© creative commons

«L’anno che verrà» von Lucio Dalla Songs und ihre Geschichten

Für viele Italiener bedeutete Lucio Dallas Musik so etwas wie eine Tonspur ihres Lebens. Vier Jahrzehnte lang hatte Dalla die italienische Musikszene geprägt.

Von Urs Musfeld

Zu Lucio Dallas Markenzeichen wurden seine rauhe Stimme, sein variabler Scat-Gesang (Singen ohne Text, nur mit Silben) – gern auch bei eigentlich romantischen Liebesliedern – und seine beliebten Kopfbedeckungen: von der Proletenkappe bis zum Panamahut, vom Strickmützchen bis zum Borsalino.

Das Geheimnis von Dallas Beliebtheit im eigenen Land bestand in seiner Anpassungsfähigkeit. Er wählte links, pflegte aber auch freundschaftliche Beziehungen zu Silvio Berlusconi. Er hielt engen Kontakt zur Schlagerszene, inszenierte aber auch Opern. Er machte seine Shows im Fernsehen und schrieb Bücher.

Dalla erzählt in seinen Liedern von Italien – von der Nachkriegszeit, dem Ende der bäuerlichen Gesellschaft, dem Wirtschaftsboom der 1960er-Jahre und den politischen wie sozialen Spannungen der darauffolgenden zwanzig Jahre. Seine Karriere begann in seiner Heimatstadt Bologna in den 1960er-Jahren als Klarinettist in einer Jazzband. Seine eigentliche Leidenschaft galt aber dem Gesang und Komponieren. So wurde er zum «Cantautore», zum poetischen Liedermacher.

Ironie und Selbstironie gehörten zu den festen Bestandteilen seiner Texte und Interviews. Das Bild vom bizarren Clown passte ebenso natürlich zu ihm wie das des ernsthaften Poeten. «Ein Lied hat seine eigene Würde», sagte er. «Ich bin kein Dichter, eher ein Beobachter oder mehr noch ein Voyeur, weil ich mich immer beteiligt fühle, selbst wenn ich grausame Dinge sehen muss. Mir hat es immer Spass gemacht, von der gesellschaftlichen Veränderung zu erzählen, nicht soziologisch, sondern durch die Intuition der Wörter.»

Experiment und Mainstream

Die Teilnahme Dallas galt auch der Musik. Aufmerksam registrierte er die Entwicklung der musikalischen Formen und der Klangtechnik. Dann bediente er sich oder experimentiert, wechselte zwischen Jazz, Rock, Reggae, Rap und Pop, durchdrang sie mit seinem unverwechselbaren Gesang. Experiment und Mainstream – das war sein Rezept, ein Zeitgenosse zu bleiben.

Mit dem Lied «4 marzo 1943», welches am Sanremo-Festival den zweiten Preis gewann, schaffte Dalla 1971 den Durchbruch. Dabei hiess es ursprünglich «Gesú bambino». Es handelt von einer Frau, die mit sechzehn einen schönen Ausländer liebt. Kurz danach wird er umgebracht. Die Frau bekommt das Kind, nennt es Jesus – Gesú bambino – und «spielt die Madonna». «Noch jetzt, da ich fluche und Wein trinke, nennen mich die Diebe und die Huren Gesú bambino», endet der Liedtext, den sich Dalla damals zensieren lassen musste, um ihn singen zu dürfen. Aus fluchen wurde Karten spielen, aus Dieben und Huren wurden Hafenarbeiter. Auch der Titel wurde auf Wunsch der Sittenwächter geändert: Der «4. März 1943» ist Dallas Geburtsdatum.

Viele seiner Canzoni sind in Bologna angesiedelt, einer Stadt, von der er, abgesehen von kurzen Urlauben, nie wegziehen wollte. «Piazza Grande» (1972) handelt von den Sehnsüchten eines Obdachlosen, dessen Zuhause der Piazza Grande ist (obwohl es in Bologna keinen Piazza Grande gibt): «Ich schlafe im Gras und ich habe viele Freunde um mich herum… / Auf meine eigene Weise würde ich auch Liebkosungen brauchen…/ Und wenn das Leben keine Träume hat, habe ich sie und ich werde sie dir geben»

Bis 1977 arbeitete Dalla hauptsächlich mit dem Dichter Roberto Roversi zusammen. Danach zeichnete Dalla für seine eigenen Texte verantwortlich. 1979 erschien das Album «Lucio Dalla», welches mitten in die «anni di piombo», die bleiernen Jahre, fiel. Italien war geprägt von neofaschistischer und linksradikaler Gewalt. Die Veröffentlichung lag genau zwischen zwei der schlimmsten Terroranschläge dieser Jahre: 1978 war der christdemokratische Politiker Aldo Moro von den Roten Brigaden entführt und erschossen worden; 1980 wurden bei einem neofaschistischen Anschlag am Bahnhof von Bologna 85 Menschen getötet.

Das Schlussstück «L’anno che verrà», ein als Brief konzipiertes Lied, richtet sich an einen imaginären Freund:

Caro amico, ti scrivo, così mi distraggo un po›
E siccome sei molto lontano, più forte ti scriverò
Da quando sei partito c’è una grande novità

Lieber Freund, ich schreibe dir, so lenke ich mich ein wenig ab,
und weil du weit weg bist, werde ich dir um so intensiver schreiben.
Seit du abgereist bist, gibt es eine grosse Neuigkeit
.

Si esce poco la sera, compreso quando è festa
E c’è chi ha messo dei sacchi di sabbia vicino alla finestra

E si sta senza parlare per intere settimane

Man geht abends selten aus, auch an Festtagen,
und manche haben sogar Sandsäcke ans Fenster gelegt,
man redet wochenlang nichts
.

Doch «L’anno che verrà» ist allerdings weder düster, noch ist es eine politische Stellungname oder ein Aufruf. Es entwirft eine Utopie für das Ende der bleiernen Jahre. In der Welt, von der Dalla singt, im kommenden Jahr, geschehen neutestamentliche Wunder:

Sarà tre volte Natale e festa tutto il giorno
Ogni Cristo scenderá dalla croce
Anche gli uccelli faranno ritorno
Ci sarà da mangiare e luce tutto l’anno
Anche i muti potranno parlare
Mentre i sordi già lo fanno

Es wird dreimal Weihnachten geben und den ganzen Tag wird gefeiert,
jeder Christus wird von seinem Kreuz steigen,
auch die Vögel werden zurückkehren.

Es wird zu Essen geben und das ganze Jahr Licht,
auch die Stummen können sprechen,
während die Tauben dies schon tun
.

Dalla selbst war katholisch und streng gläubig. Sein Katholizismus hinderte den homosexuellen Dalla jedoch nicht daran, auch von profaneren Wundern zu singen, die mit der Kirche nicht so ganz in Einklang waren:

E si farà l’amore, ognuno come gli va
Anche i preti potranno sposarsi
Ma soltanto a una certa età

Und man wird Liebe machen, jeder wie er möchte,
auch die Priester werden heiraten dürfen,
aber nur mit einem gewissen Alter
.

Die hoffnungsvollste Passage folgt gegen Schluss:

Vedi, caro amico, cosa ti scrivo e ti dico
E come sono contento
Di essere qui in questo momento

Schau, lieber Freund, was ich dir schreibe und was ich dir sage
und wie zufrieden ich bin,
hier zu sein in diesem Moment
.

und dann:

Vedi caro amico cosa si deve inventare
Per poter riderci sopra
Per continuare a sperare

Schau lieber Freund, was man sich einfallen lassen muss,
um sich darüber lustig machen zu können,
um weiterhin hoffen zu können
.

Seit 2003 strahlt das öffentlich-rechtliche Fernsehen Rai 1 jedes Jahr am 31. Dezember sein Silvesterprogramm unter dem Namen «L’anno che verrà» aus: Es beginnt und endet mit Dallas Lied. Inmitten einer Tour durch Europa erlitt Lucio Dalla 2012 in Montreux einen Herzanfall – nur ein paar Tage vor seinem 69. Geburtstag.

Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

Mehr «Songs und ihre Geschichten» von Urs Musfeld finden Sie hier.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte sie auch interessieren

Musik

«Fast car» von Tracy Chapman

Ihr Auftritt beim Nelson-Mandela-Benefiz-Konzert 1988 machte die US-Folk-Musikerin Tracy Chapman mit einem Schlag bekannt. Wenig später war sie ein Welt-Star.

Musik

«Sodade» von Cesária Évora

Cesária Évora war Seele, Herz und Gesicht der Kapverden. Sie wurde zur Königin der Morna, der süss-melancholischen Sehnsuchts-Musik ihrer Heimat.

Musik

Mein Beerdigungssong

Schwerpunkt «Memento mori»: Schweizer Persönlichkeiten wie Peach Weber oder Ruth Dreifuss verraten, welcher Song an ihrer Abdankungsfeier erklingen soll.

Musik

«You want it darker» von Leonard Cohen

Schwerpunkt «Memento mori»: Kurz vor seinem Tod veröffentlichte der kanadische Songpoet Leonard Cohen 2016 das Album «You Want It Darker». Jede Strophe daraus klang nach einem Abschied.