© Elke Ehninger

«Die Menschen sachte heranführen»

Bernd Ibach, Chefarzt des Zentrums für Alterspsychiatrie und der Privatabteilung der Privatklinik Clienia Littenheid, erklärt, wie sich Angststörungen therapieren lassen.

Interview: Roland Grüter

Man geht davon aus, dass 30 Prozent aller Menschen, die beim Hausarzt in Behandlung stehen, unter Angststörungen leiden – aber nur die Hälfte davon erkannt wird. Woher rührt das?
Die Menschen empfinden ihre Ängste oft nicht als Krankheit. Denn Angst ist eigentlich eine gesunde Emotion. Wird sie dann zur Krankheit, ist das den Menschen erst unklar oder sie schämen sich. Folglich verlangen sie selten nach Hilfe. Für Aussenstehende lassen sich Angstzustände oft entsprechend schwer erkennen. Ausserdem werden die körperlichen Symptome der Angst gerne körperlichen Erkrankungen zugeordnet.

Welche Signale verweisen darauf?
Oft sind es Einzelsituationen, in denen sich die Angst deutlich zeigt. Wenn etwa jemand im Flugzeug sitzt und vor Angst zu schwitzen oder zu zittern beginnt, wenn er Herzrasen bekommt.

15 Prozent der Bevölkerung leiden unter Angststörungen – bei Menschen über 65 Jahren wird der Anteil auf 11 Prozent geschätzt. Weshalb sind ältere Menschen weniger betroffen?
Genau lässt sich diese Frage nicht beantworten. Menschen mit langer Lebenserfahrung sehen verstärkt positive Aspekte des Lebens. Das betrifft Gefühle und Wahrnehmungen. Diesen Erfahrungsschatz können sie Ängsten idealerweise erfolgreich entgegensetzen.

Die Genetik und körperliche Krankheiten können ebenfalls Angstzustände bewirken. Was weiss man darüber?
Psychische Erkrankungen, wie Angststörungen, können in Familien gehäuft vorkommen. Oft sind diese mit einer Depression oder einer Abhängigkeitserkrankung kombiniert. Die Wirkkraft der Genetik ist dabei unbestritten. Doch wie genau diese agiert, ist noch unklar. Und: Angsterkrankungen gehen manchmal tatsächlich auf körperliche Krankheiten zurück, etwa auf Schilddrüsenerkrankungen oder auf hormonell aktive Tumoren. Daher ist es in unseren Abklärungen wichtig, nichts zu übersehen.

Was bieten Sie Betroffenen in der Behandlung an?
Die wichtigsten Standbeine sind Psychotherapie und medikamentöse Therapie. Sie werden intensiv mit der betroffenen Person abgesprochen und auf das Krankheitsbild zugeschnitten. Ergänzend setzen wir auf körperbezogene Übungen, Biofeedback und das Stationsmilieu.

Sie wollen die Menschen dazu ermuntern, sich mit ihren Ängsten auseinanderzusetzen, statt diese zu verdrängen?
Richtig. Falls erforderlich, führen wir Betroffene sachte an mögliche Auslöser ihrer Ängste heran. Das kann durch die Auseinandersetzung mit einer aktuellen Krise oder einem vorbelasteten Thema erfolgen. Hierbei kann ein Lebensrückblick auf wichtige und prägende Ereignisse hilfreich sein. Bei Phobien werden angstauslösende Situationen zunächst in Gedanken durchgespielt, später in der Realität geübt. Der Einsatz einer Virtual-Reality-Brille mit passenden Filmsequenzen kann dabei helfen, Ängste zu überwinden. Wir besteigen bei Bedarf Türme mit den Patientinnen oder begleiten sie beim Busfahren – je nachdem, woher die Ängste rühren. Dadurch lernen sie diese Situationen zu ertragen, ohne dass die alten Ängste erneut auftreten. Wegzaubern lässt sich die Angst nicht. 

Setzen Sie vollends auf kognitive Verhaltenstherapien?
Nein, das wäre zu eng gedacht. Wir kombinieren die vielfältigen Möglichkeiten moderner Psychotherapie. Kognitive Verhaltenstherapie hilft sehr gut, festgefahrene Denkmuster zu verändern. Ein Lebensrückblick ist besser zur Bilanzierung geeignet. Psychodynamische Psychotherapie unterstützt eher dabei, Konflikte in Beziehungen aufzudecken und zu verstehen. Systemische Verfahren gehen davon aus, dass die Lösung für Probleme grundsätzlich im Patienten selbst zu finden ist. Die Therapie erfolgt im Einzelgespräch und in Gruppen.

Wie lange dauert dieser Prozess?
Das ist sehr unterschiedlich. Ambulant können 15 bis 20 Psychotherapiestunden oft schon eine deutliche Verbesserung bringen. Stationäre Behandlungen erfordern bei schwerer ausgeprägten Krankheitsbildern mehrere Wochen, bis eine ausreichende Stabilisierung erzielt werden kann.

Was zeichnet Ihre Therapie sonst aus?
In den vergangenen Jahren haben wir unsere Therapien enorm verfeinert – und stärker individualisiert. Patientinnen und Patienten bestimmen aktiv mit, welchen Weg sie einschlagen wollen. Manche lehnen die Therapie mit Medikamenten anfangs konsequent ab – und kommen später doch darauf zurück. Wir sind überzeugt: Nur Prozesse, die von den Menschen aktiv mitgestaltet werden, führen zum Erfolg.


Die Clienia AG ist die grösste psychiatrische Privatklinikgruppe der Schweiz mit 20 ambulanten und stationären Standorten und Praxen. Mehr Informationen dazu finden Sie unter: clienia.ch

Beitrag vom 11.10.2022
Bernd Ibach

Chefarzt des Zentrums für Alterspsychiatrie und
der Privatabteilung der Privatklinik Clienia Littenheid.

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