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«Waterloo Sunset» von The Kinks Songs und ihre Geschichten

Neben den Beatles, den Rolling Stones und den Who zählen die Kinks zu den erfolgreichsten britischen Bands der 1960er-Jahre. Die präzisen Beobachtungen ihres Sängers und Songschreibers Ray Davies über die Alltagskultur der Londoner Vorstädte und das Leben der einfachen Leute gelten als Inbegriff raffinierter Popmusik.

Von Urs Musfeld

London 1940: Wegen der drohenden deutschen Luftangriffe werden die Arbeiter in die Randbezirke der Hauptstadt evakuiert – in das heute noch beschauliche Muswell Hill im Norden. Darunter auch das Ehepaar Fred und Annie Davies mit ihren sechs Töchtern. 1944 werden Ray und drei Jahre später Dave geboren. Beide lieben Rock`n`Roll und Blues, genauso wie Vaudeville, Jazz, Frank Sinatra, Perry Como oder Hank Williams. 1963 gründen sie mit zwei weiteren Musikern The Kinks.

Mit der Single «You really got me» landen sie 1964 auf Platz eins der englischen Charts. Die bis dahin härteste britische Rockaufnahme. Die erste Platte mit einem Heavy-Metal-Gitarrenriff. 

In weiteren Hits wie «A well respected man» (1965) führt Ray Davies Charakterstudie und Satire in den britischen Pop ein. «Dedicated follower of fashion» (1960) liefert eine brillante Parodie auf das “Swinging London»In «Sunny afternoon» (1966) schildert Ray Davies mit beissender Ironie die Lage des heruntergekommenen Adels unter der Labour-Regierung («Der Steuereintreiber hat mir das letzte Geld weggenommen / und mich allein in meinem Prachtbau zurückgelassen …»). Das fröhliche, zum Mitsingen animierende «Dead end street» (1966) erinnert an die Armut in England. 

Ray Davies sieht es als seine Pflicht, als Songwriter über Menschen in sozialen Randlagen zu schreiben. Die Ironie ist dabei eine nützliche Waffe gegen die Welt. Die Kinks verstehen es, ihr soziales Umfeld wahrheitsgetreu und sensibel musikalisch zu porträtieren. Sie kleiden ihre Songs ein in ein elegant-ironisches Arrangement, oft mit Blechbläser-Begleitung oder Zitaten aus britischer Music-Hall-Tradition. 

1967 erscheint die Single «Waterloo Sunset», ein Lied über den Sonnenuntergang an der Londoner U-Bahn-Station Waterloo, unweit der Themse:

Dirty old river
Must you keep rolling
Flowing into the night?
People so busy
Make me feel dizzy
Taxi light shines so bright

Schmutziger alter Fluss, du musst weiterfliessen,
Weiterfliessen, hinein in die Nacht.
Die Leute sind so geschäftig, die machen mich ganz schwindlig,
Die Lichter der Taxis sind so grell.

Der Ich-Erzähler braucht keine Freunde. Solange er den Waterloo Sonnenuntergang betrachten kann, ist er im Paradies:

But I don’t need no friends
As long as I gaze on Waterloo sunset
I am in paradise

Er schaut die Welt von seinem Fenster aus an:

Every day I look at the world from my window
(Sha-la-la) But chilly, chilly is evening time
Waterloo sunset’s fine (Waterloo sunset’s fine)

Jeden Tag schaue ich auf die Welt durch mein Fenster
Aber kühl, so kühl ist es am Abend
Der Waterloo-Sonnenuntergang ist schön.

Jeden Freitagabend trifft sich das junge Liebespaar Terry und Jenny beim paradiesischen Sonnenuntergang am Waterloo Bahnhof. Dem Erzähler genügt es, die beiden vom Fenster aus zu betrachten. Er bleibt lieber zu Hause:

Terry meets Julie
Waterloo Station
Every Friday night
But I am so lazy
Don’t want to wander
I stay at home at night

Terry und Julie treffen den Mann nie, noch wissen sie über seine Existenz. Aber niemand wird sich je so um sie kümmern. 

Über die Themse ins Paradies

Für Ray Davies ist Waterloo Station schon immer ein bedeutender Platz in seinem Leben gewesen: «Ich bin dort als kleiner Junge mit meinem Vater spazieren gegangen. Als ich mit 13 wegen eines Luftröhrenschnitts  im St. Thomas-Hospital gelegen bin, habe ich immer auf die Themse geschaut – eine sehr lebendige Erinnerung. Während meines Kunststudiums habe ich an der Waterloo Station umsteigen müssen. Und ich habe mich mit meiner ersten Freundin auf der Waterloo Bridge getroffen. Jahrelang habe ich all diese Erinnerungen in meinem Kopf gehabt, und von einem Moment auf den anderen ist daraus ein Song geworden.»

Terry und Julie überqueren die Themse und gelangen ins «Paradies». Man sieht die beiden Menschen und ihre Liebe, eingefangen für die Ewigkeit. Ungeachtet dessen, was im späteren Leben mit ihnen passiert; das ist der Moment, in dem sie verliebt waren, und er existiert für immer. Es ist ein Lied über zwei Menschen auf der Reise in eine bessere Welt. «Es war eine Phantasie über meine Schwester und ihren Freund auf dem Weg in eine neue Welt; sie waren dabei auszuwandern und in ein neues Land zu ziehen», erklärt Ray Davies Jahre später in seiner Biografie. Er denkt an eine Welt, die er ihnen gewünscht hätte: 

Millions of people
Swarming like flies ‹round
Waterloo underground
But Terry and Julie
Cross over the river
Where they feel safe and sound

Millionen Leute schwärmen wie Fliegen um die Waterloo U-Bahn-Station
Aber Terry und Julie überqueren den Fluss,
Dorthin, wo sie sich sicher und geborgen fühlen.

 «Waterloo Sunset» verbindet das Gewöhnliche und das Erhabene. 

Es ist ein Song über Isolation und Distanziertheit, darüber, nicht Teil dieser Welt sein zu wollen. Es ist ein voyeuristischer Text. Aber es ist kein zwielichtiger Voyeur, der aus dem Fenster späht. Er weiss einfach, dass das, was er sieht, eine idyllische Situation ist, und er wird nicht daran teilhaben können. 

Weil ihm der Text zu persönlich scheint, will Davies ihn anfänglich gar nicht veröffentlichen. «Waterloo Sunset» erscheint am 5. Mai 1967 und schafft es auf Platz zwei der englischen Hitparade.


Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

  • Jan sagt:

    Genialer Beitrag danke

  • Michael Eigner sagt:

    Lieber Musi,
    mit Deinem Artikel über die Kinks hast Du bei mir voll in`s Schwarze getroffen! Ich habe die Kinks schon immer verehrt; die Beatles, die Stones oder die Who haben bei mir bei Weitem nicht so viel Bewunderung auslösen können wie eben die Kinks! Ray Davies ist für mich DER Poet schlechthin was moderne Musik und Texte betrifft! Da kann sogar Bob Dylan einpacken. Ich finde, niemand hat die Welt der «kleinen Leute» so genau, so ausdrucksstark, so liebevoll und so zärtlich beschrieben wie er! Für mich gehörte und gehört er immer noch definitiv auf den Olymp der Komponisten von moderner Musik. Ich durfte die Kinks insgesamt drei Mal live erleben, einmal in der Tonhalle in Zürich, einmal an den Winterthurer Musikfestwochen und einmal im Albisgüetli und es war jedes Mal ein veritabler Augen- und Ohrenschmaus. Die besten Alben der Kinks? Ganz klar: Face to Face, Something Else by the Kinks, Village Green Preservation Society, Soap Opera, Muswell Hillbillys und vielleicht noch Give the People what they want. Grossartig!!!
    Das die Berühmtheit der Beatles und der Stones länger Bestand hatte als die der Kinks lag natürlich in erster Linie daran, dass sie, aus verschiedenen Gründen, nicht in den U. S. A. auftreten durften als die anderen englischen Bands gerade Amerika bereisten und dort Konzerte gaben (was für sie natürlich sehr frustrierend gewesen sein musste) andererseits lag es aber auch daran, dass Ray Davies nicht gerade ein Weltmeister im Managen der Band war. So hat er selber einmal in einem Interview gesagt, dass er halt schon so Einiges in den Sand gesetzt habe was zur Berühmtheit der Band hätte beitragen können. Der alte Zyniker!
    Wie auch immer; wir machen ja alle so unsere Fehler, Nicht wahr!
    Ich jedenfalls habe den aller grössten Respekt vor diesem Ausnahme-Künstler der mir unzählige Momente des Genusses und der Glückseligkeit geschenkt hat und dem ich auf ewig für sein Schaffen dankbar sein werde!

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