© Monique Wittwer

«Mit Mitleid hat mein Einsatz nichts zu tun»

Seit über 20 Jahren hilft Lotti Latrous in der Elfenbeinküste aidskranken Menschen. Nun hat die Zürcherin eine Autobiografie veröffentlicht. Die 66-Jährige über Würde, ihr 2013 erlittenes Burnout – und den kürzlich gefundenen Seelenfrieden.

Interview: Fabian Rottmeier

Sie schreiben in Ihrer Autobiografie, viele alte Menschen hätten einen würdevollen Gang. Was meinen Sie genau?
Auch gebückte, ältere Menschen gehen mit Würde durchs Leben. Weil sie viel erlebt haben, Freuden ebenso wie Schicksalsschläge. Sie sind reifer geworden, können loslassen und wissen, was wichtig ist. Menschen, die zufrieden sind mit ihrem Leben, haben Würde. Um den persischen Dichter Rumi zu zitieren: «Gestern war ich klug und wollte die Welt verändern. Heute bin ich weise und möchte mich verändern.»

Wo sind Sie auf diesem Weg selbst angelangt?
Ich mag Rumis Aussage, dass man bei sich selbst beginnen muss. Meine afrikanischen Mütter, die alle aidskrank sind, haben die Hölle auf Erden erlebt – und sich trotzdem immer ihre Würde bewahrt. Sie haben ihr Schicksal nie hinterfragt, haben nie gebettelt oder sich selbst bemitleidet. Ich ziehe den Hut vor ihnen.

Ist Würde das Letzte, was armen Menschen in der Elfenbeinküste noch bleibt?
Ja, das Letzte – und Wichtigste. Die Würde muss bedingungslos geschützt werden, in grösster Armut, im grössten Leiden und auch beim Sterben. Immer wieder habe ich erlebt, dass todkranke Menschen aus den Slums in ihrer ersten Nacht bei uns verstorben sind, nachdem sie frische Kleider, frische Bettlaken und Essen erhalten haben. Sie haben darauf gewartet, würdevoll zu sterben. Ich bin glücklich, dass wir ihnen dies ermöglichen dürfen.

Vor drei Jahren mussten Sie das Ambulatorium, das Sterbehospiz und das Kinderheim wegen eines Flughafenausbaus zügeln und haben es in Grand-Bassam wieder aufgebaut – auf dem Grundstück einer ehemaligen Abfalldeponie. Die perfekte Metapher?
Ja, es musste offenbar so kommen. Eigentlich wollten wir uns erneut in einem Slum ansiedeln. Die Behörden von Abidjan machten uns aber klar, dass früher oder später alle Slums abgerissen würden. Wir fanden in Grand-Bassam eine Alternative, etwa 30 Kilometer vom alten Standort entfernt. Bevor wir loslegen konnten, mussten wir 80 Pfähle einschlagen, weil wir unter dem 40 Jahre alten Müll ein Sumpfgebiet vorfanden. Später konnten wir für unsere Kinder zusätzlich ein angrenzendes Haus mit Garten erwerben.

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«Mein Sohn sagt, ich würde mich bloss für Menschen interessieren, die arm sind und Hilfe benötigen. Er hat recht.»

Ihr neustes Projekt dort ist der Bau eines Dorfes für chronisch Kranke und Obdachlose. Erfüllen Sie sich damit einen lang gehegten Traum?
Ja, denn schon früh in Afrika kam in mir der Wunsch auf, hier in einem Dörfli zu leben. Im afrikanischen Dorf wohnen alle aus demselben Stamm zusammen und teilen die Aufgaben untereinander auf. Da wird gemeinsam geputzt, gehütet, gepflegt. Im Slum hingegen leben 40 verschiedene Stämme. Niemand fühlt sich für Sauberkeit und Ordnung verantwortlich. Das führt dazu, dass die einzige Toilette, die es gibt, so verschmutzt und verstopft ist, dass sie niemand mehr benutzen kann.

Ihr Dorf soll auch generationenübergreifend funktionieren: Junge Menschen pflegen alte, während Seniorinnen und Senioren bei der Kinderbetreuung helfen. Gab es einen Auslöser für diese Idee?
In den Slums habe ich immer wieder alte, körperlich behinderte Menschen gesehen, die man auf dem Boden liegen liess. Sie vegetierten vor sich hin, niemand kümmerte sich um sie. Mit «sehr alt» meine ich in Afrika die über 60-Jährigen. Als wir die Chance erhielten, unser Zentrum zu erweitern, kam das für mich einer göttlichen Vorsehung gleich. Mein Mann Aziz leitet den Bau. Es werden 14 Häuschen für zwei oder drei Personen und eine grosse Küche für alle erstellt. Wir hoffen, das Dorf bis im Herbst eröffnen zu können. Es soll jungen, aus ihren Slums vertriebenen Müttern eine temporäre Bleibe sein. Zudem unterstützen wir sie mit Mikrokrediten dabei, ein neues Zuhause zu finden.

Noch vor Ihrer Entwicklungsarbeit haben Sie in Kairo als junge Frau in einem Altersheim ausgeholfen. Hat diese Arbeit in Ihnen etwas bewegt?
Etwas Neues nicht, nein. Ich wollte schon als Mädchen im ländlichen Regensberg, wo ich aufgewachsen bin, anderen helfen und Krankenschwester werden. Ich holte älteren Leuten die Milch oder pflückte für sie einen Blumenstrauss, weil es mich glücklich machte. Die mit einer Behinderung geborene Pfarrerstochter zog mich ebenfalls in ihren Bann. Mein Sohn sagte stets, ich würde mich bloss für Menschen interessieren, die arm sind und Hilfe benötigen. Er hat recht. Mein Drang zu helfen ist eine geschenkte Berufung.

2007 erkrankten Sie an einer schweren Tuberkulose, 2013 kehrten Sie wegen eines Burnouts in die Schweiz zurück. Letzteres sei rückblickend nötig gewesen, schreiben Sie.
Ja, das tat mir gut. Es heisst, man müsse zuerst schwimmen lernen, bevor man einen Menschen vor dem Ertrinken retten kann. Genau darum gings. Ich habe im Slum über zehn Jahre lang 16 Stunden täglich gearbeitet, auch am Wochenende und oft nachts. Meine Lunge war von der Tuberkulose geschwächt, ich war erschöpft und schluckte Schlaf- und Vitamintabletten. In der Schweiz konnte ich genesen, doch meine Seele ging ein wie eine Blume ohne Sonne. Also kehrte ich zurück und packte einiges anders an. Ich nahm Hilfe an, trat Aufgaben ab. Weniger Administration, mehr Menschenkontakte. Wir haben heute 80 Angestellte, darunter vier Sozialarbeiter. Das klappt gut.

«Wenn man sich um sterbende Menschen kümmert, gibt es keine geregelten Tage und Nächte.»

Ist Aufhören jemals eine Option?
Solange ich gesund bin, nicht. Aber auch ich werde älter. Wer weiss, ob ich mit 80 Jahren noch hin und her fliegen kann.

Ihr Leben ist geprägt vom Gewissenskonflikt, dass Ihre Familie meist ohne Sie auskommen musste. Waren Ihre langen Arbeitstage auch eine Flucht vor Ihrem Gewissen?
Nein, überhaupt nicht. Es war meine Aufgabe, immer für meine Patientinnen da zu sein. Wenn man sich um sterbende Menschen kümmert, gibt es keine geregelten Tage und Nächte. Während der Sterbebegleitungen hatte ich viel Zeit, über meine Familie nachzudenken. Meinen Seelenfrieden habe ich erst im vergangenen Jahr gefunden, als mich meine Tochter Sonia zum ersten Mal im Zentrum besuchte und sah, wofür und für wen ich mich einsetze. Heute ist sie mein grösster Fan. Sie hat die aidskranken Jugendlichen gesehen, die ohne unsere Hilfe und Medikamente alle schon im Kindesalter gestorben wären.

Auf die erlösenden Worte Ihrer Kinder hatten Sie jahrelang gehofft, wie Sie bereits im Dokumentarfilm «Egoïste» (2007) verrieten.
Es war meine Wahl gewesen, in der Elfenbeinküste zu bleiben, als mein Mann von seinem Arbeitgeber nach Kairo versetzt wurde. Damit musste ich leben – auch damit, dass Selim, der damals 19 war, zwei Jahre lang nicht mehr mit mir sprach. Er war wütend auf mich, weil Sarah, die damals neunjährig war, auf meine Fürsorge verzichten musste, die ich ihm und seiner Schwester Sonia – sie ist ein Jahr jünger als Selim – entgegengebracht hatte. Sarah besuchte mich oft mit Aziz in ihren Ferien. Ich wusste, dass mein Mann gut zu ihr schaut. Ohne Aziz’ Verständnis wäre alles nicht möglich gewesen. Ich bin meiner Familie ewig dankbar, dass sie mich gehen liess.

Mit Ihrem Entscheid haben Sie gegen eine gesellschaftliche Norm verstossen und werden in der Schweiz noch heute von vielen darauf reduziert. Etwas, das bei einem Mann kaum passieren würde. Stört Sie dieser Ruf?
Nein, ich kann dieses Verhalten gut nachvollziehen. Junge Mütter stecken in einem klischierten Bild fest – noch immer. Sie tragen die Verantwortung für ihre Familie. Da kommt plötzlich eine daher, die sich nicht daran hält. Ein ägyptischer Lehrer von Sarah sagte mir einst, er kenne viele Mütter, die das ganze Jahr bei ihren Kindern seien, sich aber weniger um sie kümmern würden oder weniger für sie da seien als ich. Er versicherte mir, dass wir ein ganz gewöhnliches, fröhliches Mädchen haben. Diese Worte waren mir wichtig, denn mich plagte dauernd mein schlechtes Gewissen, weil ich fremde Kinder meiner eigenen Tochter vorzog. Aber ich wusste, dass die anderen Kinder ohne mich sterben würden.

In Interviews sind Sie oft den Tränen nahe. Sind Emotionen und Betroffenheit Ihr Antrieb?Ja, bestimmt. Dankbarkeit und Mitgefühl. Abgehärtet zu werden, hätte für mich bedeutet, dass ich meine Empathie verloren hätte. Mit Mitleid hat mein Einsatz aber nichts zu tun. Ich habe mich immer gefragt, weshalb ich in der wohlbehüteten Schweiz geboren wurde und diese armen Leute in Slums. Deshalb müssen wir teilen, was uns geschenkt wurde. Ich glaube, die junge Generation beginnt dies zu verstehen und hinterfragt unseren Lebensstil. Als ich zu einer Frau in einem Slum sagte, dass ich mich dafür schäme, dass sie so leben müsse, antwortete sie: «Ich darf leben.»

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«Ich geniesse es, als Grossmutter mit meinen Enkeln in die fantasievolle Kinderwelt abzutauchen.»

Schreiben war einer Ihrer Schlüssel, das Erlebte zu verarbeiten. Gab es weitere?
Ich entdeckte Gott. Ich erhielt Hilfe. Eine Hilfe, die mich ausfüllt, mir Kraft und Freude spendet und es mir erlaubt, die Ungerechtigkeit zu verstehen und zu akzeptieren. Ich hadere nicht mehr. Meine afrikanischen Freunde haben mich gelehrt, Schicksale zu akzeptieren. «Alles, was Gott macht, ist gut», sagte einst ein Vater zu mir, der soeben seinen Sohn verloren hatte. Ich habe grossen Respekt vor dieser Einstellung. Man darf sie nicht mit Fatalismus verwechseln. Die Leute haben schlicht keine andere Wahl.

Seit der Pensionierung Ihres Mannes Aziz leben sie erstmals vermehrt zusammen. Hat sich Ihre Beziehung verändert?
Nein, nicht grundsätzlich. Aber die Ruhe, die wir nun nach fast 50 Jahren als Paar gefunden haben, ist etwas Schönes. Ich lebe heute abwechselnd zwei Monate am Genfersee und zwei Monate in Grand-Bassam. Aziz begleitet mich heute immer, bleibt aber nicht immer gleich lange wie ich in der Elfenbeinküste. Stattdessen besucht er seine Familie in Tunesien – oder unsere Kinder, die in Portugal, England und Frankreich leben. Mit dieser Liebe und diesem Vertrauen zusammen alt zu werden, ist schön.

Sie sind zweifache Grossmutter und sagen, neben Ihren Kindern sei dies «das grösste Glück». Weshalb?
Weil ich diese Rolle total unbeschwert angehen kann. Für die Erziehung sind die Eltern zuständig. Ich darf die nette Rolle übernehmen. Wunderbar! Ich kann den ganzen Tag mit den Kindern herumblödeln, basteln, kochen, backen, tanzen, singen – oder eine Hexe spielen. Ich geniesse es, in die fantasievolle Kinderwelt abzutauchen.

Sarah, Ihre jüngste Tochter, gehört seit Kurzem zum Stiftungsrat Ihrer Stiftung. Tritt sie einst vor Ort in Ihre Fussstapfen?
Vorerst nicht, nein. Sie ist erst 30 Jahre alt, lebt in England und möchte in zwei Jahren eine Familie gründen. Sie hat sehr genaue Vorstellungen. Aber ich bin sehr erleichtert, dass sie nun im Stiftungsrat ist. Wenn ich einmal nicht mehr da bin, weiss jemand ganz genau, welche Dinge und Werte mir wichtig sind. Meine Tochter musste viel leiden wegen mir – heute versteht sie jedoch, wofür. Sie sei stolz auf mich, weil ich gemacht habe, was ich tun musste, sagt sie. Ich fühle mich geehrt, dass sich Sarah heute trotz meiner damaligen Wahl engagiert. Sie liebt unser Centre L’Espoir genauso wie ich.

❱ Die Autobiografie von Lotti Latrous: «Was war. Was ist. Was zählt – Mein etwas verrücktes Leben», Wörterseh Verlag, Lachen. Richtpreis: CHF 36.90

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Entwicklungshelferin im Slum

Die 1953 geborene Lotti Latrous wuchs im zürcherischen Regensberg auf – und wollte Krankenschwester werden. Sie verzichtete auf eine Ausbildung, um die Familie ihres tunesischen Mannes Aziz nach dem Tod von dessen Vater zu unterstützen. Durch Aziz’ Job als Nestlé-Direktor lebten die beiden in Saudi-Arabien, Nigeria und Ägypten, bevor sie in den 90er-Jahren in die Elfenbeinküste zogen. Dort begleitete Lotti Latrous 1995 zum ersten Mal als Spital-Helferin eine Frau in den Tod. 1999 begann die mittlerweile dreifache Mutter mit fünf Mitarbeitenden, sich in einem Slum von Abidjan in umgebauten Schiffscontainern um aidskranke Menschen zu kümmern. Kurz darauf eröffnete die Schweizerin des Jahres 2004 das Ambulatorium Centre L’Espoir. Später folgten ein Sterbespital und ein Kinderheim. Heute stehen die Hoffnungszentren in Grand-Bassam – mit 80 Angestellten und jährlich 5000 behandelten Aidspatienten. Für den Betrieb sind jährlich eine Million Franken an Spenden nötig. Aziz und Lotti Latrous leben in Genf und in Grand-Bassam.