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Wenn der Schuh drückt und schmerzt

Probleme mit dem Hallux machen vielen Menschen das Leben schwer. Physiotherapie und Haltungsübungen können helfen, den krummen Grosszeh gerade zu halten. Beheben lässt er sich aber oft nur mit einer Operation.

Der Hallux ist weiblich. Weltweit leidet jede vierte Frau unter einer störenden Fehlstellung der grossen Zehe, die für das unästhetische Aussehen des Fusses und Gefühlsstörungen oder mitunter starke Schmerzen sorgt. Bei den über 65-Jährigen ist es sogar jede dritte. Wenn schon die Mutter einen Hallux hatte, dann kann die Tochter meistens nicht verhindern, dass sich bei ihr ebenfalls eine solche Fehlstellung der Grosszehe entwickelt. 

Die familiäre Veranlagung sowie enges und geschlossenes Schuhwerk sollen die wichtigsten Gründe dafür sein, dass die grosse Zehe («Hallux») nach aussen («valgus») abweicht und der Mittelfussknochen sich dadurch zur Körpermitte hin bewegt. Das Ausmass der Fehlstellung nimmt schleichend zu und kann je nach Ausprägung und Dauer auch in einer Arthrose enden. Wann und bei wem dies dann der Fall ist, ist nicht vorhersehbar. Es sei aber durchaus anzunehmen, dass mit höherem Alter das Gehen und die Standsicherheit aufgrund der Schmerzen nachteilig beeinflusst würden.

Vorbeugen ist schwierig

Was als unschöner «Boppel» vorsteht und bei Berührung oder in Schuhen schmerzt, ist kein knöchernes Überbein, sondern der Gelenkkopf des ersten Mittelfussknochens. So oder so ist die Vorwölbung meistens schmerzhaft. Beim Gehen, aber auch in Ruhe, wenn der über dem Mittelfussknochen verlaufende Nerv der Grosszehe gereizt wird.

Vorbeugung ist kaum möglich, ausser man bewegt sich weitgehend ohne Schuhe durchs Leben. Bei Naturvölkern, die keine Fussbekleidung kennen, sind Hallux-valgus-Probleme nämlich sozusagen unbekannt. Wenn der Hallux erst einmal sichtbar und spürbar ist, können Physiotherapie und Haltungsübungen helfen, den krummen Grosszeh gerade zu halten. Allerdings muss frühzeitig damit begonnen werden.

Sonst bleibt als konservative Massnahme, die Schuhe dem Fuss anzupassen. Gefragt sind dann Modelle aus sehr weichem Leder mit einer breiten Vorfussbox. Auf dem Markt gibt es auch diverse Hilfsmittel, welche die Hallux-valgus-Deformität korrigieren oder gar aufhalten sollen. In Tat und Wahrheit vermögen diese aber leider auch nicht langzeitig zu wirken.

In unseren Breitengraden müssen sich Hallux-Betroffene daher meist mit der chirurgischen Behandlung des Problems auseinandersetzen. Da es über 200 verschiedene Arten von Eingriffen gibt, sind Patientinnen und Patienten für einen Operationserfolg auf die Spezialisierung und Erfahrung des behandelnden Arztes angewiesen. In der Fusschirurgie handelt es sich bei diesem Eingriff um eine häufig durchgeführte Routineoperation. Allerdings ist die Fusschirurgie keine geschützte Spezialität. Jeder Chirurg, der am Bewegungsapparat tätig ist, darf grundsätzlich Hallux-valgus-Korrekturen vornehmen. Banal sind solche Korrekturen aber längst nicht, wie oft angenommen wird. Patientinnen und Patienten sind gut beraten, wenn sie einen erfahrenen Fusschirurgen aufsuchen.

Unterschiedliche Nachbehandlungen

Ob beim Eingriff der Knochen gekürzt und gerichtet wird, oder «nur» Weichteile wie die Sehnen korrigiert werden, ist abhängig vom Schweregrad der Fehlstellung und liegt im Ermessen des Mediziners. Wichtig ist, dass die knöcherne Korrektur so gut erreicht wird wie möglich. Im Klartext: Oft muss der Mittelfussknochen durchtrennt und gerader zusammengesetzt sowie verschraubt werden. Reine Weichteileingriffe, die von den Patienten als weniger invasiv empfunden werden, reichen oftmals nicht aus, um das Problem zu beheben.

Die Art der Korrektur ist auch massgebend dafür, wie die Nachbehandlung verläuft. Von der sechswöchigen Ruhigstellung im Gipsstiefel bis zum Tragen eines steifen Therapieschuhs mit Teil- oder sogar Vollbelastung ist die Bandbreite relativ gross. Das sorgt bei Patientinnen und Patienten für Verwirrung, wenn sie sich austauschen. Von vielen wird bemängelt, dass sie punkto Schmerzen und Nachbehandlung vorgängig zu wenig informiert wurden. Eine Patientin nach kürzlich erfolgter Hallux-OP: «Mir war nicht klar, dass ich mich im Anschluss an die OP während sechs Wochen nicht würde selbst versorgen können, da ich den Fuss nur für den Toilettengang aus der Hochlagerung nehmen darf.» Auch der fast tägliche Verbandswechsel sei für eine allein lebende Person eine schwierige Aufgabe. Als die Patientin kurzfristig die Spitex anfragte, hiess es dort, man sei nicht so flexibel. Ausserdem würden die nachoperativen Spitex-Leistungen nicht von der Krankenkasse übernommen.

«Wenn ich das vorher gewusst hätte», mag sich manch eine oder einer sagen, wenn der Routineeingriff am Fuss die Lebensroutine völlig auf den Kopf stellt. Beim Hallux gilt daher wie bei anderen geplanten Eingriffen an den Gelenken: Erst dann operieren, wenn es nicht mehr anders geht. Wenn die Schmerzen so stark den Alltag bestimmen und die Fortbewegung so leidet, dass keine Lebensqualität mehr vorhanden ist, dann soll man sich unters Messer begeben.

Wie der Eingriff durchgeführt werden soll, können Patientinnen und Patienten nicht entscheiden. Ob sie diesen in Vollnarkose verschlafen oder lediglich eine Teilanästhesie erhalten wollen, hingegen meistens schon. Die Teilanästhesie hat den Vorteil, dass die generellen möglichen Nebenwirkungen der Vollnarkose fehlen. Zudem ist der Eingriff am Vorfuss unter diesen Bedingungen problemlos möglich. Nachteilig sei der Wachzustand für die Betroffenen dann, wenn die längere Liegedauer in einer bestimmten Position lästig werde oder wenn es jemanden belaste, die OP «live» mitzuverfolgen. Mit einem Beruhigungsmittel lässt sich aber auch diese Situation meistern.

Was es danach braucht

Wenn der operierte Fuss stark geschont werden muss, hat das nicht nur konkrete Auswirkungen auf die Bewältigung des Alltags. In wenig bewegten Körperteilen ist der Blutkreislauf eingeschränkt, das Risiko für Blutgerinnsel und Thrombosen daher höher. Die Muskulatur baut ab, was sowohl statische als auch dynamische Probleme mit sich bringt. Aus diesem Grund bedürfen diese Patienten einer Physiotherapie, sobald der Knochen nachweisbar geheilt ist.

Bei der Entscheidung für die Hallux-OP bleibt immer auch die klamme Frage, ob es damit ein für allemal getan ist oder ob das Überbein, das keines ist, gar wiederkehren kann? Laut Experten kommt das sogenannte Rezidiv aber nur in einem geringen Prozentsatz vor: Wenn die Diagnose stimme, wenn sorgfältig geplant werde und die Operation samt Nachbehandlung bestmöglich durchgeführt werde, könne das Risiko auf ein Minimum reduziert werden.

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