Heuet in Stallikon 1910

Fast ihr ganzes Leben verbrachte Ruth Dubs in Stallikon ZH. Ihre Alben mit Fotos und Postkarten zeigen die Geschichte ihrer Vorfahren und ihres Wohnortes.

Heuen ist manchmal ein Wettlauf gegen das Wetter. Bei uns im Reppischtal wussten wir nie, wann uns ein Regenguss oder ein Gewitter überrascht. Unsere einzige Wettervorhersage war mein Grossvater, der jeweils auf einen der umliegenden Hügel stieg, um nach Wolken Ausschau zu halten und uns vorzuwarnen.

Heuen in Stallikon um 1910: Ein Wagen voll Heu mit Ochsengespann, daneben Frauen und Kinder mit Rechen.
© zVg

Das Foto zeigt meine Grosseltern Amalie und Emil Baur-Stutz – in der Mitte – und links meine Urgrossmutter mit Verwandten aus dem Bernbiet beim Heuen vor über hundert Jahren. Die Grosseltern betrieben einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb mit fünf Kühen und waren in vierter Generation Posthalter im Dorf. Mein Grossvater fuhr ab 1930 das erste Postauto auf der Linie von Stallikon nach Zürich-Triemli. Vier Kurse gab es pro Tag, eine einfache Fahrt mit dem schwarzen Buick mit acht Plätzen für die Passagiere kostete damals 60 Rappen.

Briefe und Pakete stellten meine Grosseltern zweimal täglich zu Fuss in alle Weiler und Höfe in der Umgebung zu, sommers wie winters die steilen Hänge hinauf bis zum Albiskamm. Mich beeindruckt, wie viel die Menschen damals chrampften. Aber niemand beklagte sich, schliesslich hatte man keine Wahl: Man arbeitete, um zu überleben.

Wegen der vielen Arbeit stellten die Grosseltern einen jungen Briefträger an. Dieser verliebte sich prompt in ihre Tochter und wurde mein Vater. Der Grossvater brachte ihm das Postautofahren bei, als Prüfung genügte eine Fahrt mit dem Experten nach Bern.

Ich kam 1947 als Einzelkind genau am zehnten Hochzeitstag meiner Eltern zur Welt, in der Wohnung über den Garagen mit den Postautos. Bis heute fahre ich stolz mit der Autonummer des ersten Postautos meines Grossvaters von anno dazumal herum: ZH 4094.

Aufgezeichnet von Annegret Honegger.


Beitrag vom 12.09.2022

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