© Bernard van Dierendonck

«Politisieren war für mich immer ein Privileg»

1985 war sie 28 Jahre alt und wurde als jüngstes Mitglied in den Nationalrat gewählt. Im kommenden Herbst beendet die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz ihre politische Karriere. Schweigen wird sie auch nach ihrem Rücktritt nicht.

Interview: Usch Vollenwyder

In den Siebzigerjahren haben Sie sich in der Anti-Atomkraft-Bewegung engagiert, heute geht die Klimajugend auf die Strasse. Sehen Sie Parallelen? 

 Ich habe ein totales Déjà-vu. Damals gingen wir über Wochen nach der Schule Abend für Abend nach Kaiseraugst, wir übernachteten auf dem Gelände, an den Wochenenden organisierten wir Demonstrationen. So hielten wir den Druck gegen das geplante Atomkraftwerk aufrecht. Mit Erfolg – Kaiseraugst wurde nicht gebaut! 

Würden Sie heute an einer Demonstration für das Klima mitmarschieren?

 Ja, aber in den hinteren Reihen. Grundsätzlich bin ich der Meinung:  Diese Bewegung gehört den Jungen! Damit der Klimawandel aber tatsächlich auf politischer und wirtschaftlicher Ebene endlich angegangen wird, brauchen sie uns Ältere als Bündnispartner. Das war auch damals schon so. Es eilt – die Situation ist dramatisch. 

 Was macht Ihnen am meisten Angst? 

 In unserem Land ist es die Gletscherschmelze. Wenn vielleicht schon in absehbarer Zukunft das Wasser knapp wird … Noch dramatischer sind die Auswirkungen des Klimawandels in den dicht bevölkerten Landstrichen in Asien und Afrika. Wenn die Menschen dort nicht mehr leben können, weil der Meeresspiegel ansteigt und es zu Überflutungen und Dürren kommt, werden sie neuen Lebensraum brauchen. Die Flüchtlingsströme unserer Zeit sind nur ein Vorläufer dessen, was noch kommen wird. Und dann?

 Wo sehen Sie mögliche Lösungen?

 Zurzeit bin ich nicht sehr optimistisch.  Die europäischen Länder und die internationale Gemeinschaft sind noch nicht fähig, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln und praktisch auf diese Herausforderungen zu reagieren. Dabei wäre es Aufgabe der Politik, den Bürgerinnen und Bürgern die Probleme der Zukunft aufzuzeigen und mögliche, auch unpopuläre Lösungen aufzuzeigen. Doch statt die Federführung zu übernehmen, reagiert die Politik oft nur noch auf die von Wirtschaft, Medien und Umfragen gesetzten Themen. 

 1984 begann Ihr politischer Werdegang auf nationaler Ebene. Was hat sich am meisten verändert? 

 Es ist viel hektischer und die Themen sind viel komplexer geworden. Der Tanz in den sozialen Medien ist ein unglaublicher Zeitfresser und für junge Politikerinnen und Politiker unabdingbar geworden. Dann muss man Akten lesen, Veranstaltungen besuchen, in der Partei und in der Öffentlichkeit präsent sein … Die SVP mit ihrem vielen Geld führt einen permanenten Wahlkampf. Will man wiedergewählt werden, muss man seine Person in den Vordergrund rücken und kann sich Schreiveranstaltungen – dazu zähle ich oft auch die Arena im Schweizer Fernsehen – nicht entziehen. Kompromissbereitschaft wird als Schwächeanfall abgetan. Dabei ist es umgekehrt.

Wie meinen Sie das?

Es gibt nichts Anstrengenderes als einen Kompromiss auszuhandeln – jetzt zum Beispiel die AHV-Steuer-Vorlage. So viel muss man dabei überlegen, berücksichtigen, an unkonventionellen Möglichkeiten ausloten, in den eigenen Reihen überzeugen, man muss sich exponieren … Meiner Überzeugung nach bin ich als gewählte Politikerin verpflichtet, für Kompromisse, die in die richtige Richtung gehen, Hand zu bieten – und nicht nur Opposition zu betreiben.

Wie haben Sie sich selber in der Politik verändert? 

Ich bin heute sicher pragmatischer als in meinen Anfangszeiten. Meine Haltung hingegen hat sich nicht verändert: Wo Kompromisse möglich sind, arbeite ich mit. Wo nicht, vertrete ich laut die Gegenposition. Bei den Themen verlasse ich mich auf meinen inneren Kompass: Ich setze mich für Lösungen ein, die gerecht für die Menschen und nachhaltig für die Umwelt sind. 

Was gefällt Ihnen besonders am Politisieren?

Ich kann für und mit anderen Menschen etwas gestalten und erreichen. Bei politischen Geschäften sehe ich immer die betroffenen Menschen vor meinem inneren Auge. Für sie bin ich angetreten, sie gaben mir die Motivation und Energie für mein Engagement. In Basel hat man noch direkten Kontakt mit der Bevölkerung, von ihr bekomme ich oft Anregungen. Für mich gilt: «Lieber Face to Face als Facebook». Beim Politisieren gibt es aber auch einen spielerischen, einen taktischen Teil. Die Freude, wenn ein Schachzug gelingt. Die Genugtuung, wenn etwas bewegt wird. Ich empfand die Politik nie als Last, sondern vielmehr als Privileg. 

Was verletzte Sie?

Unterstellungen. Unwahrheiten. Menschen. Hassattacken von wildfremden Menschen. Nach viel Erfahrung kann ich damit aber gut umgehen. Mein Zauberwort heisst Neoprenanzug. Ich stelle mir einen solchen bildlich vor und lasse Anwürfe und Unverschämtheiten an mir abperlen. Auch all die Beleidigungen auf den sozialen Medien: Diese klicke ich ohne zu lesen einfach weg. Doch das ist nichts Neues. Auch in den Achtzigerjahren kriegte ich anonyme Briefe mit beleidigenden Inhalten. Nur die Menge hat um ein Vielfaches zugenommen. 

Ihre politische Karriere haben Sie bei der POCH angefangen.

Politisiert haben mich der Kampf gegen das Atomkraftwerk Kaiseraugst und die Frauenbewegung. Die SP, damals sehr männerlastig, war für mich keine Perspektive. So kam ich zur POCH, den Progressiven Organisationen der Schweiz, bin 1985 als Nationalrätin nachgerückt und wurde 1987 glanzvoll wiedergewählt. Gleichzeitig gründete ich meine eigene Unternehmensberatungsfirma. Ich wollte nie von der Politik abhängig sein und wusste auch, dass ich als Linke während des Kalten Krieges nicht mit Jobangeboten überschüttet werden würde. Zudem bietet mir mein Beruf einen guten Einblick in die Arbeitswelt; auch deshalb finde ich unser Milizsystem wichtig. Doch als Nationalrätin und Unternehmerin gleichzeitig hatte ich oft eine Siebentagewoche. Ich weiss noch, dass ich eines Nachts aufwachte und wusste: So mag ich nicht mehr. Ich will wieder leben. In der Woche darauf habe ich als Nationalrätin demissioniert. 

Dynamische Anita Fetz mit einem Rosenstrauss.
«Ich freue mich auf die Zukunft.» © Bernard van Dierendonck

Und kamen zehn Jahre später als SP-Nationalrätin und dann als Ständerätin zurück… 

Ich verdiente gut und war geschäftlich etabliert – sollte es jetzt immer so weitergehen? Ich konnte die Firma vergrössern, eine Filiale im Ausland eröffnen oder zurück in die Politik gehen. Die Politik reizte mich am meisten. Doch die POCH war 1992 aufgelöst worden, viele ihrer Themen hatten inzwischen die SP oder die Grünen aufgenommen. Dass ich in die SP eintrat, hat mit Peter Bodenmann zu tun. Er brachte einen neuen Stil in die Partei, eine Mischung aus Angriff und Pragmatismus. Das kam mir sehr entgegen. 

Nie bereut?

Nein. Ich hatte zwar keinen SP-Stallgeruch und wurde als Unternehmerin zum Teil angefeindet. Aber ich wurde auch sehr unterstützt. Der ehemalige SP-Präsident Helmut Hubacher zum Beispiel hat mir geholfen, viel gelernt habe ich von Christiane Brunner, die damals auch Ständerätin war. Sie zeigte mir, wie man Mehrheiten bildet, taktiert und organisiert, wann es besser ist, hinter den Kulissen zu agieren, und wann man öffentlich ausrufen muss … Sie war brillant! Sie bewegte sich sicher in dieser für mich neuen Welt und hatte auch viel Humor. Eine fröhliche Lebensweise ist wichtig – vor allem, wenn man bei einer Abstimmung einmal mehr verloren hat. Sonst wird man verbittert oder zynisch. Und diese Freude darf man dem Gegner nie machen. 

Welches sind die Höhepunkte Ihrer Karriere?

Da gibt es viele! Berührt hat mich 2006 das Ringen um ein revidiertes Waffengesetz. Ich bekam fast tausend Zuschriften und Mails von Frauen, die mir erzählten, wie sie mit der Armeewaffe von ihren Männern bedroht und erpresst wurden. Ich war erschüttert und reichte einen Vorstoss ein, die Heimabgabe der Taschenmunition für Armeeangehörigen abzuschaffen – zu viele Frauenmorde waren mit Armeewaffen schon begangen worden! Doch dafür musste ich zunächst die bürgerlich dominierte Sicherheitspolitische Kommission gewinnen. Ich machte, was ich oft tat, wenn ich selber nicht mehr weiterkam: Ich suchte mir einen Verbündeten aus dem gegnerischen Lager und fragte ihn, wie er vorgehen würde. Dank ihm kam dieser Vorstoss durch! 

«Kompromissbereitschaft würde als Schwächeanfall abgetan.»

Und die Enttäuschungen?

Die spüre ich vor allem auf internationaler Ebene. Zum Beispiel Südafrika: Wie haben wir uns doch gegen die Apartheid engagiert! Oder unsere Unterstützung für die Sandinisten in Nicaragua – ich darf gar nicht daran denken, was aus dem Land geworden ist. Auf nationaler Ebene waren es die Rechte der Frau, die nur langsam umgesetzt wurden. Der Lohn für gleiche Arbeit ist – trotz Gesetz – immer noch nicht realisiert. 

Sie wären gerne Ministrantin geworden – und durften es nicht, weil Sie ein Mädchen waren. Wie haben Sie das erlebt?

Ja, ich wäre gerne in der Kirche wie die Jungs vorne gestanden und hätte das Weihrauchfässchen geschwenkt. Zum ersten Mal erlebte ich, dass mir etwas verboten war, weil ich ein Mädchen war. Das war für mich eine unfassbare Ungeheuerlichkeit! Sobald ich alt genug war, trat ich aus der Kirche aus. Wo man mich nicht will, kämpfe ich entweder für Veränderungen – oder ich gehe. Der katholischen Kirche traute ich keine Veränderungen zu. Noch heute nicht!

Im Herbst steigen Sie nach mehr als dreissig Jahren aus der Politik aus. Was folgt? 

Ich freue mich sehr auf die Zukunft und bin gespannt, was sie bringen wird. Mit meiner Firma werde ich weiterarbeiten – daneben brauche ich Zeit, um mich neu zu orientieren. Ich nehme mir nichts vor. Kürzlich sagte ich zu meinem Mann: Ich will wieder mal erleben, dass mir eine Woche lang langweilig ist – und dann schauen, was daraus wird. Umbruchphasen sind für mich die kreativsten Phasen. Doch ich bin durch und durch ein politischer Mensch, ich engagiere mich weiter in der Partei und werde mich bestimmt auch in Zukunft politisch äussern. 

Ihr Mann Fritz Jenny ist bereits pensioniert. Was werden Sie mit der neu gewonnenen gemeinsamen Zeit anfangen?

Aus beruflichen Gründen – mein Mann war ebenfalls immer sehr eingespannt – hatten wir jeweils zwei einzelne Leben und ein gemeinsames. Die gemeinsame Zeit wird zunehmen, doch sonst wird sich nicht viel ändern, denn wir haben beide auch eigene Interessen. Mein Mann ist nach wie vor sehr aktiv und viel unterwegs. Und auch ich bin eher ein Herausforderungs- als ein Hobbymensch. 

Und wenn Sie einmal nicht mehr aktiv sein können?

Laut Statistik und mit Glück habe ich noch etwa fünfzehn gesunde Jahre vor mir. Was danach kommt … Wenn ich meine alte Mutter besuche, denke ich manchmal an die Worte des verstorbenen Schriftstellers Philip Roth: Das Alter ist ein Massaker. Die Lebensqualität ist doch entscheidend und nicht die Lebensjahre. Ich bin bei Exit. Für mich ist es beruhigend zu wissen: Im Notfall muss ich nicht alles aushalten. ❋ 

Buchtipp Anita Fetz: «My Baasel. Neun Streifzüge durch Basel für Frauen», Xanthippe Verlag, Zürich 2017, 200 S., ca. CHF 34.90.

© Bernard van Dierendonck

Ein Leben für die Politik

Anita Fetz, geboren am 19. März 1957 in Basel, studierte Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Basel und Berlin und arbeitete zunächst bei der Frauenorganisation Ofra. Von 1985 bis 1990 war sie Mitglied des Nationalrats für die POCH, den Progressiven Organisationen der Schweiz. 1986 gründete sie ihre Beratungsfirma femmedia ChangeAssist, die auf Personalentwicklung, Chancengleichheit und Veränderungsprozesse spezialisiert ist. 1995 trat Anita Fetz in die SP ein, seit 1999 politisiert sie wieder auf nationaler Ebene – zunächst für vier Jahre als Nationalrätin, seit 2003 als Ständerätin. Im Herbst 2019 tritt sie von ihren Ämtern zurück. Anita Fetz ist seit ihrer Jugend mit Fritz Jenny, Jurist und ehemaliger Direktor des Basler Bürgerspitals, zusammen. Das Paar ist verheiratet und wohnt in der Altstadt von Basel.