Für Nachtschwärmer

Die Nacht rückt Städte in ein anderes Licht. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das auf geführten Touren mit Nachtwächtern. Diese führen zu verwaisten Gassen und quer durch die Historie.

Text: Roland Grüter

Langsam legt sich Dunkelheit über Zürich. Die Hektik in den Strassen und Gassen verklingt, der Lärm schwindet, die Stadt kommt zur Ruhe. «In der Nacht ist Zürich eine andere Stadt», sagt Martin Harzenmoser. Er will an diesem späten Abend Interessierte durch die leeren Gassen der Limmatmetropole führen – und noch wichtiger, durch vergangene Jahrhunderte.

Nachtwächter Martin Harzenmoser mit Laterne im nächtlichen Zürich.
© Sophie Stieger

Martin Harzenmoser trägt einen schwarzen Umhang. In der einen Hand hält er eine Hellebarde, in der anderen eine Laterne. Die historische Kleidung der Nachtwächter. Diese schlossen bis 1865 in Zürich die Stadttore, drehten danach ihre Runden und riefen an 94 Plätzen stündlich die Zeit aus. 20 Männer waren dafür unterwegs. Zu ihren wichtigsten Aufgaben aber gehörte die Brandwache. Sobald die Nachtwächter züngelnde Flammen erspähten, weckten sie die Bevölkerung mit drei Fanfarenstössen aus ihrem Horn. Füürio!

Martin Harzenmoser ist die Tradition dieser Berufsleute wichtig. «Ihr Wirken sagt viel über das frühere Stadtleben aus», sagt der Historiker: «Die Geschichten, die ich auf meiner Tour über die Männer der Nacht erzähle, lassen alte Zeiten für kurze Momente auferstehen.»

Und tatsächlich: Im Bann seiner Anekdoten scheint man Schriftsteller Gottfried Keller zu erspähen. Dieser war ein stadtbekannter Süffel, er machte sich oft genug zu später Nacht wankend auf den Heimweg – und war bei Nachtwächtern entsprechend bekannt. Keller wird auf der Tour denn auch gleich mehrfach erwähnt. Auch sonst rückt die Moderne auf der Tour immer wieder in weite Ferne, und man wähnt sich zurückversetzt in uralte Tage. Was für eine vergnügliche und spannende Zeitreise.


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Beitrag vom 30.09.2026

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