Covermotiv: Gemälde von Elizabeth Lennie © Elizabeth Lennie

Wir holen alles nach, Kapitel 4 Von Martina Borgen

Noch auf der Treppe, Ellens Tür hat sich gerade hinter ihr geschlossen, checkt Sina erneut ihr Handy, aber immer noch nichts. Das bedeutet kaum Gutes, unwahrscheinlich, dass auch ein zweites Vorstellungsgespräch so lange dauert.

H. C., ihr Chef in der Agentur, hat noch nie länger als eine Stunde mit einem Bewerber gebraucht, «wenn ich dann nicht weiss, ob es passt, weiss ich’s nie», agt er immer. Aber theoretisch möglich ist es natürlich.

Realistischer allerdings ist, dass der Termin wieder mal ergebnislos verlaufen ist, Sie hören von uns, gefolgt von einer höflich formulierten Absage ein paar Tage später. Er könnte danach wieder so deprimiert sein, dass er erst mal ein paar Stunden braucht, bevor er es erzählt. Den schlimmsten Fall, dass sie ihn direkt abgelehnt haben – Ihr Profil entspricht leider doch nicht unseren Anforderungen, wir suchen jemand mit mehr Erfahrung in dem Bereich –, will sie noch nicht denken. Und schon gar nicht die allerschlimmste Möglichkeit.

Nach dem letzten Bewerbungsgespräch, in das er so optimistisch gegangen war wie nie zuvor, war er kurz davor, sich in einer Kneipe die Kante zu geben. Er hat es ihr erst ein paar Tage später erzählt. In dem Laden drin war er schon, hat dann aber doch nur eine Cola getrunken. Und auf dem Klo den Kopf unter den Wasserhahn gehalten.

Bevor er bei ihnen eingezogen ist, hat sie ihm eins ganz klar gemacht: Wenn er wieder anfängt zu trinken, ist es sofort aus, ohne Wenn und Aber. Ein Alkoholiker kommt für sie nicht in Frage, sie hat schliesslich auch Verantwortung für ein Kind.

Auf dem kurzen Heimweg grübelt Sina darüber nach, wie sie am besten reagieren soll. Auf keinen Fall wird sie ihn mit Fragen löchern wie beim letzten Mal, er war erst gereizt und dann für den Rest des Tages total schweigsam, er fühlte sich von ihr bedrängt, hat er später erklärt, er hatte das Gefühl, mit ihrem Nachbohren mache sie ihm unterschwellig Vorwürfe, dass er sich nicht gut genug präsentiert hatte, selber schuld war an der Ablehnung. Und auch wenn sie das vehement bestritt, weil es wirklich nicht stimmte, gegen sein Gefühl kommt sie nicht an.

Sie wird sich auch die hohlen Trostworte sparen, die er garantiert nicht mehr hören kann, beim nächsten Mal bestimmt, nicht aufgeben, nur eine Durststrecke, nebenbei kein schönes Wort in dem Zusammenhang. Sie wird versuchen, so gelassen wie möglich zu reagieren, kein Aufhebens zu machen, sie wird seine niedergeschlagene oder auch verbitterte Stimmung liebevoll ignorieren und vor allem nicht persönlich nehmen.

Was sich nicht wegdiskutieren oder trösten lässt, ist die inzwischen schon dreizehnmonatige Lücke in seinem Lebenslauf, die mit jedem Tag grösser wird. Schlimmer noch die fristlose Kündigung seiner letzten Stelle. Bei einem grossen Vertragsabschluss war er betrunken, er hatte sich den Termin falsch notiert und mittags in der Kantine mit einigen Kollegen auf einen anderen beziehungsweise die Geburt von dessen drittem Kind angestossen, mit Bier und Schnaps. Am Ende, so hat Torsten ihr erzählt, als er endlich darüber sprechen konnte, kam das fast täglich vor, Gründe gibt es ja genug in einem grossen Unternehmen, irgendeinen Geburtstag, ein Jubiläum, Hochzeitstag oder Sonstiges, da musste er nicht lange nach einem Anlass suchen. Und die Kollegen haben ja meistens fleissig mitgetrunken. Nur eben nicht so einen gigantischen Bock geschossen.

Sie hört die Musik schon im Treppenhaus, die WG neben ihnen, denkt sie erst. Doch Springsteen singt in ihrer Wohnung, und in der Küche sitzt Torsten am Tisch, Elvis neben ihm, an seine Schulter gelehnt. Die beiden blättern in einem dicken Firmenprospekt, Hochglanz.

In letzter Zeit sind Torsten und Elvis einander nähergekommen, nach längerem vorsichtigen Beschnüffeln. In den ersten Wochen und Monaten kam kaum ein Gespräch zwischen ihnen zustande, das über ungeschickte Fragen von Torsten und einsilbige Antworten von Elvis hinausging, Sina versuchte dann gespielt munter zu vermitteln, hatte aber keinen grossen Erfolg. Inzwischen plaudern sie locker und ohne Anstrengung, gehen selbstverständlicher miteinander um, nicht mehr so höflich und angestrengt, geben sich nicht mehr so viel Mühe. Nach dem Burgbauen auf Lanzarote haben sie sich freudig mehrfach abgeklatscht, und ab und zu legt Torsten kurz seinen Arm um Elvis oder stupst ihn nach Kumpelart mit der Schulter an. Sie freut sich darüber, sie hat das Gefühl, sie tun einander gut.

Seine eigenen Söhne sieht Torsten bestenfalls zweimal im Jahr. Sie leben mit seiner Ex Lene in der Eifel, und Lene sorgt dafür, dass fast sämtliche Termine, die Torsten ihr für einen Besuch vorschlägt, nicht passen. Auch dafür gibt es genug Gründe, Schulveranstaltungen, Sportfeste, Kinderkrankheiten. Torsten versucht, jeden Sonntag mit ihnen zu telefonieren. Meistens geht Lene nicht mal ran, sie erkennt natürlich seine Nummer. Und wenn es dann doch mal klappt und er die Jungs ans Telefon kriegt, sind die Gespräche kurz und quälend. Torsten fragt und fragt und kriegt kein Gespräch zustande.

Trotzdem schreibt er ihnen alle paar Wochen mit Bedacht ausgewählte Postkarten, mit Tieren drauf für Sören, den kleineren, und mit Fussballmotiven für Jasper, auch aus Lanzarote hat er welche geschickt. Er kauft Geschenke und packt Päckchen zu den Geburtstagen und zu Weihnachten, aber es kommt nie mehr zurück als ein undeutlich gemurmeltes Dankeschön am Telefon, und auch das meist nur auf Nachfrage.

Torstens Enttäuschung tut Sina weh, seine Tapferkeit und Beharrlichkeit rühren sie. In den letzten Wochen hatte sie allerdings das Gefühl, dass er resigniert hat, sich damit abgefunden, dass die beiden Jungs für ihn verloren sind. Wer weiss, was Lene ihnen für Storys erzählt über ihren Vater. Sie bleibt in der Tür stehen, die beiden haben sie noch nicht bemerkt bei der lauten Musik.

«Und da arbeitest du?», fragt Elvis gerade.
«Genau.» Torsten tippt auf das Foto eines Gebäudes fast ganz aus Glas, bei Nacht aufgenommen, in sämtlichen Fenstern brennt Licht, was vermutlich signalisieren soll, dass in dieser Firma rund um die Uhr gearbeitet wird. «Im sechsten Stock.»
Jetzt hat er sie bemerkt, er sieht auf, ein so vollkommen entspanntes Lächeln hat sie noch nie an ihm gesehen.
«Sag bloss, es hat geklappt.»
«Hat es. Ab kommenden Montag schon. Drei-Jahres-Vertrag erst mal. Sechs Monate Probezeit natürlich. Dreiacht für den Anfang.»

Das ist weniger, als er sich eigentlich als unterste Grenze gesetzt hatte, bei der alten Firma hatte er fünf-zwei, aber total egal. Er hat einen Job, das ist alles, was zählt.
«O Liebling, wie wunderbar! Ich gratuliere dir!» Sina geht zum Tisch, beugt sich über Torstens Rücken, legt die Arme um seinen Hals und küsst seine Wange.
«Er arbeitet im sechsten Stock», sagt Elvis stolz.
«Können wir dich da mal besuchen?» Torsten legt die Hand um Sinas Kopf und zieht ihn enger an sich. «Bestimmt. Aber vielleicht nicht gleich. Ich muss mich erst mal einarbeiten, das verstehst du, oder?»
«Ja.« Elvis steht auf. «Ich hab Durst, kann ich eine Limo?»
«Erst nachher, wenn wir essen gehen. Trink ein Glas Wasser.»

Sina lässt sich auf Torstens Schoss ziehen. «Von mir aus können wir auch gleich los.»
«Zum Inder?» Torsten schiebt die Hände unter ihre Bluse, ihr Rücken ist feucht von Schweiss.« Aber heute zahl ich, dass das klar ist.»
«Gut zu wissen. Dann fress ich die Speisekarte rauf und runter.» Sina wird die Stimmung nicht verderben mit dem Hinweis, dass Torsten frühestens in einem Monat sein erstes Gehalt bekommt.
«Fressen sagt man nicht», Elvis geht mit seinem Wasserglas schon zur Tür. «Jedenfalls nicht bei Menschen. Das tun nur Tiere, sagt Frau Graml.»
Sina lacht. «Da hat deine Lehrerin natürlich recht, Entschuldigung.» Sie zieht Torstens Arme um sich, während Elvis im Flur verschwindet. «Das heisst, den Dresden-Trip musst du jetzt absagen?»
«Hab ich schon. Meine Mutter war traurig, aber verstanden hat sie’s. Sie haben sich beide für mich gefreut wie die Schneekönige.»
«Na klar. Haben die dich im Gespräch eigentlich gefragt wegen der fristlosen Kündigung?»
«Hätten sie garantiert», sagt Torsten, «aber ich bin diesmal gleich in die Offensive gegangen, hab schon am Anfang gesagt, dass ich ein Problem hatte, aber daran gearbeitet hab und jetzt wieder voll motiviert bin. Der Personalchef fand’s gut, dass ich so offen war. In der Branche würde ja generell zu viel gesoffen, hat er gemeint. Ich wär nicht der Einzige in der Firma, der mal ein Alkoholproblem hatte.»
«Gesoffen sagt man nicht, denk an Frau Graml», Sina lacht wieder, ihr ist danach, laut zu singen oder zu schreien vor Freude und Erleichterung. «Warum hast du mich eigentlich nicht angerufen? Oder mir eine Nachricht geschickt? Ich hab drauf gewartet, ich war total nervös.»
«Tut mir leid. Aber ich musste einfach dein Gesicht sehen dabei, verstehst du?»
«Ja», sagt sie und küsst ihn, diesmal richtig. Im Wohnzimmer endet Prove It All Night, gefolgt von einem lauten Klirren aus dem Kinderzimmer, bevor Darkness On The Edge Of Town einsetzt.

«Elvis?»
«Nur die Lampe! Aber nix kaputt!»
Auch ohne Scherben ist heute ein Glückstag. Sie drückt Torsten noch einmal an sich, bevor sie aufsteht. «Ich spring noch schnell unter die Dusche.»
Zieh dir was Schönes an, okay?» Auch Torsten steht auf. »Ich hol mir mal ein frisches Hemd.»

Er geht zur Tür, sogar sein Gang ist anders, er federt irgendwie. Und zieht sich schon das Hemd aus der Hose und knöpft es auf. In letzter Zeit hat Sina ihn, ausser im Bett, kaum noch nackt gesehen, er hat immer die Badezimmertür geschlossen, als schäme er sich vor ihr. Dabei hat er kein Gramm Fett zugelegt, seit sie sich kennen, ganz im Gegensatz zu ihr, sie hat locker fünf Kilo mehr. Er hingegen ist eher noch dünner geworden, vielleicht weil er jeden Morgen mindestens eine Stunde joggt, manchmal auch abends noch.

Laufen ist das Einzige, das hilft, wenn er glaubt, es keine Minute länger ohne Alkohol aushalten zu können, hat er ihr erzählt. Er hat versucht, ihr das Gefühl zu beschreiben, das ihn dann fest in seinen Klauen hält, «wie ein Loch in der Brust, das immer heisser wird», hat er gesagt, «und so ein Ziehen in allen Gliedern, besser kann ich’s nicht erklären. Du kannst das wahrscheinlich nicht verstehen, so wenig, wie du dir aus Alkohol machst. Aber wenn es mich überfällt, muss ich sofort losrennen, egal, wo ich bin.» Diese akuten Anfälle hat sie noch nicht miterlebt, als sie ihn kennenlernte, war er schon trocken. Und er hatte auch nicht lange exzessiv getrunken, nur eineinhalb Jahre, erst bei der Trennung von Lene hatte er damit angefangen.

Auch seine Schlaflosigkeit hatte damals begonnen. Er schläft maximal fünf Stunden pro Nacht und dann unruhig, sie spürt oft im Halbschlaf, dass er aufsteht, meist zwischen zwei und drei. Er kommt zwar wieder zurück ins Bett, aber frühestens nach einer Stunde. Was er tut in dieser Zeit, weiss sie nicht, sie hat ihn nur einmal gefragt, er hat damals ausweichend reagiert. Seither hält sie es für das Beste, ihn einfach in Ruhe zu lassen.

Als sie ihn kennengelernt hat, war er schon zwei Jahre getrennt und ein Jahr geschieden. In dieser ganzen Zeit hatte er keine einzige Beziehung. Er war, das hat er ihr später erklärt, unfähig zu kommunizieren, sich anderen Menschen anzuvertrauen, zu erzählen, dass und wie sehr verletzt und zutiefst verunsichert er war. Auch ihr hat er sein Innenleben nur sehr zögerlich und in kleinen Scheibchen offenbart, wenn es nicht anders ging. Eigentlich hat er nur auf ihre Fragen geantwortet, die üblichen, bist du verheiratet oder liiert, hast du Kinder, was für einen Beruf hast du.

Den Grund, weshalb er damals schon monatelang arbeitslos war, hat er ihr zum Beispiel erst gesagt, als in einem Schreiben vom Anwalt seiner Frau sein Alkoholproblem erwähnt wurde, Lene nutzte es als Mittel, ihn von den Kindern fernzuhalten. Diese Frau hat ihn, findet Sina, wirklich systematisch kleingemacht, ihn seelisch kastriert. Sie kennt Lene nur von Fotos, nicht persönlich. Vielleicht auch besser so. Sie würde nicht an sich halten können zu sagen, was sie über sie denkt. Dass sie eine miese, geldgierige, manipulative, kaltschnäuzige Bitch ist, einfach einen schlechten Charakter hat. Und dass man ihr eigentlich die Kinder wegnehmen müsste, damit sie von ihr nicht versaut werden. Nicht mal Torsten, der in Bezug auf seine Ex von einer schon dämlich zu nennenden Lammesgeduld ist und sich ihre fiesen Schachzüge ohne Gegenwehr gefallen lässt, sagt von ihr, dass sie ihre Jungs liebt. Was er selbst tut, intensiv und sehnsüchtig. Und nichts kriegt er zurück.

Sina hat ihn auf einer peinlichen Ü-30-Party kennengelernt, Molly hatte sie mitgeschleppt – «Vielleicht lernen wir jemand Nettes kennen», hatte sie gesagt, und «Nutz es aus, wenn du schon mal einen Abend frei hast!» –, Elvis war übers Wochenende bei David und bei Meret, gegen die er Nicole inzwischen eingetauscht hat und mit der er immer noch zusammen ist, verheiratet sogar, also hatte Sina eingewiligt, obwohl sie damals lieber ins Kino gegangen wäre oder in ein ruhiges Lokal, sie fühlte sich ständig ausgelaugt zu jener Zeit, kraft- und energielos.

Um Mitternacht wollte sie endlich gehen, aber Molly hatte an der Bar einen Typen kennengelernt, der sie beide zu einem Drink einladen wollte, er hatte, so Molly, auch einen Freund dabei. Sie liess sich also auf ein letztes Glas mitschleppen zu einem Stehtisch in der Ecke, an dem dieser Karl, genannt Charlie, stand. Sina bemerkte Torsten erst auf den zweiten Blick, so klein hatte er sich gemacht neben seinem Freund. Er sah ihr nur ganz kurz ins Gesicht, seine ganze Körperhaltung, die hochgezogenen Schultern, der ständig wandernde Blick, drückten Unbehagen aus. Er erbot sich, die Drinks zu holen, sie erbot sich, mitzugehen und beim Tragen zu helfen.

Als sie an der Bar warteten, blieb er stumm. Sie sagte ihm, dass sie keinen Longdrink mehr wolle, höchstens ein Wasser. Sie wollte sich den morgigen Tag ohne Kind nicht durch einen Kater verderben. Und eigentlich habe sie schon gehen wollen, sie fände die Veranstaltung hier nicht so spannend. Er hörte zu und sagte dann, dass es ihm genauso gehe, er sei überhaupt nur wegen Charlie hier, weil der nicht allein habe gehen wollen. Als der Barkeeper sich ihnen endlich zuwandte, bestellte er zwei Wodka Bull und zwei Wasser, das zweite war für ihn. Sie glaubte, er verzichte ihr zuliebe auf den Alkohol und fand das sehr nett und aufmerksam. Und drückte ihm eine halbe Stunde später einen Zettel mit ihrer Telefonnummer in die Hand.

Der ganze Mann rührte etwas in ihr an, schon in diesen ersten Momenten des Kennenlernens. Er erweckte eine Fürsorglichkeit in ihr, die sie sonst selten empfindet, ausser Elvis gegenüber, den Wunsch, diesen Menschen aufzutauen und zu wärmen und zu beschützen und zu päppeln wie einen aus dem Nest gefallenen Vogel. Ihn gesund zu machen, stark, widerstandsfähig.

Als sie David kennenlernte, hatte die Liebe zu ihm, die, wie sie es heute sieht, eher eine extreme Verliebtheit war, sie getroffen wie der sprichwörtliche Blitz, noch am ersten Abend waren sie wie von Sinnen übereinander hergefallen. Das ganz grosse überwältigende Gefühl, hatte sie damals gedacht, und dass sie ein solch starkes Verlangen nicht noch einmal in ihrem Leben würde verspüren können.

Mit Torsten war es ganz anders, ihre Liebe hatte langsam begonnen, vorsichtig, tastend, zwei Schritte vor, einer zurück. Sie waren beide Verletzte, ihre Wunden gerade erst notdürftig verschorft, ab und zu schmerzten sie noch. Ihre Beziehung hat nichts von Ekstase und wilder Verliebtheit, sie ist bestimmt von Rücksichtnahme und Verständnis, von Zärtlichkeit, von Sanftmut und dem Wunsch, dem anderen auf keinen Fall weh zu tun. In gewisser Weise ähneln ihre Gefühle für ihn denen für ihren Sohn, denkt sie oft, und auch wenn sie beim ersten Mal über diesen Gedanken erschrocken ist, so empfindet sie ihn inzwischen als richtig und stimmig.

Die grossen Gefühle, die sie für David zu empfinden meinte, haben sich komplett in Bitterkeit und Zorn aufgelöst, das wird ihr mit Torsten nicht passieren. Das ruhige Glücksgefühl, das sie so oft mit und bei ihm fühlt, hat sie vorher nie gespürt, und dass sie sich um ihn sorgen und kümmern kann, hat, so glaubt sie, aus ihr einen besseren Menschen gemacht. Er ist einfach gut für sie und für Elvis. Und dass er jetzt endlich wieder eine Chance bekommen hat, macht sie glücklich. Er hat es so sehr verdient.

Was bisher geschah:
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3

Martina Borger

Wurde 1956 geboren und arbeitete als Journalistin, Dramaturgin und Filmkritikerin, bevor sie sich aufs Drehbuchschreiben verlegte. Sie hat bei mehreren Serien als Storylinerin und Chef-Autorin gearbeitet. Gemeinsam mit Maria Elisabeth Straub veröffentlichte sie 2001 ihren ersten Roman «Katzenzungen», dem «Kleine Schwester» (2002), «Im Gehege» (2004) und «Sommer mit Emma» (2009) folgten. Ohne Co-Autorin erschien 2007 ihr Roman «Lieber Luca». Martina Borger lebt in München.


Martina Borger, «Wir holen alles nach», Roman, Diogenes

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120 / 20 / 44 / 1; ISBN 978 3 257 07130 6