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Für die kommende Zeit wünschen wir uns … gute Raumluft

Corona rückt zwei Themen ins Zentrum, die vorgängig kaum beachtet wurden: das Innenraumklima und Lüften. In den Wintermonaten ist beides zentral. Das sagen die Experten dazu.

Zusammengetragen von Fabian Rottmeier

In diesen aussergewöhnlichen Zeiten finden in Innenräumen nicht nur Familie und Freunde zusammen, sondern leider auch verschiedene Gesundheitsrisiken: allen voran unsichtbare Coronaviren und schlechte, trockene Luft. Das treibt auch Fachleute um: Sie sagen, wie sich das Ansteckungsrisiko vermindern lässt.

1) Regelmässig lüften

Etwas überspitzt formuliert: Lüften kann Leben retten. Das Coronavirus breitet sich in Innenräumen besonders einfach aus, weil sich die ausgeatmeten Aerosole lange in der Luft halten, bevor sie zu Boden sinken (gemäss André Prévôt vom Paul-Scherrer-Institut können dazwischen Stunden bis Tage vergehen). Masken schützen uns dagegen, Abstandhalten ebenso, aber am effektivsten ist das Lüften des Raumes. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat einen Onlinebeitrag (hier gehts zum Beitrag) mit dem Titel «Korrektes Lüften und Heizen» verfasst, der viele Tipps enthält.

Wie wirksam Lüften ist, hat kürzlich eine Untersuchung der Technischen Hochschule Mittelhessen gezeigt: In einem 190 Quadratmeter grossen Klassenzimmer reduzierte sich die Konzentration an Aerosolen innert drei Minuten um 99,8 Prozent. Ein Ergebnis, das vier mobile (und sehr teure) Grossraum-Luftfiltergeräte nach einer halben Stunde um knapp zehn Prozent verfehlten. Wer sich um den Energieverbrauch sorgt: Die Studie – erhoben bei Aussentemperaturen zwischen sieben und elf Grad – hat erwiesen, dass die Innentemperatur nach dem Lüften nur um ein Grad kühler war als vor dem Lüften. Notabene in einem leeren Schulzimmer. Mit Schulkindern im Raum wäre die Zimmertemperatur wohl weniger stark gefallen.

Mindestens fünf, lieber zehn Minuten lang

Zentral beim korrekten Lüften ist, dass man zeitgleich möglichst viele Fenster öffnet: sogenanntes Stosslüften. Beschleunigend wirkt auch ein Querlüften, in dem man in einem gegenüberliegenden, angrenzenden Raum ebenfalls ein oder zwei Fenster aufreisst. Grundsätzlich sollte man im Winter fünf bis zehn Minuten am Stück lüften, im Sommer gar einiges länger. Es wird empfohlen, stündlich, mindestens aber alle zwei Stunden die Fenster zu öffnen. Je mehr Personen sich im Raum befinden, desto kürzer sollten die Intervalle sein.

Und was ist zu tun, wenn man in einem Haus oder in einer Wohnung mit integrierter Lüftung lebt? Minergie Schweiz schreibt dazu in einem Merkblatt: «Wird die Wohnung von Personen betreten, die nicht dem Haushalt angehören, sollte vor und nach dem Besuch die Lüftungsstufe erhöht oder zusätzlich mit Fenstern quergelüftet werden – und bei Besuchen von über einer Stunde zusätzlich während der Besuchszeit.»

Gute Luft, klarer Kopf

Das BAG hält zudem fest, dass eine gute Durchlüftung der Räume zu weniger Klagen «über unspezifische Symptome wie Schleimhautreizungen, Kopfschmerzen und Müdigkeit» führt sowie «weniger Beschwerden bei Personen mit Atemwegserkrankungen wie Asthmatiker» auftreten würden. Ausserdem fördere sie die intellektuelle Leistungsfähigkeit. Wer sich also nach langen Fahrten in gut besetzten Zügen oder nach Sitzungen in zu kleinen Räumen gefragt hat, weshalb der Schädel brummt, dürfte nun eine Erklärung dafür haben.

Das ideale Raumklima im Winter beschreibt das BAG übrigens wie folgt: «Empfehlenswert für die Heizperiode ist eine Raumtemperatur von 20 bis 21 °C in Wohnräumen und von 18 °C in Schlafzimmern bei 30 bis 50 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit.»

2) Trockene Luft vermeiden

Ein zusätzliches Problem: Die Heizungen trocknen die Luft in Wohn- und Arbeitsräumen aus. Deshalb sind unsere Schleimhäute anfälliger auf Infektionen, wie Benoit Sicre vom Institut für Gebäudetechnik und Energie der Hochschule Luzern (HSLU) gegenüber der SonntagsZeitung kürzlich erklärte. «Deshalb gilt die Empfehlung, im Winter die relative Luftfeuchtigkeit über 30 Prozent zu halten.»

Was also tun, um die Luftfeuchtigkeit leicht anzuheben? Wer hie und da ein feuchtes Handtuch auf den Heizkörper legt, ist gut beraten. Luftbefeuchtergeräte gelten nur dann als sinnvoll, wenn der Feuchtigkeitswert regelmässig unter 30 Prozent fällt. Zudem: Werden diese Geräte nicht ausreichend und regelmässig gereinigt, können sie zu Bakterienschleudern werden. Das hat 2019 ein «Kassensturz»-Test von günstigen Modellen gezeigt (hier gehts zum Artikel dazu). Am schlechtesten schnitten darin die Vernebler ab, am besten die Verdunster. Im entsprechenden Fernsehbeitrag verwies Alfred Freitag, Präsident des Schweizerischen Vereins für Luft- und Wasserhygiene, auf eine andere Alternative. Wie er sagte, speichern auch Teppiche aus natürlichen Materialien wie Wolle Feuchtigkeit – und geben sie später frei.

3) CO2-Gehalt beachten

Entscheidend für die Luftqualität ist auch der CO– respektive der Kohlendioxydgehalt in Räumen. Das BAG schreibt dazu: «In Innenräumen ist CO ein guter Indikator für die vielfältigen Verunreinigungen der Raumluft aus dem Stoffwechsel der Personen, die sich im Raum aufhalten.» CO eigne sich deshalb besonders gut zur Beurteilung der Raumluftqualität in dicht belegten Räumen wie Schulzimmern, so das BAG weiter. «Je geringer die Frischluftmenge ist, desto höher liegt der CO₂-Pegel – und desto schlechter ist die Raumluftqualität.» Benoit Sicre sagte dazu in der SonntagsZeitung: «Ein erhöhter Kohlendioxidgehalt könnte ein Hinweis sein, dass das Ansteckungsrisiko durch Aerosole höher ist. Muss aber nicht. Ausschlaggebend ist, ob ein oder mehrere Virenermittler im Raum sind.» 

Der CO2-Gehalt wird in PPM (Parts Per Million, Teilchen pro Million) angegeben. Werte unter 800 ppm gelten als «sehr gut», Benoit Sicre stuft bis 1000 ppm als «gut», 1000 bis 1400 ppm als «mässig» und ab 1400 ppm als «niedrig» ein.

Ein kleines Messgerät sensibilisiert

Die zitierten Werte lassen sich zu Hause relativ einfach und einigermassen günstig messen. Minergie Schweiz beispielsweise hat der «Zeitlupe» ein entsprechendes Messgerät für einen Testlauf zur Verfügung gestellt, das man gegen einen Beitrag von 57 Franken für zwei Monate mieten kann (hier gehts zur Mietbestellung).

Unsere Messungen damit haben gezeigt, dass der CO₂-Wert in einer Wohnung mit jeder Person nachhaltig steigt, die dazukommt – mit jeder brennenden Adventskerze ebenso. Durch zehnminütiges Stosslüften liess sich der Wert (bei zwei Anwesenden) in einer nicht ideal isolierten Riegelhauswohnung schnell wieder auf ein sehr gutes Klima senken. In einer modernen Wohnung, in der wir Ende November eine vierköpfige Familie besuchten, lag der Sauerstoffgehalt bei mittelmässigen 1000 ppm – und liess sich dann bei bis zu sechs Anwesenden im Wohnzimmer trotz mehrmaligem, langen Lüften nie merklich verbessern. Das im Test benutzte, kleine Gerät namens «IOT Wisely Carbon Sense» ist im Handel für knapp 200 Franken erhältlich. Die Messdaten des Geräts werden leicht zeitversetzt aufs Handy übermittelt. Das etwas teurere Modell «AirVisual Pro» eines anderen Herstellers kann gleichzeitig auch die Feinstaubkonzentration in der Luft messen.

4) Luftreiniger sind keine Wundermittel

Wer das Raumklima verbessern will, kann zuhause oder im Büro auch auf mobile Luftfiltergeräte zurückgreifen. Diese sind mit hochwirksamen Aktivkohle- und Schwebstofffiltern ausgestattet, auch HEPA-Filter genannt (HEPA = High-Efficiency Particulate Air/Arrestance). Aktivkohlefilter helfen dabei, unangenehme Gerüche zu beseitigen. Das Magazin «Gesundheitstipp» und die SRF-Sendung «Kassensturz» haben im Oktober 2020 gemeinsam zehn Geräte getestet (hier gehts zum Artikel dazu). Das Resultat: Sämtliche Modelle reinigen die Luft von gröberen und feineren Schadstoffpartikeln (also Russ, Staub, ein Teil der Tröpfchen, Viren und Bakterien) tatsächlich, aber unterschiedlich überzeugend – gegen flüchtige Schadstoffe wie beispielsweise Formaldehyd wirkten die Luftreiniger jedoch kaum. Am besten schnitten die Modelle «MI Air Purifier 3H» von Xiaomi für 280 Franken und «Pure AP» von Electrolux für 500 Franken ab. Beide erreichten die Note «gut».

Im Kampf gegen Corona können uns jedoch auch Luftreiniger nicht komplett schützen. Auf Anfrage der Zeitlupe schreibt Benoit Sicre vom Institut für Gebäudetechnik und Energie der Hochschule Luzern: «Es gibt momentan nicht genug klinische und epidemiologische Beweise für die Wirksamkeit mobiler Luftreiniger – und wie sie das SARS-Cov-2 Infektionsrisiko mindern.» Denn eine Übertragung der Viren finde in Wohnungen auch über Speicheltröpfchen oder direkten oder indirekten Kontakten statt. Allgemein könne man festhalten, so Benoit Sicre, dass Luftreiniger in Pandemiezeiten wahrscheinlich nur in Verbindung mit anderen Massnahmen wirksam seien.

Bei Haustierallergien ein Versuch wert

Auch das BAG verweist darauf, dass der wissenschaftliche Kenntnisstand zum gesundheitlichen Nutzen von Luftreinigern in Wohnungen noch sehr lückenhaft sei. «Verfügbare Studien fokussieren in erster Linie auf Personen mit Asthma und Allergien. Sie zeigen, dass leistungsfähige Luftfiltergeräte Beschwerden etwas vermindern können, insbesondere bei Allergien auf Haustiere.» Immerhin: Eine Reduktion der Partikelbelastung dürfte für Menschen mit Atemwegserkrankungen generell von Vorteil sein. «Sie können als zusätzliche Massnahme eingesetzt werden, sind aber kein Ersatz für das regelmässige Lüften und für eine gute Wohnhygiene», schreibt das BAG dazu.

«Einen positiven Einfluss auf die Befindlichkeit können Luftreiniger gleichwohl haben», sagt Harry Tischhauser. Der Mitbegründer der «unabhängigen Plattform» MeineRaumluft.ch empfiehlt entsprechende Geräte all jenen, die in Wohnungen ohne Teppichböden leben. Denn Teppiche würden den Staub besser binden als Glattböden. «Bei Parkett und Hartböden wirbelt der Feinstaub beim Beschreiten des Raumes sofort in die Luft auf, wo er dann auch länger verbleibt und eingeatmet wird», so Harry Tischhauser.

So oder so: Kompetente Beratung ist bei einem Luftfilterkauf unerlässlich. Nur so lässt sich sicherstellen, dass das Gerät für die vorgesehene Nutzung auch genügend leistungsstark ist. Bei fast allen Geräten gilt es, die Filter alle sechs Monate (oder öfters) auszutauschen – und diese sind mitunter teuer. Lüften hingegen ist gratis. Zum Glück.

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