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Schilderwald im Fitnesscenter 15. Juni 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie täglich aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von weniger Essen und mehr Bewegung. 

Von pausbäckigen Kindern ist die Rede. Fachleute bestätigen: Vielen Kindern hätte die schulfreie Zeit nicht gutgetan; sie hätten an Gewicht zugelegt. Nicht nur sie: Die kulinarischen Köstlichkeiten meines Mannes und die dazugehörige Flasche Rotwein am Abend rundeten in den letzten Wochen Bauch und Hüfte. Das Physiozentrum mit den verschiedenen Fitnessgeräten war sowieso geschlossen. «Fit mit Adriano» am Fernsehen blieb beim Vorsatz. Und der tägliche Hundespaziergang kann nur mit viel gutem Willen als «leichte sportliche Betätigung» gewertet werden.

Drei Mal sind vom Bundesrat Lockerungen angesagt – für mich jedes Mal eine Gelegenheit, die längst gefassten guten Vorsätze in die Tat umzusetzen: mehr Bewegung, weniger Essen. Ich verpasse alle drei Gelegenheiten. Erst als Schuhe binden und Bücken nach den Hinterlassenschaften des Hundes zu einer gymnastischen Übung werden, telefoniere ich ins Physiozentrum im Nachbardorf. Ja, es sei geöffnet, allerdings müsse man sich anmelden. Ob ich gleich einen Termin abmachen wolle? Nein, eigentlich nicht. Aber da mir das Schicksal so offensichtlich einen Wink gibt, sage ich zu. 

Der Eingang zum Physiozentrum im Untergeschoss eines Mehrfamilienhauses ist mit Corona-Plakaten zugeklebt. Auf einem Tischchen liegt ein zerfleddertes Notizbuch, in das man seinen nächsten Fitness-Termin einzutragen hat. Der Desinfektionsspender funktioniert nicht, aber gleich hinter der Tür hat es weitere. Und mehr Plakate: Hände waschen! Bitte desinfizieren! Am Boden sind in regelmässigen Abständen gelbe Streifen angebracht: Abstand halten! Vor dem Tresen grenzen zusätzlich orange-weisse Markierungskegel die Kundschaft von den Mitarbeitenden hinter der Plexiglasscheibe ab. Alle tragen Masken. Die Garderoben sind geschlossen. 

Höchstens acht Personen dürfen sich im mit Warnschildern vollgeklebten Fitnessraum im Erdgeschoss aufhalten. Es sind nur vier da – Altbekannte, die wie ich versuchen, wieder auf Touren zu kommen. Die meisten Geräte weisen einen grossen, roten Punkt auf: Sie dürfen nur benützt werden, wenn das Nachbargerät frei ist. Auf den Fensterbänken stehen Mengen von Papierrollen und Desinfektionsflaschen: Bitte Gerät reinigen. Als ich auf dem Hometrainer an Ort vor mich her radle, bin ich glücklich: Wieder ein Stücklein Alltag! Und wäre nicht eigentlich der 15. Juni – wenn die Grenzen öffnen – der ideale Zeitpunkt, um auch den überschüssigen Kalorien den Kampf anzusagen?

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin