Wohlbehütete Herzensdinge

Manche Dinge begleiten Menschen jahrzehntelang durchs Leben. Sie sind Symbole längst vergangener Zeiten und vermitteln ihren Besitzerinnen und Besitzern in der sich rasch wandelnden Welt etwas Geborgenheit. Zwei Leserinnen und zwei Leser präsentieren ihre Herzenssachen – und erzählen, welche Geschichten damit verbunden sind.

Fotos: Jessica Prinz

«Diepoldsau, Zürich, Hamburg, Buenos Aires, Mar del Plata, Genua: Meine Kaffeekanne hat schon einige Stationen durchlaufen. Mehr als 60 000 Kilometer ist sie gereist, mit Zügen, Ochsenkarren, Lastwagen, Schiffen und Flugzeugen. Und all die Strapazen hat sie mit einer minimalen Absplitterung am Schnabel überlebt – unglaublich!

Es gibt wohl nicht viele Kaffeekannen, die eine ähnliche Geschichte erzählen könnten, auch wenn sie, wie die meine, über hundert Jahre alt sind. Ursprünglich gehörte sie meiner Urgrossmutter. Wie sie in deren Besitz kam, kann ich mir nicht erklären. Die Urgrosseltern waren bescheidene, arme Leute, sie hatten nicht viel Geld. Und die Wahrscheinlichkeit, unter diesen Umständen an einen englischen Porzellankrug zu gelangen, ist eher klein. Warum dieser derart weit gereist ist, darüber weiss ich allerdings einiges.

Brigitte Sala (76) aus Wettswil ZH ist ein Tausendsassa: Kunstschülerin, Englischlehrerin, Cafébetreiberin. Die wirtschaftliche Lage machte sie und ihren Ehemann erfinderisch, bis die Wirtschaftskrise die Familie vor 25 Jahren zwang, wieder in die Schweiz zu ziehen. Die Kaffeekanne ist seit 50 Jahren in ihrem Besitz.

Nicht nur heute ist Migration ein grosses Thema, auch unsere Vorfahren mussten flüch­ten: oft, weil sie in ihrer Heimat keine Arbeit fanden. Im Gegensatz zu den Menschen, die heute unter Lebensgefahr übers Mittelmeer fahren, muss die Flucht früher organisiert abge­laufen sein. Der Bund unterstützte Familien mit einem Ticket und oft noch mit etwas Geld, um ihnen das Auswandern zu ermöglichen. Damit war allen gedient: Die Familien konnten im Ausland arbeiten, die Staatskasse wurde ent­lastet. Gewählt werden konnte zwischen Süd­amerika, USA, Kanada oder Australien.

Die Hoffnung auf ein besseres Leben brachte auch meine Grosseltern mitsamt der fünf Kinder, darunter meine Mutter, 1936 dazu, nach Südamerika auszuwandern. Ein anderer Kontinent, anderes Klima, eine neue Kultur, eine fremde Sprache: Der Schritt ins Ungewisse bedarf Mut – meine Grosseltern hatten ihn. Im Norden Argentiniens, in Misiones, wo ich 1944 zur Welt kam, bewirtschaftete die Familie etwa zehn Jahre lang eine kleine Farm von 25 Hektaren, das nötige Know­how dafür erwarben sie in einem Schnellkurs vor Ort. Die Arbeit war hart, die Grosseltern wurden immer älter, und von den Kindern wollte niemand die Farm übernehmen. Also entschieden sie sich, als ich gerade zwei Jahre alt war, nach Buenos Aires zu ziehen.

Es folgten viele weitere Umzüge, in Argenti­nien selbst, zwischenzeitlich aber auch wieder zurück in die Schweiz. Immer aus demselben Grund: weil die finanzielle Lage nicht gut war. Weil wir keine Arbeit fanden. Gewiss, wir hätten auch bleiben können, einfach weitermachen, arm und ohne Perspektiven. Aber uns trieb die Hoffnung auf etwas Besseres ständig vorwärts.

Nicht nur das Gefühl der Entwurzelung und des Ankommens begleitete uns in dieser Zeit. Sondern auch die Kaffeekanne meiner Ur­grossmutter, die mir Grossmutter nach meiner Hochzeit 1970 vermachte. Viermal überquerte sie mit uns zusammen den Atlantik, sie reiste weit und bereitete viel Freude. Heute steht sie als Dekorationsobjekt und Erinnerungsstück im Regal. Kennt man ihre Geschichte nicht, könnte man meinen, es sei eine ganz gewöhnliche Kanne. Ihre Reisen machen sie allerdings zu einer Besonderheit.»

Aufgezeichnet von Jessica Prinz


«Ich hütete das Holzgefährt wie einen heiligen Gral»

«Ghackets mit Hörnli, ein Schoggikuchen – das be­kam ich von unseren Eltern zu den Geburtstagen geschenkt. Zu mehr reichte das Geld nicht. So wie alle Kinder des Zürcher Arbeiterquartiers wuchs auch ich in ärmlichen Verhältnissen auf. Wir hatten wenig, und doch fehlte es uns an nichts. Die Strasse war unser Spielplatz und das, was wir darin fanden, unser Spielzeug. Eigene Sachen besassen wir keine.

Alfred Frischknecht (75) ist sieben Mal umgezogen – seit 70 Jahren begleitet ihn der Wisa-Gloria-Lastwagen durchs Leben. Autos faszinierten ihn schon seit je. In seiner Jugend waren sie Symbol einer Welt, die für Arbeiterkinder unerreichbar schien. Der gelernte Schlosser und technische Zeichner lebt in Dietikon ZH.

Dann aber kam mein fünfter Geburtstag – und mit ihm der rot­gelbe Holzlaster von Wisa Gloria. Eine kippbare Ladefläche, das hölzerne Chassis. Ein Schriftzug verwies auf die Herkunft des Lasters: Wisa Gloria. Die Autos
und Schaukeln der Schweizer Spielzeugmarke waren in den 1950ern heiss begehrt. Für mich hatte das Auto einen besonderen Wert: Es war der erste Gegenstand, der mir ganz allein gehörte. Und er sollte lange Jahre auch der einzige bleiben.

Entsprechend hütete ich das Holzgefährt in den Kindertagen wie einen heiligen Gral. Weder Freunde noch Geschwister durften damit spielen, ich nahm es kein einziges Mal mit an die frische Luft. Ich wollte nicht riskieren, dass der Wagen schmutzig wurde. Manchmal stellte ich ihn auf den Fenstersims. Die anderen Kinder sollten meinen Schatz sehen – und ein ganz klein wenig neidisch darauf werden.

Als ich von zu Hause auszog, nahm ich den Laster mit. Ich bin kein Sammler, kann mich gut von Dingen trennen. Dem Spielzeug aber hielt ich die Treue – bis heute. Einmal hätte ich es beinahe an einen kleinen Italienerjungen verschenkt. Meine damalige Gattin riet mir davon ab, also behielt ich das gute Stück. Darüber bin ich sehr froh.

Lange stand das Auto im Estrich und im Keller. Meine Partnerin hat mich dazu angehalten, ihn in die Stube zu­rückzuholen. Sie stellte eine Lampe auf die Ladefläche. Heute nutze ich sie als Ablage für alte Zeitungen.

Wenn ich den Laster anschaue, erinnert er mich nun nicht mehr nur an meine Jugend, sondern auch ein wenig an die glücklichen Jahre, die ich mit Heidi verbringen durfte. Leider ist sie vor 18 Jahren ver­storben. Nicht alle Lieben währen ewig.»

Aufgezeichnet von Roland Grüter


«Es ist ein schönes Gefühl, wenn das Haus voller Erinnerungen ist»

«Unsere erste Begegnung verlief stürmisch! Den Teddybären, den mir meine Eltern 1940 zum fünften Geburtstag schenkten, schmiss ich einfach zu Boden. Ich lag damals mit Scharlach im Kinderspital Basel und war wütend, weil mich Mami und Papi nicht wie ver­sprochen am Abend nach der Einlieferung wieder nach Hause geholt hatten. Besuche waren nur hinter Glasscheiben erlaubt, und meine Mutter weinte jedes Mal – auch aus Angst, dass bei einem deutschen Angriff die Rheinbrücken gesprengt und wir getrennt würden. Ich war so enttäuscht und verletzt, dass ich meinen Eltern anfangs nur den Rücken zuwandte und sogar die Geburtstagsgeschenke verweigerte. Später tat es mir leid, dass ich so herzlos gewesen war.

Gertrud Dunkel (85) aus Binningen BL kam in ihrem Beruf als kaufmännische Angestellte weit herum und arbeitete etwa in Genf und in den USA. Heute wohnt die Mutter eines Sohnes wieder in ihrem Elternhaus, umgeben von Erinnerungsstücken. Ihr Teddybär begleitet sie nun schon seit achtzig Jahren.

Zwei Monate musste ich im Spital bleiben, weil ich mich zusätzlich mit Windpocken ansteckte. Wut und Heim­ weh legten sich zum Glück bald. «Bärli» wurde mein lieber Begleiter. Die ganze Kindheit schlief er bei mir im Bett, später bekam er seinen Platz auf einem kleinen Schemel in meinem Schlafzimmer.

Seit ich wieder in meinem Elternhaus wohne, bin ich umgeben von Dingen, an denen ich sehr hänge: der Näh­korb meiner Mutter, das Blumenbild meiner Tante Olgi, meine «Ditti» und viele Möbel, die noch aus der Familie stammen … Auch zu meinen Büchern habe ich eine enge Beziehung. Es ist ein schönes Gefühl, dass das ganze Haus vom Keller bis zum Dach voller Erinnerungen ist. Ich sollte zwar aufräumen, aber sobald ich etwas in die Hand nehme, tauche ich wieder in die Vergangenheit ein. Ich weiss noch so viel und staune selbst, was ich alles erlebt habe.

Dass mir frühere Zeiten wieder so gegenwärtig sind, liegt wohl am Älterwerden. Die Erinnerungen wärmen meine Seele, und ich bin dankbar, dass ich auf ein so gutes Leben zurückblicken darf. Mein Bärli freut sich sicher, dass er wieder einmal im Mittelpunkt stehen darf. Er hat sich in den letzten achtzig Jahren gut gehalten und schaut noch recht selbstbewusst drein. Nur brum­men kann er nicht mehr!»

Aufgezeichnet von Annegret Honegger


«Für jedes Kind liess er ein Buch binden»

«Hans Müller war ein strenger, aber gerechter Lehrer. In Kriens besuchte ich bei ihm die 3. und 4. Primarklasse. Am Ende jedes Schuljahres durften wir unsere Hefte in einzelne Seiten zerschneiden und für jedes Fach eine Titelseite gestalten. Aus dem Stückelwerk gestaltete unser Lehrer ein Geschenk: «Das goldene Buch», wie er es nannte. Herr Müller trug darin all unsere schön geordneten Schularbeiten aus einem Jahr zusammen. Die Kapitel: Aufsätze, Diktate, Rechnen, Sprache, Schreiben, Geschichte und Geografie. Für jedes der 35 Schulkinder liess er die Arbeiten zu einem schönen Buch binden. Eine schöne Geste, für die ich ihm sehr dankbar bin.

Guido Zwimpfer (71) besitzt seit 60 Jahren seine «goldenen Bücher». Darin sind Arbeiten aus der Schulzeit vereint. Der frühere Bankfachmann lebt mit seiner Frau Rita in Dübendorf ZH. Er hat seit 1977 als einer von noch drei Läufern an jedem Zürcher Silvesterlauf teilgenommen.

Ich habe es nie es übers Herz gebracht, die goldenen Bücher wegzuwerfen. Wenn ich heute darin blättere, schmunzle ich über meine Schreibfehler und erinnere mich detailliert an die Erleb­nisse, die ich darin beschreibe: den Sporttag, den Beginn des Herbstes oder auch den Besuch des Zirkus Knie. Im «7. Aufsatz vom 14. September 1960» hielt ich beispielsweise fest: «Vier Ele­fanten hatten eine riesige Grösse. Der fünfte aber war kleiner. Dafür war er der drolligste von allen.» Auch den Text «Mein schönstes Ferienerlebnis» über einen Ausflug zum Langglet­scher schätze ich sehr. Bis zum Ende meiner Schulzeit ver­brachte ich jeden Sommer drei Ferienwochen im Krienser Schullager in Kippel – im Walliser Lötschental. Heute staune ich, wie anspruchsvoll unsere Wanderungen waren.

Ich war ein mittelmässiger Schüler. Mein Vater, der an der­selben Schule als Lehrer unterrichtete, nahm meine Noten stets gelassen hin. Schreiben war mein Lieblingsfach. Ich dachte, es könnte eines Tages vorteilhaft sein, eine ordentliche Handschrift zu haben. Als ich die Bücher jedoch kürzlich in die Dübendorfer Schule mitnahm, in der ich mich seit neun Jahren im
Projekt «Generationen im Klassenzimmer» engagiere, interessierten sich die Kinder nicht so dafür. Was sie als Erstes sehen wollten, waren meine Noten.»

Aufgezeichnet von Fabian Rottmeier

«In Gegenständen bleibt das Leben sichtbar»

Gegenstände sind Brücken zu anderen Menschen und Zeiten.  Sie halten Erinnerungen und Gefühle wach. Kulturwissenschaftler Walter Leimgruber weiss um ihre Bedeutung und ihren emotionalen Wert.
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