Kaum eine Frage begegnet mir häufiger als diese: «Frau Studer, bin ich mit 65 nicht zu alt, um Neues zu lernen?» Nein. Lernen geht immer, aber in späteren Jahren anders.
Das Gehirn verändert sich mit dem Alter, das will ich nicht beschönigen: Die Verarbeitungsgeschwindigkeit nimmt ab, neuronale Signale brauchen länger, und das Abrufen von Informationen wie Namen oder Ereignissen kostet mehr Energie. Und das Arbeitsgedächtnis, jener Teil des Gehirns, der Informationen kurzfristig hält und manipuliert, wird weniger kapazitätsstark.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Das alternde Gehirn gewinnt auch an semantischer Tiefe. Es verknüpft neues Wissen intelligenter mit Erfahrungswissen, was zu nachhaltigerem Verstehen und reiferen Urteilen führt. Gleichzeitig belegt die Forschung, dass ältere Erwachsene Ablenkungen besser filtern und Wesentliches präziser erfassen.
Die Forschung macht Mut
Unser Gehirn bleibt somit veränderbar und trainierbar. Eine der eindrücklichsten Studien der letzten Jahre stammt von der Universität Leipzig: Ältere Erwachsene, die über mehrere Monate täglich Jonglieren lernten, wiesen messbare Veränderungen in der Hirnstruktur auf, speziell in Bereichen, die für motorisches Lernen und visuelle Verarbeitung zuständig sind. Eine Langzeitstudie der Universität Edinburgh wiederum zeigte, dass Menschen, die im Erwachsenenalter eine zweite Sprache lernten, durchschnittlich vier bis fünf Jahre später Demenzsymptome entwickelten als einsprachige Gleichaltrige. Je mehr ein Mensch im Laufe seines Lebens gelernt, erlebt und gedacht hat, desto mehr neuronale Verbindungen stehen also zur Verfügung und desto widerstandsfähiger ist das Gehirn gegen Abbau.
Schlau lernen
Beim Lernen schlägt Regelmässigkeit die Intensität. Lieber täglich 20 Minuten als einmal wöchentlich zwei Stunden. Direkt nach dem Lernen lohnt es sich, Unterlagen wegzulegen und das Gelernte aus dem Gedächtnis zu wiederholen. Oder jemandem zu erklären. Dieser aktive Abruf ist eine der wirkungsvollsten Methoden, die die Forschung kennt. Noch tiefer verankert sich Wissen, wenn man es mit vorgestellten Bildern, Routen oder Orten verknüpft. Zudem konnten Forschende zeigen, dass ältere Menschen, die in Gruppen lernen, messbar stärkere kognitive Verbesserungen erzielen als jene, die allein lernen. Der soziale Kontext aktiviert zusätzliche Hirnregionen und verstärkt die Gedächtniskonsolidierung. Und schliesslich: Schlafen Sie gut, denn im Tiefschlaf überträgt das Gehirn das Gelernte vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis.
Was lernen Sie gerade?
Ich lade Sie ein, drei Fragen ehrlich zu beantworten:
- Was lerne ich gerade und tue ich es regelmässig oder nur manchmal intensiv?
- Was möchte ich noch lernen – welches Wissen, welche Fähigkeit, welche Sprache, welches Instrument, welche Idee wartet schon länger darauf, dass ich mich ihr zuwende?
- Wie integriere ich das Lernen konkret in meinen Alltag – wann, wie oft, mit wem und mit welcher Strategie? Denn: Lernen lohnt sich immer!
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