Gedenkstätte Tavel auf dem Längenberg: Von hier aus eröffnet sich ein herrlicher Ausblick auf die Berner Alpen © Beat Straubhaar

Über der Nebelgrenze

Wenn über der Stadt eine Hochnebeldecke liegt, fliehen Bernerinnen und Berner auf den nahen Längenberg. Wer zu Fuss von Zimmerwald nach Rüeggisberg unterwegs ist, hat die Alpenkette mit Eiger, Mönch und Jungfrau stets vor Augen. 

Text: Usch Vollenwyder

Zimmerwald, ein Dorf auf dem Längenberg rund zehn Kilometer südlich der Stadt Bern, ging in die Annalen der Weltgeschichte ein: Im September 1915 – mitten im Ersten Weltkrieg – trafen sich in diesem Bauerndorf die führenden Köpfe der SozialistischenInternationale aus ganz Europa. Initiator des Treffens war der Chefredaktor der linken Berner Tagwacht und spätere Regierungsrat Robert Grimm. Mit dabei waren auch die russischen Politiker Wladimir Iljitsch Lenin und Leo Trotzki, der das Zimmerwalder Manifest verfasste. Dieses sollte den unterschiedlich ausgerichtetenSozialisten aller Länder eine gemeinsame Richtung vorgeben; im Zentrum stand das gemeinsame Engagement für den Frieden.

Doch es kam zu keiner Einigung: Die Mehrheit lehnte die revolutionären Ansichten Lenins ab. Das Zimmerwalder Manifest spaltete die internationale Arbeiterbewegung in einen sozialdemokratischen und einen kommunistischen Flügel. Alteingesessene Zimmerwalder tun sich immer noch ein bisschen schwer damit, dass ihr Dorf in der Geschichte des Kommunismus eine bedeutende Rolle spielte. Auf der Homepage der Gemeinde Wald, zu der 2004 die Nachbardörfer Zimmerwald und Englisberg fusioniert haben, steht, dass die Gemeindeschreiberei in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit Schreiben aus dem Ostblock überhäuft worden sei: Die Jung-Kommunisten konnten zu dieser Zeit nur schriftlich Kontakt mit ihrer «Wallfahrtsstätte im Westen» aufnehmen.

Meist nebelfreier Längenberg

In diesem geschichtsträchtigen Ort beginnt auf rund 850 Metern über Meer die rund vierstündige Wanderung über den Längenberg. Auf Flurwegen geht es zunächst hoch zur Sternwarte des Astronomischen Instituts der Universität Bern; von dort aus führt der Wanderweg immer südwärts Richtung Obermuhlern, Niedermuhlern und schliesslich hinauf zum Aussichtspunkt Bütschelegg. Der meist nebelfreie Längenberg ist vor allem an grauen Tagen ein beliebtes Ausflugsziel; dann ragen die Jurakette, die Hügel des Emmentals und im Süden die Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau aus der Nebeldecke.Mittagessen gibt es nach dem kurzen, steilen Aufstieg durch das Ratteholz im Restaurant Bütschelegg, das seit vierzehn Jahren vom gebürtigen Tamilen Seevaratnam Thekalolibawam – er nennt sich kurz Kanet – geführt wird. Kanet kam 1991 als junger Asylbewerber in die Schweiz, machte eine Kochlehre und arbeitete in verschiedenen Gastrobetrieben in der Region Bern, bevor er Pächter auf der Bütschelegg wurde.

Der Aussichtspunkt auf 1056 Metern über Meer, die von mächtigen Bäumen beschattete Gartenterrasse, das freundliche Wesen des tamilischen Wirts und die originelle Speisekarte – von traditioneller Schweizer Küche bis zu tamilischen Gerichten – locken Gäste von weither an. Zurzeit stehen auf der Saisonkarte «Gnagi mit Surchabis, Dörrbohnä u Sauzhärdöpfu» oder «Chuttle uf Tamilisch are milde Currysosse mit Riis».

Von der Bütschelegg aus führt der Wanderweg über einen Abhang hinunter ins Dorf Oberbütschel. Der kurze Abstecher zur Rudolf-von-Tavel-Gedenkstätte lohnt sich: Auf der Bankunter einem alten Ahornbaum geniesst man an nebelfreien Tagen die Aussicht auf den gegenüberliegenden Belpberg, die Stadt Thun und ihren See, auf die Voralpen- und Alpenkette. Hinunter fällt der Blick ins Gürbetal, das bis heute schweizweit für seine Sauerkrautproduktion bekannt ist. Die Gedenkstätte ist von einer niederen Mauer umgeben, auf einem Findling ist eine Bronzemedaille mit dem Porträt des berühmtesten Berner Mundartdichters zu sehen. Von diesem Ort schrieb Rudolf von Tavel (1866 bis 1934) in seinem Buch «Ds verlorne Lied», er sei der schönste im ganzen Bernerland.

Die Ruine des ehemaligen Cluniazenserklosters Rueeggisberg erstrahlt im Gegenlicht der abendlichen Wintersonne. Im Hintergrund die majestaetische Gantrischkette.
Die Ruine des ehemaligen Cluniazenserklosters Rueeggisberg. Im Hintergrund die majestaetische Gantrischkette. © swiss-image.ch/ Marcus Gyger

Der letzte Teil der Wanderung führt durch den ausgedehnten Taanwald und schliesslich über Wiesen und Ackerland nach Rüeggisberg. Kurz vor dem Dorfeingang befindet sich die süsse Welt des Pâtissiers Rolf Mürner. «Swiss Pastry Design» nennt er seine kleine Firma, in der köstlichste Dessert-Kreationen in Handarbeit hergestellt werden. Man kann sie bei einem Kaffee im Panoramarestaurant Viva gleich nebenan geniessen oder mit nach Hause nehmen. In einer ganz anderen Welt befindet sich, wer bis zu Rüeggisbergs Dorfausgang weiterwandert: Die Ruinen des ehemaligen Cluniazenserklosters aus dem 11.Jahrhundert gelten als Kraftort auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. ❋

Adresse: Naturpark Gantrisch, Schlossgasse 13, 3150 Schwarzenburg, Telefon 031 808 00 20, Mail info@gantrisch, www.gantrisch.ch

Persönlichkeiten und ihre Wege

Buchcover: Beat Straubhaar: «Unterwegs. Persönlichkeiten und ihre Wege»Der Längenberg ist einer der Lieblingsorte des IKRK-Präsidenten Peter Maurer. Der gebürtige Thuner pendelt zwischen Genf, seinem Wohnort Bern und Krisengebieten in aller Welt. Wenn immer möglich gönnt er sich als Ausgleich zu seiner aufreibenden Arbeit eine Joggingrunde auf dem Längenberg. Die Wanderung stammt aus dem reich bebilderten Buch «Unterwegs – Persönlichkeiten und ihre Wege». Der Autor Beat Straubhaar begibt sich mit 24 Schweizer Prominenten aus Sport, Kultur und Wirtschaft auf ihre Lieblingswege. Im Gespräch geht er ihrem Leben, ihren Wünschen und Hoffnungen nach. Mit dabei sind – neben Peter Maurer – Prominente wie Altbundesrat Adolf Ogi oder Volksmusik-Star Melanie Oesch, Clownin Gardi Hutter oder Herzchirurg Thierry Carrel.


Beat Straubhaar: «Unterwegs. Persönlichkeiten und ihre Wege», Kümmerly+Frey Verlag, Schönbühl, 2019, 206 S., ca. CHF 39.90

Beitrag vom 14.01.2020