Roberta Flack, 1971 © public domain

«Killing me softly with his song» von Roberta Flack Songs und ihre Geschichten

Bekannt geworden ist die heute 85-jährige Sängerin und Pianistin Roberta Flack in den 1970er-Jahren als Interpretin von Hits wie «The first time I ever saw your face» und «Killing me softly with his song». Mit ihrem Mix aus Soul, Blues, Folk, Pop und R&B hat sie die Popmusik nachhaltig geprägt. 

Von Urs Musfeld

Roberta Flacks breites musikalisches Spektrum und ihre Furchtlosigkeit, künstlerische Grenzen zu überschreiten, machen sie zu einer tragenden Figur in der Popkultur der 1970er-Jahre. Sie repräsentiert die Erfahrenheit Schwarzer Frauen in einer sich schnell verändernden Ära.

Auf ihren Alben überwiegen Balladen in konventioneller Song-Stilistik, die sie mit Soulfeeling, Jazzphrasierungen und Pop-Elementen zu verbinden weiss. Ähnlich wie Nina Simone entzieht sich Roberta Flack mit ihrer ausgefeilten Gesangstechnik einer eindeutigen Genrezuordnung. Und doch ist sie in ihren Interpretationen so individuell, dass man sie schon nach wenigen Takten identifizieren kann. Sie selbst meint dazu: «Ich habe nicht versucht, eine Soul-, Jazz- oder Bluessängerin zu sein – keine Kategorie. Meine Musik ist der Ausdruck von dem, was ich in einem Augenblick spüre und glaube.»

Durchbruch mit «First Take»

Die Palette der Komponist*innen, von denen sie Songmaterial übernimmt, reicht von Buffy St. Marie, Bob Dylan über Gilbert Bécaud, Leonard Cohen bis zu Donny Hathaway, Stevie Wonder und den Beatles.

Ihren Durchbruch erlebt Roberta Flack 1969 mit dem Debütalbum «First Take», das den späteren Hit «The first time I ever saw your face» (1972) enthält. Sie ist bereits 32 und schaut auf eine lange musikalische Vergangenheit zurück. 

Sie wächst in North Carolina auf, wo ihre Mutter Kirchenorganistin ist und das musikalische Interesse ihrer Tochter weckt. Mit 9 beginnt Roberta klassisches Klavier zu spielen. Mit 15 belegt sie einen Studiengang in Musik an der renommierten afroamerikanischen Howard University in Washington, D.C. Vier Jahre später, nach dem Diplom an der Hochschule für Musik in Maryland, kehrt sie in die amerikanische Hauptstadt zurück und wird Musik- und Englischlehrerin. In der Nacht singt und spielt sie Klavier in lokalen Clubs und wechselt von klassischen Werken zu Blues, Folk und Pop-Standards.

Im populären Mr. Henrys Restaurant wird sie 1968 vom Jazz-Pianisten Les McCann entdeckt und der Plattenfirma Atlantic Records weitervermittelt. Ein Jahr später erhält Roberta Flack ihren ersten Vertrag.

Den grössten Erfolg feiert Roberta Flack 1973 mit der Single «Killing me softly with his song». Zufällig hört sie das Original des Songs während eines Flugs im bordeigenen Musikprogramm. Interpretin ist die unbekannte Folk-Sängerin Lori Lieberman. Ein Lied über einen Sänger, der das Leben eines anderen Menschen besingt und alles über diesen Menschen zu wissen scheint.

Die Ursprungsversion geht zurück auf das Jahr 1972, als das Duo Charles Fox (Komponist) und Norman Gimbel (Songwriter) das Lied für die junge Lori Lieberman schreibt. Lieberman hat kurz zuvor ein Konzert des Singer/Songwriters Don McLean («American Pie», «Vincent») in Los Angeles besucht und ist vor allem von seiner Darbietung des melancholischen Songs «Empty Chairs», die Klage eines Verlassenen, berührt. Noch während der Vorstellung notiert sie ihre Eindrücke auf einer Serviette und teilt sie später Fox und Gimbel mit. Diese integrieren die persönlichen Gefühle Liebermans in «Killing me softly with his song»:

Strumming my pain with his fingers,
Singing my life with his words,
Killing me softly with his song,
Killing me softly with his song,
Telling my whole life with his words,
Killing me softly with his song

Meinen Schmerz mit seinen Fingern klimpernd
Mein Leben mit seinen Worten singend
Mich sanft mit seinem Lied tötend
Mich sanft mit seinem Lied tötend
Mein ganzes Leben mit seinen Worten erzählend
Mich sanft mit seinem Lied tötend

I heard he sang a good song
I heard he had a style
And so I came to see him
To listen for a while
And there he was this young boy
A stranger to my eyes

Ich hörte, er sänge ein gutes Lied
Ich hörte, er hätte Stil
Und so kam ich, um ihn zu sehen
Und eine Weile zuzuhören
Und da war er, dieser junge Kerl
Ein Fremder für meine Augen

I felt all flushed with fever
Embarrassed by the crowd
I felt he found my letters
And read each one out loud
I prayed that he would finish
But he just kept right on

Ich fühlte mich, als hätte ich Fieber
Verlegen wegen der Menge
Es war, als hätte er meine Briefe gefunden
Und läse jeden einzelnen laut vor
Ich betete, dass er aufhöre
Aber er machte so weiter

He sang as if he knew me
In all my dark despair
And then he looked right through me
As if I wasn’t there
And he just kept on singing
Singing clear and strong

Er sang, als würde er mich kennen
In all meiner dunklen Verzweiflung

Und dann schaute er durch mich hindurch
Als wäre ich nicht da
Aber er sang immer weiter

Sang klar und stark

Roberta Flack gefällt die Musik und der Text des Songs und will ihn selber aufnehmen. Drei Monate feilt sie daran herum. Auf Grund ihres Klassikhintergrunds ist sie in der Lage, verschiedene Veränderungen anzubringen und ihn an ihren eigenen musikalischen Stil anzupassen. Sie fügt Backing Vocals und Harmonien hinzu, beschleunigt das Tempo und spielt mit dem Rhythmus, der die Stimmung des Liedes anhebt. Ein Faktor, der beim Original von Lieberman fehlt. Ohne Kitschmomente verstärkt Flack die Emotionen, singt mit eindrucksvoller Soulstimme. So wird «Killing me softly with his song» zum ganz grossen, internationalen Hit, zu einer Hymne auf die Kraft der Musik. 

Als erste Künstlerin gewinnt sie 1974 – nach «The first time I ever saw your face» – zum zweiten Mal hintereinander den Grammy in der Kategorie Song of the year. 1996 erlebt «Killing me softly with his song» in der Version der Hip-Hop Formation Fugees erneut einen weltweiten Erfolg.

2018 gibt Roberta Flack bekannt, zwei Jahre nach ihrem Schlaganfall, nicht mehr öffentlich zu singen. 2020 erhält sie den Grammy für ihr Lebenswerk.


Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

Beitrag vom 30.07.2022

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