Ein Eisbär in Flums

Der Eisbär machte Sonya Rütimann-Benz aus Wittenbach SG anno 1958
ganz schön Angst. Der Fotograf brachte sie trotzdem zum Lächeln.

Auf dem Bild vom Jahr­markt im Herbst 1958 in Flums war ich vier­jährig. Meine Mutter liess uns zusammen mit dem kostümierten Eisbären foto­grafieren. Ich soll mich gefürchtet und geweint haben. Lächeln konnte ich erst in sicherer Distanz auf ihrem Arm.

historisches Foto: Ein lebensgrosser Eisbär auf dem Jahrmarkt in Flums, 1958.
© zVg

Meine Familie wohnte damals einige Jahre in Flums – im Sommer im Dorf, im Winter im «Skihaus Sunneschy», das meine Eltern leiteten. Im grossen Haus gab es für die Skilager viel zu kochen und zu putzen. Auch meine Schwester und ich mussten mit anpacken, schleppten etwa Holz für den Herd. Skifahren lernte ich mit Röckli und dicken Wollstrumpf­hosen, denn Skihosen besassen wir Mäd­chen noch nicht.

Ich erinnere mich gern an meine strenge, aber schöne Kindheit. Meine El­tern waren beide lustig und erzählten gern Geschichten. Wir spielten auch alle ein Instrument und musizierten zusammen. Mit unseren «Schnuufkoffere», wie wir die Handorgeln nannten, machten wir auf Ausflügen oft im Restaurant Musik.

Wir lebten bescheiden, wie viele da­mals. Sich etwas zum Geburtstag oder zu Weihnachten zu wünschen, lag oft nicht drin. Ich weiss noch, dass ich  manchmal ein paar Knäuel Garn ge­schenkt bekam, weil die Mutter neue Topflappen brauchte. Eine Schoggi dazu und ich war zufrieden!

Heute kommt mir zugute, dass ich mit wenig auszukommen lernte. Trotz schwerer Krankheit und körperlichen Einschränkungen bin ich zufrieden und hadere nur selten mit dem Schicksal. Meine Reise mit dem Schiff von Basel nach Amsterdam, um die Tulpenfelder im Frühjahr zu erleben, musste ich lei­der verschieben. Im Moment bin ich vorsichtig, blättere im Reiseprospekt und geniesse die Vorfreude.  

Aufgezeichnet von Annegret Honegger

Beitrag vom 13.10.2020