etwas Grundwissen ist schon gut, um effiziente Hilfeleistungen zu treffen. Und selbst ideale Futterpflanzen machen Krabbler und Flügler nur bedingt glücklich, wachsen sie allein auf weiter Flur. Sie sind auf vernetzte Biotope angewiesen, egal ob diese klein oder gross sind. Denn nicht alle Insekten sind dermassen reisfreudig wie die Honigbienen, die drei bis sieben Kilometer zurücklegen, um Nektar einzusammeln. Kleinere Wildbienenarten etwa entfernen sich nur knapp 150 Meter von ihren Wohn- und Nistplätzen. Will man diese Tierchen in sein Reich locken, genügt folglich ein artgerechter Blühstreifen kaum. Man muss ihnen nebst Kost auch eine Logie anbieten. 

Der Gartenpöstler

Roland Grüter, Gartenkolumnist der Zeitlupe

© Jessica Prinz

Roland Grüter (61) ist leidenschaftlicher Hobbygärtner und folgt strikt den Regeln des Bio-Gärtnerns. Heute lebt er in der Nähe von Zürich und hegt und pflegt einen kunterbunten, wilden Blumengarten. Roland Grüter schreibt an dieser Stelle regelmässig über seinen Spass und seine Spleens im grünen Bereich.


Beitrag vom 16.05.2022
  • Ernst Leuenberger sagt:

    Ja, dieser Bericht über die Insekten ist richtig und wichtig! Leider wird auch da wieder viel unwahres erzählt und verkauft! Z.B. , Raupenzucht , Schwalbenschwanz, da werden die Raupen im Haus überwintert – dann schlüpfen sie zu früh – werden freigelassen – da ist weder Nahrung noch Pflanzen bereit für die Eiablage !
    In den Privatgärten sollte in 1.Linie kein Gift mehr eingesetzt werden. Und das grosse Theater wegen Unkraut! Dabei sind viele Wildpflanzen wichtige Nahrungspflanzen für viele Insekten !

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