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Einmal Porto und zurück

Reisen in Corona-Zeiten ist ein aussergewöhnliches Erlebnis. Wir haben trotzdem einen Kurztrip in die wunderschöne Stadt Porto, Portugal, gewagt. Ein Erfahrungsbericht.

Von Marc Bodmer

Während in Indien die zwei Corona-Welle die Zahl der Infizierten und Todesopfer nach oben drückt, wagen sich in Europa manche Länder an eine Lockerung der Sicherheitsmassnahmen – so auch Portugal. Aus diesem Grund und der Aussicht, dass keine Quarantäne die Rückkehr in die Schweiz trüben würde, wurde Ende April der Versuch eines verlängerten Wochenendes in Porto lanciert. Warum gerade Porto? Der Beschrieb unserer Zeitlupe-Leserreise klang schon vor ein paar Wochen zu verlockend …

Wer sich zu zweit den Luxus gönnt – und es ist Luxus –, darf neben dem Flug mit rund CHF 600.– für die PCR-Tests rechnen: Zwei Mal CHF 150.– für die Hin- und nochmals zwei Mal CHF 150.– für die Rückreise. Ein Hotelzimmer zu finden, ist nicht weiter schwierig, denn viele haben geöffnet, aber nur wenige Touristinnen und Touristen bis jetzt gebucht. Das dürfte sich aber in nächster Zeit ändern, denn Porto lockt mit schönem, wenn auch noch kühlem Wetter.

Im Vorfeld des Fluges gilt es die Reisedokumente – PDF des PCR-Tests sowie eine Besucherkarte für Portugals Behörden – hochzuladen. Ohne diesen etwas umständlichen Schritt kann man das Online-Check-in nicht abschliessen. Das ist aber sehr zu empfehlen. Lieber möglichst viel in Ruhe zu Hause erledigen, als im Stress am Flughafen.

Wie in einem Zombie-Film

Zurich Airport präsentiert sich menschenleer. Erinnerungen an post-apokalyptische Zombiefilme wie «28 Days Later» oder «Omega Man» mit Charlton Heston werden wach. Die Abflughallen, ohne eine Menschenseele, ist surreal. Die Dame am Sicherheitscheck meint jedoch: «Sie hätten vor einer guten Stunde hier sein sollen. Da zog sich die Warteschlange durch die ganze Halle.» Also: Frühzeitig zur Abgabe des Gepäcks und zum Sicherheitscheck erscheinen.

Wie bei einer Einreise in die USA gibt es am Gate eine erneute Kontrolle der Einreisedokumente samt Corona-Test. Wer die Dokumente bereits online hochgeladen hat, kann sich diesen Schritt sparen.

Der Flug ist komplett ausgebucht. Alle Passagierinnen und Passagiere tragen Masken. Die Crew selbstverständlich auch. So dicht an dicht zu sitzen und die Hinweise, dass die Luftdüsen nicht benutzt werden sollen, verströmen keine Zuversicht. Zum Glück ist das Essen an Bord kostenpflichtig. Entsprechend wenig wird konsumiert. Die Masken bleiben während zweieinhalb Stunden oben.

Auch im Flughafen von Porto sind die Hallen leer. Beim Kofferkarussell finden sich ein paar Leute, aber auch hier hält sich der Andrang sehr in Grenzen. Der Verkehr in die Stadt ist locker. Einmal im Hotel eingecheckt werden wir gebeten, eine Frühstückszeit anzugeben, da die Besuche des Restaurants gestaffelt zu erfolgen haben. Neun Uhr erscheint vernünftig, was unserem zehn Uhr dank einer Stunde Zeitverschiebung entspricht.

So, nun aber raus. In den Strassen gibt es keine Maskentragpflicht, die meisten Leute tragen trotzdem eine. In den engen Gassen ziehen auch wir dies vor. Wir spazieren zur Rua Santa Catarina, einer Fussgängerzone gesäumt von vielen Läden, mehrheitlich internationaler Marken, was etwas schade ist. Lokale Hersteller sind – bis auf ein paar kleinere Läden und Confiserien – kaum zu sehen.

Rua Santa Catarina mit Fussgängern in Porto. Zeitlupe
Rua Santa Catarina in Porto © shutterstock

Essen in Zeiten von Corona

Beim Abendessen im hoteleigenen Restaurant «Blind» erleben wir unser erstes kulinarisches Highlight. In gebührendem Abstand zu anderen Gästen – wir sehen sie kaum – nehmen wir nahe der Bar Platz. Wir steigen ein mit einer netten Portion Presunto, der lokalen Antwort auf Spaniens Jamon iberico. Wer diesen Vergleich anstellt, läuft Gefahr, die gute Laune der Kellnerin zu verderben. Die Rivalität zwischen den angrenzenden Ländern ist immer noch sehr präsent. Gerüchte berichten gar, dass Kunden, die in Läden spanisch vorsprechen, nicht oder erst am Schluss bedient werden. Wie dem auch sei: Der Presunto schmeckt hervorragend, die Differenz zum iberischen Konkurrenzprodukt ist vergleichbar mit dem Unterschied zwischen Bündner und Walliser Trockenfleisch. Mit weiteren Details zum gelungenen Dinner möchte ich nicht weiterfahren …

Am zweiten Tag erfahren wir einiges mehr über die Stadt am Fluss Douro. Mit unserem Stadtführer João ziehen wir während vier Stunden über Brücken und Plätze und durch enge Gassen. João, in Porto geboren, erinnert sich, dass vor rund 20 Jahren in seiner Stadt gar nichts los war. Die Häuser oft zerfallen zu Ruinen. Grau. Trist. Neues wie chinesische oder indische Küche wurde abgelehnt und fasste auch entsprechend spät Fuss. Und dann? Dann kam Ryanair. Die Billig-Fluggesellschaft setzte Porto gewissermassen auf die touristische Landkarte und trat damit einen Wandel sondergleichen los. Plötzlich war die Bischofsstadt gut erreichbar und die Touristen flogen in Scharen ein. Plötzlich war Neues möglich. Bauruinen wurden für die Privatvermietungen durch Air BnB aufgemotzt. Das Grau wich bunten Fassadenfarben.

Vom Einfall «der Barbaren» spüren wir wenig. In den Läden wird man zuerst auf Portugiesisch angesprochen. Erst nach dem zögerlichen «bun dia» – guten Tag – unsererseits erfolgt der problemlose Wechsel auf Englisch. Touristinnen und Touristen erwartete man Ende April noch keine. Dafür sind die Tripeiros unterwegs. So werden die Bewohnerinnen und Bewohner Portos wegen ihrer kulinarischen Vorliebe für Kutteln (port. Tripas) genannt.

Ungewohnte Geselligkeit

Womit wir beim wohl berühmtesten Markenzeichen von Porto angelangt sind: dem Portwein. Davon verstehen wir nicht viel, aber wir schätzen den gespriteten Wein trotzdem. Eine Besichtigung des Weinkellers von Graham auf der anderen Uferseite des Duoro, wo sich sämtliche Portwein-Lager befinden, lohnt sich auf alle Fälle. Wo sonst bekommt man auf einen Blick fünf Millionen Liter Porto zu sehen und erfährt so viel über den Anbau, der im Landesinnern stattfindet? Zum Schluss der Tour können noch Portweine verkostet werden. Je nach Alter fallen die Proben unterschiedlich teuer aus. Wer mal die gehobenere Klasse probieren will, hat hier eine vergleichsweise günstige Gelegenheit dazu.

Weinfässer in Grahams Portweinkeller in Porto
Portweinfässer im Weinkeller von Graham © shutterstock

Nach diesem doch ziemlich anstrengenden Tag – das rechte Knie hat inzwischen den Geist aufgegeben und ruft nach Schmerzmitteln – steht noch ein Besuch im Restaurant Mistu an. In einer ehemaligen Stahlwerkstatt wurde dieses schicke Lokal auf zwei Stöcken eingerichtet. Als wir ankommen, ist kein Platz mehr frei, ausser natürlich die von uns im Vorfeld reservierten. In der Galerie angekommen, befällt uns ein beklemmendes Gefühl: Ein voll besetztes Restaurant! Kein Fenster geöffnet. An der Decke drehen drei «Miefquirle». Die Leute fröhlich in Gespräche vertieft. Gelächter. Gelöste Stimmung. Doch die Gedanken schweifen zu Schlagzeilen wie «Spreader-Event!» und «Ein weiteres Ischgl». Zu ungewohnt ist diese Situation mittlerweile. Das Essen dagegen ist wiederum gelungen, wobei nicht alle Gänge halten, was das Menu versprochen hat.

Die Vorstellung, dass Touristenhorden sich bald wieder durch die engen Gassen Portos drücken, begleitet uns – eingehüllt von einer Atemmaske – auf dem Weg zum Flughafen. Das Gefühl, die Stadt gewissermassen für sich zu haben und in den Strassencafés sich einfach hinsetzen und eine Pastel de nata, die portugiesische Antwort auf Nidelbeckeli, mit einem Espresso geniessen zu können, ist toll. Und eine Tour durch einen Port-Weinkeller nur mit zwei weiteren Pärchen teilen zu dürfen, ist kaum zu glauben, denn üblicherweise liegt die Gruppengrösse bei 60 bis 80 Personen. So gesehen hat selbst die verheerende Corona-Pandemie ihre positiven Seiten.

Wer will, mag sagen, dass es verfehlt sei, für ein paar Tage einen derartigen Aufwand zu betreiben. Ausgerechnet in diesen Zeiten. Doch gerade sie sind es, die einen solchen Entscheid gären lassen. Es ist der Wunsch nach etwas Freiheit, nach Abwechslung. Das haben wir in Porto erlebt. Es wird uns bestimmt wieder an die grossartige und wunderschöne Stadt am Duoro ziehen. Wann? Nach den Impfungen, die hoffentlich Reise- und andere Aktivitäten vereinfachen werden. Übrigens: Am 8. Juni ist es Zeit für meine zweite Dosis.


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