«Kann ich nicht, gibt es nicht»

Früh an Kinderlähmung erkrankt, liess sich Paul Bürgi aus Alchenflüh BE nie bremsen. Was die Beine nicht schafften, kompensierte er mit dem Kopf.

Sieben «Giele» waren wir da­heim. Unsere Eltern pachte­ten eine kleine Käserei in Ufhusen LU und arbeiteten hart, damit aus uns Buben etwas Rechtes wurde. Ihre Fürsorge half mir sehr, als ich mit anderthalb Jahren an Kinderlähmung erkrankte.

Mit meinem gelähmten Bein konnte ich den langen Schulweg nicht wie meine Brüder bewältigen. Deshalb schickten mich die Eltern mit fünf Jahren zu Onkel und Tante nach Oberwil bei Büren im Kanton Bern. Dort lag das Schulhaus in der Nähe. Erst viel später, als mein Enkel gleich alt war wie ich damals, begriff ich, was eine sol­che Entwurzelung für ein Kind bedeu­ten kann.

Das Foto vom ersten Schultag 1949 zeigt mich mit meinem Freund Robert (rechts) und dessen Mutter. Meine Pflegeeltern begleiteten mich nicht, «schüelerle» interessierte sie wenig. Für sie zählte – fast wie zu Gotthelfs Zeiten –, ob jemand körperlich hart arbeiten konnte. Stolz auf mich waren sie erst, als ich später mein Studium als Elektroingenieur abschloss.

Das waren noch Zeiten: Paul Bürgi mit Bruder und Mutter.
© zVg

Zum Glück hatte ich geschickte Hände, starke Arme und eine schnelle Auffassungsgabe. So konnte ich mich wehren, wenn andere mich hänselten. Beim Klettern gehörte ich zu den Waghalsigsten und war ein guter Velofahrer, obwohl ich nur mit meinem gesunden Bein «trampen» konnte.

«Das kann ich nicht», gab es für mich nie. Trotz meiner Behinderung studierte ich, bildete mich stets weiter, hatte gute Arbeitsstellen und kam weit in der Welt herum. Erst im Alter musste ich wegen der Spätfolgen meiner Krank­heit lernen, Hilfe anzunehmen.

Heute habe ich die meisten Ämter abgegeben und geniesse das Zusam­mensein mit meiner Frau und den Familien unserer Töchter. Mit Robert vom Foto von anno dazumal bin ich im­mer noch gut befreundet.

Aufgezeichnet von Annegret Honegger

Beitrag vom 17.11.2020