© Jessica Prinz

«Ein Heim ist kein Verwahrungsort – sondern ein Wohnort»

Die Autorin Daniela Kuhn spricht im Interview über die Schliessung von Alters- und Pflegeheimen für Angehörige, das fehlende Engagement von Organisationen und den Mut zum zivilen Ungehorsam.

Interview und Foto: Jessica Prinz

«Meine 84-­jährige Mutter lebt in Zürich Wiedikon im Altersheim», beginnt Daniela Kuhn ihr neues Buch «Eingesperrt, ausgeschlossen». Sie gehörte während des Lockdowns im Frühling zu all jenen, die keinerlei Kontakt zu ihren Angehörigen haben durften. Grund genug für die Journalistin, sich auf die Suche nach anderen Betroffenen zu machen, die dasselbe erlebt hatten, und deren Erfahrungen zu sammeln. Sie reiste quer durch die Schweiz, entstanden ist dabei eine Publikation mit 17 Geschichten.

Daniela Kuhn, wie geht es Ihrer Mutter heute?
Gut. Obwohl es im Altersheim, in dem sie lebt, auf ihrer Abteilung kurz vor Weihnachten zu mehreren Corona-Ausbrüchen kam. Meine Mutter war während über zwei Wochen lang in ihrem Zimmer isoliert, hat auch dort gegessen. Sie hat die Situation für mich aber überraschend gut überstanden. Wir haben täglich per Skype miteinander gesprochen, wie schon im letzten Frühling. Inzwischen ist die Quarantäne aufgehoben. Sie geht wieder täglich spazieren, unterschreibt davor ein entsprechendes Formular. Das nimmt sie gerne in Kauf.

Es sieht so aus als hätten die Altersheime aus den Geschehnissen der ersten Corona-Welle gelernt.
Ja, und auch die Behörden: Die Empfehlungen für Altersheime wurden für den aktuellen zweiten Lockdown nicht verschärft. Im Altersheim meiner Mutter sind sogar in den von Corona betroffenen Abteilungen Besucherinnen und Besucher erlaubt – auf Voranmeldung, für maximal 30 Minuten und natürlich nur bei solchen Bewohnenden, die selbst nicht infiziert sind. Dennoch: Es gibt noch immer generelle Schliessungen, ohne jeglichen Besuch. Ich erhalte Hilferufe von Bewohnern, die seit vielen Wochen und auf unbestimmte Zeit wieder eingesperrt sind, etwa aus dem Tessin oder dem Wallis. Einer meinte: «Es gibt keine Plastikbänder mehr, keine Metallzäune. Von aussen ahnt man nicht, was drinnen vor sich geht.» Die Situation ist also noch längst nicht überall gut oder auch nur annähernd gut.

Sie schreiben in Ihrem Buch mehrfach, dass Sie das fehlende Engagement von Organisationen wie Pro Senectute und Curaviva enttäuscht habe. 
Im Frühling war es unheimlich schwierig, ganz auf sich allein gestellt zu sein und keine Anlaufstelle zu finden. Für jene, die in den Heimen isoliert waren, aber auch für die Angehörigen, die sie nicht besuchen durften. Auch ich wusste nicht mehr, was ich tun soll. Ich bin Journalistin, weiss, an welche Stellen ich mich wenden muss, ich kann anrufen und Briefe schreiben. In dieser Situation stand ich aber zum ersten Mal im Leben da wie der Esel am Berg. Das erschütterte mich. 

Was hätten Sie sich von diesen Organisationen gewünscht?
Dass sie sich lautstark und so weit als möglich gegen Massnahmen in dieser rigiden Form geäussert hätten. Und dass sie anhand der vielen Anrufe, die sie bestimmt bekommen haben, die Missstände realisiert hätten. Das geschah nicht. Die beiden Organisationen stellten sich stattdessen auf den Standpunkt, in der damaligen Situation unmittelbar nichts bewirken zu können. Ich finde aber: Protestieren kann man immer! Position beziehen und rechtliche Schritte prüfen – auch wenn sich dadurch nicht sofort etwas an der Situation ändert.

Hat sich in der Zwischenzeit etwas getan?
Ja, beide Organisationen positionieren sich heute klar gegen generelle Schliessungen. Das ist wichtig und richtig. Die Bewohnenden wurden ungefragt geschützt. Das ist rechtlich nicht haltbar, denn die Grundrechte gelten auch für Menschen, die in einem Heim leben und unabhängig von deren Alter. Und: Ein Heim ist kein Verwahrungsort – sondern ein Wohnort. 

Die Verantwortlichen der Heime argumentierten aber, dass diese Massnahmen zum Schutz der Bewohnerinnen und Bewohner dienen.
Ja, auch in meinem Umfeld wurden Stimmen laut, die sagten: «Es geht ums Kollektiv. Diese Menschen leben in einer Gemeinschaft, sie müssen sich schützen und geschützt werden.» Dass in einem Heim strenge Regeln gelten müssen und nicht alle tun und lassen können, was sie wollen, das ist klar – besonders während dieser Pandemie. Man muss allerdings aufpassen und genau hinschauen, wie weit man bei diesen strengen Regeln geht. Denn einen absoluten Schutz gibt es sowieso nie. Hier fehlt mir oft der gesunde Menschenverstand. 

Wie meinen Sie das?
Das Heim, in dem meine Mutter wohnt, stellte beispielsweise einen zwei Meter hohen Metallzaun auf.  Als engste Bezugsperson hat mich dieser Anblick verletzt: Ich stand hinter dem Zaun, meine Mutter auf der anderen Seite – zwischen uns lagen etwa fünf Meter. Einmal fragte sie die Aufsichtsperson, ob ich mich vor den Zaun stellen dürfe, weil sie mich durch das Gitter so schlecht sah. Das hätte etwa 20 Zentimeter weniger Abstand zur Folge gehabt. Ihre Bitte wurde ausgeschlagen.

«Zu merken, wie wenig es braucht, dass Menschen nicht mehr selbstständig denken, machte mich wütend.»

Mit welcher Begründung?
Der Mann sagte, das sei ihm nicht erlaubt. Es ging also nur noch um die neuen Regeln und nicht darum, ob sie Sinn machen. Ich fand es schon sehr bemerkenswert, wie wenig es braucht, dass Menschen nicht mehr selbstständig denken, wie selten ziviler Ungehorsam möglich war.

Es gab aber auch andere Situationen.
Ja, zum Glück. Das gab es, natürlich. Im Buch kommt zum Beispiel eine Pflegerin vor, die eine Bewohnerin heimlich in den Garten geführt und so eine «zufällige» Begegnung mit den beiden Kindern ermöglicht hat. Das sind Momente, die die Herzen der Menschen erwärmen. Im Endeffekt finde ich: Es braucht gewisse Regeln. Aber man muss trotzdem noch selbständig denken und Gefühle bei der Entscheidung miteinbeziehen dürfen.

Eine ketzerische Frage: Gibt es nicht auch sehr viele Angehörige, die ihre Liebsten im Altersheim ohnehin nur selten besuchen? 
Das ist keine ketzerische Frage sondern eine sehr gute. Und Sie haben völlig Recht, das ist so. Es gibt viele Menschen in Altersheimen, die wenig Besuch bekommen und sowieso selten oder gar nie nach draussen gehen. Manche machen, wenn es hoch kommt, vielleicht mal einen Rundgang im Park mit ihnen. Mein Buch zeigt eine Auswahl sehr engagierter Angehöriger. Denn: Je enger die Beziehung ist, desto mehr leidet man. So einfach ist das. 

Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?
Ich glaube, dass besonders diejenigen, die selbst betroffen sind, das Bedürfnis haben, diese Geschichten zu lesen. Zu erfahren, wie andere diese schwierige Situation erlebt haben. Und wenn es über diesen Kreis hinaus gelesen wird – umso besser.

Sie widmen sich in Ihren Büchern und in Ihrer Arbeit allgemein gern alten Menschen. Was fasziniert Sie am Alter?
Ich konnte es schon immer gut mit alten Leuten. Vielleicht, weil ich zu meinen Grosseltern, insbesondere zu meinem Grossvater, ein enges Verhältnis hatte. Er war anfang 80 als ich zur Welt kam und starb mit 92. Durch ihn erhielt ich einen Zugang zu dieser Generation. Er war ein wichtiger Mensch für mich. Das prägte mich derart, dass ich alte Menschen und ihre Erfahrungen als sehr wertvoll empfinde.

Was würden Sie sich in der aktuell wieder schwierigen Situation wünschen?
Ich plädiere dafür, dass sich die Kantone positionieren und Mindestansprüche definieren, die alle Heime erfüllen müssen. Beispielsweise, dass man Zugang zum Heim hat – wenn nötig auch mit Schutzanzügen. Es ist eine politische Forderung, die meiner Meinung nach umgesetzt werden muss. Neben den endlosen Diskussionen über das Skifahren dürfen die Heimbewohnerinnen und -bewohner nicht vergessen gehen. Und ich hoffe, dass auch die Impfungen in den Altersheimen die Situation nachhaltig entspannen werden.


Daniela Kuhn (51) ist Journalistin und Autorin aus Zürich. Eben erschien ihr neues Buch «Eingesperrt, ausgeschlossen» im Limmatverlag.

«Eingesperrt, ausgeschlossen.» Besuchs- und Ausgehverbot in Heimen, 17 Bewohner und Angehörige erzählen.
148 Seiten, Limmat Verlag, 2020

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