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Grüne Zukunft 21. Juni 2021

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder (69) erzählt seit Beginn der Corona-Krise jede Woche aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von der Wiener Hitzewelle und dem Schweizer Abstimmungssonntag. 

Usch Vollenwyder
Usch Vollenwyder,
Zeitlupe-Redaktorin

In Wien bin ich zum Nachtessen bei meinem befreundeten Musiker-Paar eingeladen. Natürlich sind die Pandemie und der eingeschränkte Alltag ein Thema. Allerdings habe ich nicht viel zu erzählen: Im Gegensatz zu Österreich leben wir in der Schweiz auch corona-mässig auf der Insel der Glückseligen. Meine Freunde müssen trotz Impfung dreimal in der Woche zum PCR-Test antraben und mit FFP2-Maske spielen. Und für Aufnahmen zusätzlich Kopfhörer aufsetzen. Ihm tut wegen der vielen Abstriche schon längst die Nase weh. Ihr setzt die Kombination von Bratsche, Maske und Kopfhörer bei dieser Hitze besonders zu.

Und damit sind wir beim nächsten Thema: dem Klima. In Wien ist eine Hitzewelle angesagt – Tropennächte und Temperaturen weit über dreissig Grad. Natürlich kommen wir auf den Abstimmungssonntag in der Schweiz zu sprechen: Auch in Österreich, wie vielerorts in Europa, habe man gespannt auf den helvetischen Volksentscheid zum CO2-Gesetz gewartet. Eine deutliche Zustimmung zu mehr Klimaschutz wäre wegweisend gewesen. Als «Paukenschlag» wird im Ausland unser Nein zu einer grüneren Zukunft betitelt. Meine Freunde trösten: Andere europäische Länder hätten wohl gleich abgestimmt. 

Pandemien kommen und gehen, doch die Fragen rund ums Klima bleiben. Sie sind dermassen dringlich, dass ich keine Sekunde an der Annahme des CO2-Gesetzes gezweifelt habe. Umso mehr, als dass jahrelang an diesem ausgewogenen Massnahmenpaket herumgetüftelt wurde und sich schliesslich mit einer Ausnahme alle Parteien dahinter gestellt haben. Die Verteuerung von Benzin und Diesel sei der Grund für die Ablehnung gewesen, lese ich später die Analysen. Dass seit Anfang Jahr der Benzinpreis aus marktwirtschaftlichen Gründen um dreissig Rappen gestiegen ist, hat indes keinen Traktor- und Töfffahrer, keinen Sportwagen- und SUV-Fan vom Fahren abgehalten. Dass das CO2-Nein der jüngsten Generation zu verdanken ist, irritiert und frustriert zusätzlich.

Corona holt mich erst am nächsten Tag wieder ein. Um halb neun Uhr morgens verlässt der Zug den Wiener Hauptbahnhof Richtung München. In Freilassing steigen deutsche Grenzpolizisten zu – nach Jahrzehnten muss ich wieder einmal meine Identitätskarte zeigen. Im Eurocity von München nach Zürich will ich mir im Speisewagen ein Sandwich holen, doch er ist geschlossen. Und bitte die FFP2-Maske aufsetzen, wir seien in Deutschland, mahnt mich der Schweizer Zugbegleiter. Kaum über der Schweizer Grenze, öffnet der Speisewagen. Der Zugbegleiter ersetzt seine FFP2-Maske durch eine gewöhnliche Hygiene-Maske und nickt mir zu. Trotz verlorenem Abstimmungssonntag: Wie schön, wieder zu Hause zu sein!


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