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Ursula & Ueli: Spät vereinte Liebe

Ursula Bürgi und Ueli Friedländer verbrachten ihre Kindheit und ihr Studium zusammen. Nach 45 Jahren Funkstille sind die beiden seit fünf Jahren ein Paar – und schildern ihren Weg zum Glück.

Aufgezeichnet von Fabian Rottmeier

Ueli Friedländer, 71: Wir wuchsen beide in Zürich-Altstetten auf. Ich ging mit Ursulas Schwester zur Schule – und meine Schwester mit Ursula. Weil auch unsere Eltern sehr gut befreundet waren, sahen wir uns sehr oft.

Ursula Bürgi, 69: Als Ueli 12 war, zog seine Familie in ein anderes Zürcher Stadtquartier – und wir haben uns aus den Augen verloren. Erst, als wir beide im selben Lehrergesangverein waren, kreuzten sich unsere Wege wieder. Es war der Beginn einer intensiven Phase, in der wir – rückblickend betrachtet – zu scheu waren. Es blieb beim Flirt.

Ueli: Wir sahen uns häufig, besuchten Konzerte zusammen, und während des Studiums kam Ursula jeden Freitagmittag zu mir. Ich bekochte sie, während sie ihre Aufgaben löste.

Ursula: Ueli war damals schon verlobt, verbrachte aber trotzdem viel Zeit mit mir. Seine Freundin und ich waren beide eifersüchtig aufeinander. Ueli war neun Jahre lang verlobt, während ich mit 26 Jahren das erste Mal geheiratet habe und nach Chur zog.

«Nach dem ersten Treffen kam es vor, dass wir bis zu vier Stunden lang miteinander telefoniert haben.»

Ueli: So trennten sich unsere Wege. Ich hätte oft gerne gewusst, wie es Ursula geht, aber da war ich in einer denkbar schlechten Situation, weil ich ja immer ihre Eltern hätte fragen müssen, um etwas zu erfahren – ihren neuen Nachnamen zum Beispiel. Und da meine Frau immer anwesend war, war das keine gute Idee. Ursula wusste von ihrer Mutter jedoch immer sehr genau, wie es mir ging.

Ursula: Als man dann mit der Einführung des Internets googeln konnte, suchte mich Ueli unter dem Namen meines ersten Mannes – und fand nichts. Dabei hätte er lediglich nach Ursula Gautschi-Bürgi suchen sollen.

Ueli: Mir fehlte dazu die Kreativität. Wir Archäologen sind eben etwas einfach gestrickt, dafür können wir gut «sändele». Einmal sind wir uns dann noch zufällig über den Weg gelaufen, als ich in Chur einen WK absolvierte. Aber grundsätzlich haben wir uns rund 45 Jahre nicht mehr gesehen.

Ursula Bürgi und Ueli Friedländer auf ihrer Reise durch Patagonien und in die Antarktis.
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Ursula: Ich war mittlerweile geschieden und nach Rapperswil gezogen. Als ich zum zweiten Mal heiratete, behielt ich meinen Mädchennamen, da ich mir inzwischen als selbstständige Physiotherapeutin ein gutes Netzwerk aufgebaut hatte. Mein zweiter Ehemann starb 2013. Als ich zwei Jahre später von meiner Mutter erfuhr, dass Uelis Frau ebenfalls verstorben war, schrieb ich ihm einen Brief und bot ihm meine Unterstützung an, falls er über den Verlust reden wollte. Als ich auf einer Chorreise in Stockholm aus dem Flugzeug stieg und beim Gepäckband auf meinen Koffer wartete, rief Ueli an. Der Anruf und meine Freude darüber verbreiteten sich im Chor wie ein Lauffeuer.

Ueli: Dabei war es ein völlig unschuldiger Anruf gewesen. Meine Frau war sieben Jahre lang krank gewesen, bis sie verstarb. Ich war am Boden zerstört, und es ging mir schlecht. Und dann kam dieser Brief. Da ich ausser meiner Tochter niemanden hatte, mit dem ich über diesen Verlust reden konnte, meldete ich mich bei Ursula – und das «Unheil» nahm seinen Lauf. Zwei Wochen später, …

Ursula: … am 13. August, haben wir uns in Stäfa zum Abendessen verabredet.

Ueli: Ursula hatte sich etwas herausgeputzt, ich erschien lediglich in Jeans und T-Shirt. 

Ursula: Ein hautenges noch dazu! Weiss-türkis gestreift!

«Für mich kam unsere Beziehung einem Wunder gleich. Sie stand von Anfang an unter einem guten Stern.»

Ueli: An diesem Abend erzählte ich Ursula bereits davon, welche Reisen ich nun alles nachholen wollte. Es gab Reisen, die mit einem leicht behinderten Sohn oder einer erkrankten Frau nicht infrage gekommen waren. Ich wollte mir ein paar Träume erfüllen. Als meine Frau starb, kaufte ich mir als Erstes ein Generalabonnement; als Soforthilfe, wenn mir die Decke auf den Kopf zu fallen drohte. Den zweiten Wunsch, den ich mir erfüllen wollte, war eine Schiffsreise von St. Petersburg nach Moskau. 

Ursula: Eine Reise, die ich ein Jahr zuvor mit meiner Mutter geplant hatte. Doch als sie dafür ihren Pass hätte erneuern sollen, verging ihr die Lust darauf. (lacht) Typisch! Ueli bot mir beim ersten Abendessen an, mich auf die Reise einzuladen.

Ueli: Wir buchten zwei Kabinen, aber schon vor der Abreise, die mehr als ein halbes Jahr später stattfinden sollte, konnte ich beim Reiseanbieter anrufen und mitteilen, dass wir nur eine Kabine benötigen.

Ursula: Nach dem ersten Treffen kam es vor, dass wir bis zu vier Stunden lang miteinander telefoniert haben – und dabei denselben Mond betrachteten, er in Zürich, ich in Rapperswil. Am 31. Oktober 2015 gingen wir zusammen in die Zürcher Oper.

Ueli: Danach begleitete ich Ursula zum Bahnhof und fragte sie, ob ich sie küssen dürfe.

Ursula: Und er küsste mich auf die Stirn – ganz scheu.

Ueli: Die Reise nach Moskau war wunderschön, und wir bereisten fortan zusammen Länder wie Neuseeland, Australien, Griechenland oder atemberaubende Orte wie Patagonien oder die Antarktis. Nächstes Jahr möchten wir uns auch die Arktis ansehen. Ohne Corona-Pandemie hätten wir den Monat Juni in Spanien verbracht.

Ursula: Nach einigen Reisen, die ich alleine unternommen hatte, genoss ich es extrem, wieder jemanden an meiner Seite zu haben, dem ich abends im Wohnmobil von den vielen tollen Eindrücken erzählen konnte. Ich brauchte das. Mein Leben mit Ueli ist ganz anders als das Leben mit meinen beiden Ehemännern, mit denen ich 7 und 25 Jahre verheiratet gewesen war. 

Ursula Bürgi und Ueli Friedländer auf ihrer Reise durch Patagonien und in die Antarktis.
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Ueli: Für mich kam unsere Beziehung einem Wunder gleich. Sie stand von Anfang an unter einem guten Stern. Es ist toll, mit Ursula zusammen zu sein. Wenn ich sie einen Tag lang nicht sehe, dann fehlt mir etwas. Auch wenn sie nicht die Einfachste ist …

Ursula: … er aber auch nicht. Ich bin einfach sehr direkt. Als wir jung waren, war er Gebirgsgrenadier und kletterte jedes Wochenende auf einen Berg. Ich war überrascht, wie faul er geworden war und am liebsten den ganzen Tag über Filme schauen würde. Ich bin eher das Gegenteil – ich bin heute zehn Mal fitter als früher. 

Ueli: Unsere Beziehung ist schön und alles in allem sehr entspannt. Wir stellten nach 45 Jahren erfreut fest, dass sich viele unserer Interessen wie Musik, Theater und Kino noch immer decken.

Ursula: Wir haben uns sozusagen parallel weiterentwickelt, ergänzen uns aber auch gut. Manchmal schien es, als hätte es diese 45 Jahre dazwischen nie gegeben.

Ueli: Es ist einfach wahnsinnig toll und spannend zusammen! Und seit ich in der Rapperswiler Altstadt eine wunderschöne Wohnung gefunden habe, wohnen wir sehr nahe beieinander.

Ursula: Ich geniesse es sehr, nicht mehr alleine zu sein. Obwohl ich eigentlich keinen neuen Mann in meinem Leben gesucht habe. Auf einen fremden Menschen hätte ich mich wohl nicht mehr eingelassen. Die neue Zweisamkeit, die ich mit Ueli erlebe, schätze ich sehr. Es ist ganz anders, sich im Alter nochmals so zu verlieben. Irgendwie realer. Man schaut alles nüchterner an. Man weiss genau, was man will. Wir haben ganz bewusst zwei Wohnungen. Ich will niemanden mehr permanent in meiner Wohnung haben. Dass wir später aus gesundheitlichen Gründen zusammenleben, schliesse ich jedoch natürlich nicht aus.

Ueli: Man kann gegenseitig Nähe und Abstand suchen. Das ist sicher auch nach einer längeren gemeinsamen Reise viel Wert. Da braucht man auch mal wieder Zeit zum Luft holen. Aber man realisiert rasch genug, dass es einem stinkt alleine.

© Pia Neuenschwander

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