Ein sexy wie rebellisches Image: Nancy Sinatra © Wikipedia

«These boots are made for walking» von Nancy Sinatra Songs und ihre Geschichten

Als eine der ersten Frauen etablierte sich Frank Sinatras älteste Tochter Nancy erfolgreich im Pop-Business. Mit aufregenden Outfits provozierte sie die prüden Moralvorstellungen im Amerika der 1960er-Jahre und legte sich ein rebellisches Image zu.

Von Urs Musfeld

Eigentlich wollte die 1940 im US-Bundesstaat New Jersey geborene Nancy Sinatra Musik studieren. Stattdessen verliebte sie sich und heiratete. Die Ehe hielt nicht lange, und auch ihre künstlerische Laufbahn verlief schleppend. Trotz Unterstützung durch die Plattenfirma ihres berühmten Vaters gelang es ihr bis 1965 nicht, mit ihren Singles nennenswerte Chart-Erfolge zu erzielen.

Erst die Bekanntschaft mit dem Singer-Songwriter und Produzenten Lee Hazlewood gab Nancy Sinatras Karriere den entscheidenden Impuls. Ohne ihn wäre sie kaum über den Status einer durchschnittlichen Schlagersängerin hinausgekommen. Er riet ihr: «Hör auf wie die nette Nancy zu singen. Sing wie eine 14-Jährige, die mit LKW-Fahrern rummacht.»

«Singe wie eine 14-Jährige, die mit LKW-Fahrern rummacht.»

1965 schrieb Hazlewood das Lied «These boots are made for walking», das er ursprünglich selbst vortragen wollte. Nancy bestand jedoch darauf, den Titel aufzunehmen. Obwohl Hazlewood dagegen war, diesen Männersong mit ihr zu produzieren, setzte sie sich durch. Die Nummer wurde ein Welthit, Nancy Sinatra ein Star.

Die Idee für den Song entstand in London, als sie durch die Carnaby Street schlenderte und die Mode von Mary Quant entdeckte. «Ich habe mich sofort in die Miniröcke und die Stiefel verliebt. Da wusste ich noch nicht, dass ich diesen Song aufnehmen würde. Aber die Stiefel, das Outfit, der Song – das alles passte zusammen», erklärte Nancy Sinatra in einem Interview.

Der Text handelt davon, dass die Protagonistin Untreue, Lügen oder andere Fehler ihres Partners damit bestrafen will, dass sie mit ihren Stiefeln über ihn hinwegtrampelt:

These boots are made for walking
And that’s just what they’ll do
One of these days these boots are gonna walk all over you

(Diese Stiefel sind zum Gehen gemacht,
und genau das werden sie auch tun.
Eines schönen Tages trampeln sie einfach über dich hinweg.)

You keep playing where you shouldn’t be playing
And you keep thinking that you’ll never get burnt (HAH)
I just found me a brand new box of matches (YEAH)
And what he knows you ain’t had time to learn

(Du treibst weiter deine Spielchen, obwohl’s du lieber lassen solltest
Und du glaubst immer noch, dass du dir nie die Finger verbrennst.
Ich habe gerade eine ganz neue – na, sagen wir mal – «Flamme» entdeckt.  
Und der kann Sachen, von denen hast du noch nicht mal was gehört.)

Are you ready, boots? Start walkin‘

(Seid ihr bereit, Stiefel?
Auf gehts!)

So wurde ein alles andere als feministisch gedachtes Stück über die Rachegelüste eines eifersüchtigen Mannes zur Hymne einer sich emanzipierenden Frau: Das Lied von den Stiefeln, mit denen SIE über IHN hinwegfegt. Von vielen wurde es auch sexuell oder in einem Fetisch-Kontext interpretiert.

Nancy Sinatra habe «These boots are made for walking» zunächst gar nicht als Statement für die Frauenbewegung empfunden, sagte sie der deutschen Tageszeitung taz. «Wir dachten nur, es sei ein cleverer und funkiger Song.»

«Ich habe ein Leben lang Kämpfe für die Frauen ausgefochten».

Erst später mutierte er zur Hymne. Nancy Sinatra sieht sich als Urfeministin: «Als ich zehn Jahre alt war, hatten meine Tanten damit zu kämpfen, dass sie im Büro nicht dasselbe Gehalt wie die Männer bekamen.» Zwar habe sie damals noch nicht gewusst, was Feminismus sei. «Aber von dem Punkt an habe ich ein Leben lang Kämpfe für die Frauen ausgefochten.»

Sieht sich als Urfeministin: Nancy Sinatra. © Wikipedia

Nach «These boots are made for walking» ging die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Lee Hazlewood weiter. Songs wie «Summer wine» (1966), «Sugar town» (1966) oder «Jackson» (1966) lebten vornehmlich vom Kontrast zwischen Nancys heller Stimme und Hazlewoods tiefem Bariton. Thema waren meist Drogen und Sex. Im gleichen Jahr nahm sie mit ihrem Vater den Hit «Somethin‘ stupid» auf, und 1967 sang sie den Titelsong für den James Bond-Film «You Only Live Twice».

Ihren beiden Töchtern zuliebe hat sich Nancy Sinatra Mitte der 1970er- Jahre aus dem Musikgeschäft verabschiedet. In den 1980er- und 1990er-Jahren war von ihr nicht mehr zu viel zu hören. 2004 meldete sie sich zurück mit dem Comeback-Album «Nancy Sinatra», auf dem sie Songs von Musikern einer nächsten Generation wie U2-Sänger Bono, Jarvis Cocker oder Morrissey interpretierte. Am 8. Juni 2020 feiert sie ihren 80. Geburtstag.

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias Musi

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung. Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/