
Tattoos: Sinn auf unserer Haut
Tattoos sind in – auch bei älteren Menschen. Sie wollen sich damit aber weder abgrenzen noch dazugehören. Im Vordergrund stehen vielmehr individuelle Erinnerungen und Sinnhaftigkeit.
Text: Adrian Ritter, Fotos: Mirjam Kluka
An ihrem 63. Geburtstag liess sich Susanne Bolliger zum ersten Mal ein Tattoo stechen. Auf die Idee gebracht hatten sie ihre beiden tätowierten Töchter. Bolliger hatte schon in ihrer Jugend über ein Tattoo nachgedacht, die Idee aber wieder verworfen. «Brave Mädchen machen so etwas nicht, war damals die Vorstellung in den Köpfen», sagt sie rückblickend.

Als sie aber mit 62 Jahren ein Burnout hatte, veränderte sie einiges in ihrem Leben – dazu gehörte, ihre eigenen Wünsche ernster zu nehmen. So kam es, dass sie sich zum nächsten Geburtstag die Namen ihrer drei Kinder als ineinander verschachtelte Buchstaben auf den Unterarm tätowieren liess. Ein Jahr später, im November 2025, folgte der Name ihres neugeborenen Enkels. «Für mich müssen Tattoos eine konkrete Bedeutung haben. Ich möchte damit meine Verbundenheit mit nahestehenden Menschen zum Ausdruck bringen», sagt sie. Die Reaktionen in ihrem Umfeld seien nur positiv, ihr Alter dabei nie ein Thema. Für die Zukunft kann sie sich noch mehr Tattoos vorstellen: «Wenn es noch mehr Enkelkinder gibt», sagt sie lachend.
Wie viele Menschen in der Schweiz Tattoos tragen, dazu gibt es nur Schätzungen. Von rund 20 Prozent der Bevölkerung ist die Rede. Das älteste bekannte europäische Tattoo dürfte die Gletschermumie Ötzi getragen haben, vor etwa 5000 Jahren. Popularität gewannen Tätowierungen vor allem im 18. Jahrhundert, als Seefahrer den Körperschmuck auf ihren Reisen kennenlernten und nach Europa brachten. In der Folge waren Tattoos zunächst bei Seeleuten und im Militär verbreitet.
Aber auch bei Adligen und bis in Königshäuser hinein wurde die exotische Mode aufgenommen, so soll etwa Kaiserin Elisabeth – «Sissi» – tätowiert gewesen sein. «Der heutige Tattoo-Boom soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass schon in früheren Jahrhunderten gar nicht so wenige Menschen tätowiert waren», sagt Ole Wittmann, Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Tattoos: «Allerdings trugen sie diese oft an Körperstellen wie Rücken und Oberarm, die damals unter Kleidung verdeckt waren.»
Stechen im Alter liegt im Trend
Heute tragen viele Menschen ihre Tattoos gut sichtbar, und sie boomen insbesondere bei jüngeren Menschen. Aber auch Menschen im höheren Alter lassen sich zunehmend stechen. Bei Milan Stanojevic, Tätowierer in Schaffhausen, sind etwa zehn Prozent der Kundinnen und Kunden im Alter 55 plus. Seit er vor 16 Jahren zu tätowieren begann, sei dieser Anteil laufend gestiegen. «Die meisten älteren Personen lassen sich zum ersten Mal ein Tattoo stechen. Nicht wenige hätten sich zwar schon früher ein Tattoo gewünscht, haben aber erst jetzt den Mut dazu gefasst, sagt Stanojevic: «Wenn sie den Schritt aber mal gewagt haben, bleibt es oft nicht bei einem einzigen Tattoo.»

Während sich jüngere Personen oft spontan auf Social Media inspirieren liessen, überlegten sich ältere Personen sehr gut, warum sie ein Tattoo möchten und was es darstellen soll, so die Erfahrung von Stanojevic. Meist seien es wie bei Susanne Bolliger Erinnerungen und Motive mit einer tieferen Bedeutung – etwa ein Name, ein spezielles Datum oder ein Sinnbild, wie eine weisse Blüte für eine überstandene Krankheit. Der älteste Kunde von Milan Stanojevic hat sich mit 90 Jahren sein erstes Tattoo stechen lassen. Seine Frau war verstorben und er wollte ihre Lieblingsblume auf seinem Arm verewigen.
Das Tattoo als bewusste Entscheidung im Alter, das trifft auch auf Jürg Bollinger zu, der sich demnächst bei Milan Stanojevic tätowieren lassen wird. «Irgendwann in den letzten Jahren geriet es auf die To-do-Liste in meinem Kopf: ein Tattoo machen lassen», sagt Bollinger. Seit seiner Jugend ein Musikfan, ist der 73-Jährige noch heute Sänger in einer Rock- und Countryrockband und steht gelegentlich auf der Bühne. Seine Verbundenheit mit der Musik will er jetzt auch körperlich ausdrücken. «Ich will mir ein Mikrofon im Stil der 1950er-Jahre auf den Oberarm tätowieren lassen. Mir gefällt die Ästhetik», sagt er.
Tattoos zwischen Kunst und Handwerk

Angst, dass er den Entscheid irgendwann bereuen könnte, hat Bollinger nicht: «Die Idee ist ja nicht als Schnellschuss über Nacht entstanden – und das Motiv ausserdem zeitlos.» Obwohl er schon in seiner Jugend bei Rockkonzerten oft Tattoos bei den Musikern auf der Bühne sah, war eine Tätowierung für ihn damals kein Thema. «Ich hatte schlicht nicht das Bedürfnis», sagt er.
Gleichzeitig wurde man mit einem Tattoo vor 30 Jahren noch eher schräg angeschaut. Die Zeiten haben sich geändert. «Früher wollte man ein Tattoo, um sich abzugrenzen. Heute wollen es jüngere Menschen manchmal vor allem, um dazuzugehören», sagt Tätowierer Stanojevic. Wenn auch zunehmend ältere Menschen sich stechen lassen, ist er bei bestimmten Aspekten besonders gefordert. Die Haut ist im Alter weniger straff, entsprechend eignen sich gewisse Sujets und Körperstellen weniger gut für ein Tattoo.
Darauf verzichten muss man deshalb nicht. «Unterarm und Rücken bieten sich bis ins hohe Alter an. Ausserdem kann man ein etwas weniger detailliertes Motiv wählen. Denn je weniger elastisch die Haut im Alter ist, desto eher wird ein Tattoo unscharf», sagt Stanojevic. Er zählt sich zu den «Handwerkern» unter den Tätowierern. Je mehr sich jemand als «Künstler» verstehe, desto eher wolle er sich in seinen gestochenen Bildern selbst verwirklichen und werde vielleicht weniger Lust haben, eine ältere Person mit nicht mehr ganz so perfekter Haut zu tätowieren.
Das Phänomen «Tattoo-Reue»
Was es bei Tattoos im höheren Alter zudem zu berücksichtigen gibt, sind gesundheitliche Aspekte. So kann die Einnahme eines Blutverdünners in gewissen Fällen gegen eine Tätowierung sprechen. Und da das Immunsystem im Alter weniger effektiv arbeitet, ist das Infektionsrisiko erhöht und die Wundheilung dauert länger. «Aber in der Regel hat sich eine ältere Person vorgängig gut informiert und hat einen bewussten Entscheid getroffen», sagt Stanojevic. Ohnehin muss, wer sich tätowieren lässt, damit leben, dass noch nicht alle gesundheitliche Risiken rund um Tattoos geklärt sind.
Trotz der bewussten Entscheidung erleben manche später die sogenannte «Tattoo-Reue» und versuchen, sich ihre Tätowierungen per Laser entfernen zu lassen. Andere finden einfach das tätowierte Motiv nicht mehr passend und lassen es mit einem «Cover-up» überstechen. So auch Anita Künzli (58). Sie hatte sich mit 22 Jahren ihr erstes Tattoo stechen lassen, einen Kolibri auf dem Oberarm: «Ich wollte eine schwierige Lebensphase hinter mir lassen. Der Vogel war für mich ein Sinnbild für Freiheit und Lebensfreude.» Gleichzeitig war ein Tattoo für Künzli in den 1980er-Jahren auch ein Akt der Rebellion – als junge Frau im Kanton Uri und in der Rockerszene unterwegs: «Es brauchte Mut, denn Tattoos waren damals gesellschaftlich verpönt. Ich überlegte mir damals gut, wo ich ein kurzärmliges Shirt trage.»
Lebenslange Verbindungen

30 Jahre später und die wilden Jahre längst hinter sich, passte der Kolibri nicht mehr zu ihrer Lebenssituation. Ausserdem: «Auch wenn ich inzwischen geheiratet und eine Familie gegründet habe: Freiheit und Lebensfreude habe ich verinnerlicht, das muss ich nicht mehr auf der Haut zeigen.» So wählte sie als Cover-up venezianische Masken. «Es gefällt mir als ästhetisches Motiv. Und ich mag die Idee, dass sich das Wesen eines Menschen hinter einer Maske freier zeigen kann, unabhängig vom Aussehen und der sozialen Stellung», sagt Künzli. Mit ihrem neuen Tattoo zeigt sich die Leiterin einer Personalabteilung auch am Arbeitsplatz ärmelfrei – und erhält nur positive Rückmeldungen.
Das Beispiel von Anita Künzli zeigt: Tattoos sind heute nicht nur häufiger, auch die Motivation für eine Tätowierung hat sich geändert. Ästhetik und Sinnbildliches sind wichtiger als Rebellion oder ein gesellschaftliches Statement. Trotzdem: Ein Tattoo ist grundsätzlich eine Entscheidung für den Rest des Lebens und will gut überlegt sein. Das sieht auch Tätowierer Milan Stanojevic so: «Ich will gute Arbeit machen, denn ein Tattoo verbindet mich über Jahrzehnte hinaus mit der Person, die ich tätowiere. Wir sollen beide Freude daran haben und stolz darauf sein können.»
Tattoo-Boom
- Heute gibt es in der Schweiz rund 1000 offiziell gemeldete Tattoo-Studios. In den 1980er-Jahren waren es erst etwa 15.
- Seit 2017 gilt für Tattoo-Studios eine Meldepflicht. Die Kantone führen Kontrollen durch und überprüfen die Hygiene und die verwendeten Farben – allerdings nicht flächendeckend. Branchenkenner gehen von vielen nicht gemeldeten Tätowierern aus.
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