© Nadia Neuhaus

«Es darf keine starren Altersgrenzen mehr geben»

Corona hat die Schweiz erneut fest im Griff. Das ist auch eine Herausforderung für Pro Senectute, die sich schweizweit um ältere Menschen kümmert. Eveline Widmer-Schlumpf, Stiftungsratspräsidentin Pro Senectute Schweiz, nimmt Stellung zur aktuellen Situation.

Text: Marianne Noser

Die Schweiz verzeichnet mehr Covid-19-Infektionen als im Frühling, auch die damit einhergehenden Spitaleinweisungen und Todesfälle steigen besorgniserregend. Das macht vielen Angst. Zu Recht?
Ja, denn wir wissen heute, dass die Krankheit einen sehr schwerwiegenden Verlauf nehmen kann. Insbesondere bei Seniorinnen und Senioren mit Vorerkrankungen und bei hochaltrigen Personen über 80 Jahren kann eine Ansteckung mit dem Coronavirus gravierende Folgen haben. Weil nun auch noch die saisonale Grippewelle erwartet wird, sind ältere Menschen doppelt gefordert, auf sich Acht zu geben.

Im Falle einer schweren Covid-19-Infektion wollen sich nicht alle Betroffenen im Spital behandeln und sich an eine Lungenmaschine anschliessen lassen. Wie können sie sicherstellen, dass ihr Wille respektiert wird?
Es muss alles Platz haben: der Schutz der alten Menschen, ein würdiges Leben bis zum Schluss und ein Sterben zur rechten Zeit. Wichtig ist, dass eine Patientenverfügung ausgefüllt wird, die deklariert, was im Falle einer fatalen Infektion gewünscht wird und was nicht. Liegt bereits eine Patientenverfügung vor und kommt man zum Schluss, dass die grundsätzliche Haltung gegenüber lebensverlängernden Massnahmen im Falle einer Erkrankung an Covid-19 abweicht, kann man seinen Willen auf einem zusätzlichen Blatt frei formulieren und dieses der Patientenverfügung beilegen 

Was muss darin festgelegt werden?
Man kann darin beispielsweise festhalten, dass eine künstliche Beatmung abgelehnt und eine umfassende palliative Betreuung gewünscht wird. Die Bemerkungen auf dem Zusatzblatt müssen datiert  und unterschrieben werden. Wichtig ist, dass das persönliche Umfeld und der Hausarzt über das Zusatzblatt informiert sind. Die Pro-Senectute-Organisationen bieten zu diesem Fragenkreis umfassende Beratungsgespräche an.

Im Frühling galt in Altersheimen zeitweilig ein absolutes Besuchsverbot. Eine sehr umstrittene Massnahme.
Ein komplettes Besuchsverbot kann zur totalen Vereinsamung der Bewohnerinnen und Bewohner führen. Deshalb darf es in Heimen – ausser in akuten Ausnahmefällen – keine pauschalenBesuchsverbote mehr geben. Alle Beteiligten müssen sich fragen, wie sie in dieser zweiten Welle die richtige Balance finden zwischen Schutz und Freiheit. Pro Senectute lehnt alle Bestrebungen ab, die darauf abzielen, vulnerable Menschen durch Isolation zu schützen. Eine solche Massnahme reisst einen Graben in unsere Gesellschaft. Personengruppen werden so zu Unrecht stigmatisiert und vom Zusammensein mit den Angehörigen und dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.

Viele Personen über 65 befürchten, dass sie bei einem erneuten Lockdown wieder der Risikogruppe zugerechnet werden und für sie ein erneutes Ausgehverbot in Kraft treten wird. Besteht diese Gefahr?
Es ist zwar medizinisch erwiesen, dass das Immunsystem über 50 immer weniger leistungsfähig ist und im höheren Alter mehr Vorerkrankungen auftreten. Das heisst aber nicht, dass man mit 65 Jahren plötzlich zur Risikogruppe gehört und sich nicht mehr in der Gesellschaft bewegen darf. Das BAG hat seine Empfehlungen an besonders gefährdete Personen nach eingehender Diskussion mit Pro Senectute und anderen Fachleuten korrigiert. Es ist ein wichtiges Signal, dass nicht mehr mit einer starrenAltersgrenze eine grosse und wichtige Bevölkerungsgruppe pauschal zum Rückzug ins Private gezwungen wird. 

Die Pro-Senectute-Organisationen sind wieder stark gefordert. Was hat derzeit Priorität?
In den ereignisreichen Pandemie-Wochen im Frühling galt es, schnell und unkompliziert zu helfen. Die Pro-Senectute-Organisationen leisteten einen grossen Effort, um Seniorinnen und Senioren, die besonders vor dem Coronavirus geschützt werden mussten, den schwierigen Alltag zu erleichtern und die Versorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen. Jetzt geht es darum, die verschiedenen Dienstleistungen aufrechtzuerhalten und allen, die entsprechenden Bedarf haben, zukommen zu lassen.

Inbesondere für alleinstehende und kranke alte Menschen sind fehlende oder reduzierte soziale Kontakte psychisch sehr belastend. Wie kann Pro Senectute sie unterstützen?
Die Pro-Senectute-Organisationen unternehmen viel, um die Einsamkeit der älteren Menschen mit Besuchen und anderen Massnahmen zu lindern. So wurde unter anderem das Konzept der Telefonketten reaktiviert. Als sehr wertvoll hat sich in den letzten Monaten auch die Sozialberatung der schweizweit 130 Pro-Senectute-Beratungsstellen erwiesen.

Was kann die Gesellschaft für Menschen tun, die wieder vermehrt daheim sind?
Der Rückzug ins Private geht mit einem Verlust an sozialen Kontakten einher. Hier sind wir alle gefordert, an diese Menschen zu denken, bei ihnen anzurufen, nachzufragen, wie es geht oder ob man einen Einkauf oder einen Gang zur Post für sie erledigen darf. Wir sehen, dass sich vielePrivatpersonen Gedanken machen, wie sie den Kontakt in der Familie und über alle Generationen hinweg aufrechterhalten können. So richteten Familien während des Lockdowns beispielsweise fixe tägliche Telefon- oder Skype-Zeiten für Enkel und Grosseltern ein.

Viele Pro-Senectute-Dienstleistungen und -Kurse müssen erneut auf Eis gelegt oder abgesagt werden.
Das betrifft – und das ist wichtig – nur einen Teil davon. Es gibt Pro-Senectute-Organisationen, die anders als im Frühling nach wie vor Dienstleistungen und Kurse unter strikter Einhaltung der stets aktuellen Schutzkonzepte anbieten und durchführen. Unsere Fachpersonen für Sport und Bewegung werden die Fernsehsendungen für Sport zu Hause wieder intensivieren, und auch die Mahlzeitendienste sind in allen Regionen aktiv. Pro Senectute ist zudem weiterhin über die Infoline 058 591 15 15 erreichbar.

Während des Lockdowns durften Grosseltern ihre Enkelkinder nicht hüten. Viele fragen sich, ob sie jetzt wieder darauf verzichten müssen.
Wir haben während der ersten Ansteckungswelle deutlich gespürt, wie wichtig die Hütedienste der Grosseltern sind und welchen Beitrag sie leisten, damit ihre eigenen Kinder berufstätig sein können. Seniorinnen und Senioren mit einer Vorerkrankung sowie Personen hohen Alters empfiehlt es sich, von der Betreuung der Enkel- oder Urenkelkinder abzusehen. Für alle anderen besteht kein erhöhtes Risiko, wenn sie die aktuellen Verhaltensempfehlungen befolgen.

Sie sind selber begeisterte Grossmutter. Wie gehen Sie mit der Situation um?
Nach wie vor hüte ich – wenn immer möglich – meine Enkelkinder. Als Grosseltern muss man selber wissen, ob man Risikofaktoren hat, und sich entsprechend verhalten. Wenn meine Enkel und ich fit und gesund sind, spricht nichts dagegen, dass ich sie hüte. Wenn ich erkältet bin oder sie krank sind, dann verzichten wir darauf, bis sich das Ganze wieder gelegt hat.

Apropos Enkelkinder: Wie wichtig ist derzeit die Solidarität unter den Generationen?
Die Erfahrungen aus dem Frühjahr machen deutlich, dass die Solidarität in der Schweiz gross ist, wenn wir in einer Notsituation sind. Das zeigt sich auch darin, dass wir als Gemeinschaft – Jung und Alt, gesunde und besonders gefährdete Menschen – in den letzten schwierigen Monaten grundsätzlich sehr gut funktioniert haben. Jetzt müssen wir beweisen, dass dieser Zusammenhalt über eine längere Zeit spielt. Ich bin zuversichtlich, dass uns dies gelingen wird.

Weihnachten werden wir dieses Jahr wohl nicht im grossen Familienkreis verbringen. Wie können wir verhindern, dass ältere Menschen über die Festtage vereinsamen?
Es ist wichtig, in dieser Zeit den Kontakt mit ihnen regelmässig zu pflegen – viele Seniorinnen und Senioren können inzwischen gut mit Videotelefonie und neuen Multimedia-Applikationen umgehen. Sehr wichtig ist auch die Nachbarschaftshilfe. In der Familie muss überlegt werden, wie der Schutz der besonders gefährdeten Familienmitglieder sichergestellt werden kann. Selbstverantwortung ist wieder zentral. Darum: Nicht bereits heute alles absagen, sondern die Entwicklung der Pandemie genau verfolgen und aufgrund der aktuellen Situation im persönlichen Umfeld gemeinsam planen.

Die Pandemie verlangt uns allen einiges ab; viele sind Corona-müde. Welches sind Ihre Kraftquellen in dieser schwierigen Zeit?
Wenn ich angespannt bin oder das Gefühl habe, dass mir die Decke auf den Kopf fällt, dann gehe ich ins Freie, laufe durch den Wald oder wandere in die Höhe. Bewegung bringt mich auf andere Gedanken und tut Körper, Herz und Seele gut.

Docupass bestellen

Der Docupass mit Patientenverfügung und Vorsorgeauftrag kann für CHF 19.– bei Pro Senectute erwor

ben werden unter www.prosenectute.ch/de/dienstleistungen/beratung/docupass.html
oder per Telefon 044 283 89 89.

Tipps, wie der derzeit eingeschränkte Alltag abwechslungsreicher wird, gibts unter www.prosenectute.ch/de/ratgeber/gesundheit/soziale-distanz.html.