Mit «Ziemlich beste Verbrecher» schreibt der erfolgreiche Schweizer Autor Sunil Mann erstmals einen Krimi mit Verbrechern und Ermittlern über dem Pensionsalter. Er setzt dabei auf keine alternden James Bonds, sondern «echte Alte».
Text: Monica Müller, Fotos: Mirjam Kluka
Zuerst waren die beiden Figuren da in seinem Kopf: Alois Mistelzweig und Berta Bartók. Beide über 70, beide in Geldnot, beide mit brüchiger Biografie und krimineller Energie. Bei einer Limonade in einem Zürcher Café erzählt Sunil Mann, dass am Anfang seiner Buchideen immer die Protagonisten stünden. Ausgehend von ihnen entwickle sich dann ein Plot. Oder besser gesagt: Er entwickelt den Plot. Denn: «In meinen Büchern bin ich der Chef!» Sagts und lächelt.
Dass sich Sunil Mann im Krimi «Ziemlich beste Verbrecher» erstmals älteren Charakteren annimmt, hat auch mit ihm persönlich zu tun. «Ich werde älter, das beschäftigt mich», sagt der 53-Jährige. Indem er sich professionell mit dem Prozess auseinandersetze, «könne er ihm vielleicht etwas den Zahn ziehen». Für einmal sei die Recherche easy gewesen, da er mit Freunden ohnehin viel übers Älterwerden spreche und sich dabei ja einfach zuschauen könne. Für Protagonisten über 70 entschied sich Sunil Mann auch, weil es kaum Ermittler und Verbrecher jenseits des Pensionsalters gebe. Die allermeisten seien im mittleren Alter.
Wichtig war ihm, mit Alois Mistelzweig und Berta Bartók «zwei echte Alte» zu erschaffen. Weder springen sie über Hecken, noch können sie Helikopter fliegen. Sie kommen beim Treppensteigen ins Schwitzen, fliegen bei illegalen Machenschaften und verdeckten Ermittlungen auch mal auf.
«Zerscht mal lüägä»
«Ziemlich beste Verbrecher» ist ein sogenannter «Cosy Krimi». Die Spannung wird mit Humor und Gemütlichkeit aufgelockert. In seinen letzten drei Krimis nahm sich Sunil Mann eine Pause vom Humor. «Lustig sein ist anstrengend.» Und er suchte bewusst nach neuen Herausforderungen. Dabei wandte er sich anspruchsvollen Themen zu: Er schrieb über die kalabrische Mafia, den Islamischen Staat, Menschenhändler. «Ich musste mich richtig in die Themen reinbegeben – und empfand das auch als belastend.»
Nun ist er zurück beim Humor, der auch seine erste Krimireihe um die Figur Vijay Kumar ausgezeichnet hat. Der Ermittler mit indischen Wurzeln löst Fälle mit analytischem Verstand, Gelassenheit und Selbstironie. Er landet dabei immer wieder im Zürcher Langstrassen-Quartier. Einem vielschichtigen Viertel – geprägt von Nachtleben, Rotlichtmilieu, Migration und unterschiedlichsten sozialen Realitäten.
Sunil Mann hat ebenfalls indische Wurzeln und ist im selben Spannungsfeld aufgewachsen wie Vijay Kumar. Seine Mutter stammte aus Bihar, einem indischen Bundesstaat zwischen Delhi und Kalkutta. Mit 36 Jahren kam sie Anfang der 1970er-Jahre als Arbeitskraft im Pflegebereich nach Zweisimmen BE. Sein Vater, ebenfalls Inder, starb, als Sunil 12 Jahre alt war. Wenn seine Mutter nachts im Spital arbeitete, lebte er bei seinen Pflegeeltern in Spiez.
«Als Kind und Teenager fand ich meinen indischen Hintergrund eher doof. Ich wollte so sein wie alle andern auch», erzählt er. Später, als er Anfang 20 nach Zürich zog, realisierte er, dass es ganz viele andere mit einer ähnlichen Geschichte wie seiner gab. «In Zürich fühlte ich mich sofort wohl und begann, meine Wurzeln als Plus zu sehen.» Bei der Frage, wann sich der Berner Oberländer in ihm zeige, denkt er nach. «Beim Käse! Hobelkäse, Raclette und den cremigen Ziegenkäse aus dem Oberland liebe ich», antwortet er. Und fügt an: «Ich bin geerdet, bodenständig, lasse mich nicht schnell beeindrucken. Ganz nach dem Motto: Zerscht mal lüägä.»
Eigentlich wollte er schon als Teenager «etwas mit Schreiben machen». Von seinen Lehrerinnen und Lehrern hatte er viele positive Rückmeldungen zu seinen Aufsätzen erhalten. «Doch wenn du im Berner Oberland aufwächst, sagt dir niemand, dass du Autor werden könntest», sagt er und lächelt. So hat er einen Umweg genommen. Er hat in Zürich Psychologie und Germanistik studiert und «erfolgreich abgebrochen», dann «an der Hotelfachschule Belvoirpark halbherzig Grundkenntnisse fürs Gastgewerbe erworben.»
Zwanzig Jahre lang arbeitete er anschliessend als Flugbegleiter, erst bei der Swissair dann bei der Swiss. Der Wunsch, zu schreiben, liess ihn aber nicht los. So setzte er sich in seiner Freizeit an den Laptop. Zunächst schrieb er Kurzgeschichten, reichte sie bei Schreibwettbewerben ein und las dann die Geschichten, die ausgezeichnet worden waren. Und lernte so dazu. Mit 30 Jahren verfasste er seinen ersten Roman, der nie veröffentlicht wurde. «Was auch gut so ist», meint er. Entmutigen liess er sich davon nicht. «Eine gute Schulung in Frusttoleranz war das.»
Mit der Krimireihe um Vijay Kumar kam der Erfolg. Von 2009 bis 2017 publizierte er sieben Bände, flog daneben weiterhin in einem Teilzeitpensum mit der Swiss um die Welt. Seit 2018 ist er freischaffender Autor. «Schreiben ist nicht mehr Freizeitbeschäftigung, jetzt muss ich», sagt er. Da er tendenziell faul sei, brauche er den Druck. «Schreiben macht mich richtig, richtig happy.» Oft schreibe er sich richtiggehend in eine Euphorie. Und denke dabei: Das wird ein Weltbestseller! Tags darauf kämen Zweifel auf. Und er überarbeite den Text. «Ein wunderbarer Prozess!»
Neben Krimis, Romanen, Erzählungen und Hörbüchern für Erwachsene schreibt er auch Texte für die SJW-Hefte und Jugendkrimis. Und bietet Schreibkurse an für Kinder. Es sei frappant, wie in den Erzählungen der Mädchen und Jungen immer wieder die Eltern stürben.
Seine Lesungen führen ihn durch die ganze Schweiz – ausser nach Basel. Als er in Basler Buchhandlungen nachfragte, kam die Antwort postwendend: «Unsere Leserinnen und Leser interessieren sich nicht für Zürich.» Sunil Mann lacht herzhaft: «Die Schweiz ist ein kleines Land mit grossen Gräben», sagt er. Für einen Autor eine gute Ausgangslage. So gerne er Genres und Themen wechselt, etwas hat er bisher immer beibehalten: Seine Erzählungen spielen auf dem Land, die Krimis in der Stadt.
Vielfältiges Werk
Sunil Manns erste Krimireihe um den Ermittler Vijay Kumar umfasst die Bände «Fangschuss», «Lichterfest», «Uferwechsel», «Familienpoker», «Faustrecht», «Schattenschnitt» und «Gossenblues».
In einer weiteren Reihe ermitteln Marisa Greco und Bashir Berisha, in «Der Schwur», «Das Gebot» und «Der Kalmar».
2023 publizierte Sunil Mann seinen ersten Roman «In bester Absicht», der von arrangierten Ehen handelt. Sein Erzählband «Bleiben tun sie nie» umfasst zwölf miteinander locker verbundene Geschichten.
Sunil Mann wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Zürcher Krimipreis, Werkbeiträgen von Pro Helvetia und des Kantons Zürich sowie einem Stipendium der Stiftung Landis & Gyr.
«Eigentlich ein No-Go»
Wer in Zürich lebt, erkennt viele seiner Schauplätze. Sunil Mann erzählt, dass er sich anfangs auf seine Erinnerung verlassen habe, nun aber stets vor Ort recherchiere und alles abfotografiere. Denn: die Leserinnen und Leser kennen kein Pardon. So habe er in seinem ersten Krimi in einem Nebensatz den Vollmond erwähnt, der rechts von einem Dach im Langstrassenquartier geschienen habe. «Unmöglich im September!», beschwerte sich ein Leser bei ihm.
In seiner Freizeit liest er keine Krimis – weil er beim Lesen stets vorausdenken und umschreiben würde. Lieber liest er Romane oder Biografien und kocht – «meine Meditation» – für seine Freunde. «Das ist besonders wichtig für jemanden wie mich, der so viel Zeit mit fiktiven Figuren verbringt.» Nicht alle von ihnen mag er, was das Schreiben noch spannender mache.
Doch Alois Mistelzweig und Berta Bartók – die hat er gern bekommen. Und so endet der Krimi mit einem offenen Schluss, «eigentlich ein No-Go». Aber es bedeutet auch: Das verbrecherische Ermittler-Duo wird wiederkommen! Sunil Mann freut sich schon, viel Zeit mit ihnen zu verbringen.
Gewiefte Senioren
Alois Mistelzweig, gescheiterter Pianist, und Berta Bartók, pensionierte Köchin, wohnen in der Villa ihrer verstorbenen Arbeitgeberin in Zürich. Sie sind beide um die 70 Jahre alt, können sich nicht leiden und kommen mit Diebstählen über die Runden. Doch dann durchschaut sie eines ihrer Opfer. Ein Cosy-Krimi mit viel Wortwitz! (rtr)
Sunil Mann: «Ziemlich beste Verbrecher», Grafit Verlag, ca Fr. 20.–
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