© Mirjam Kluka

«Ich hatte nichts zu verlieren, also ging ich auf tutti»

Guido Fluris Start ins Leben war schwer. Trotzdem ist er heute einer der reichsten Schweizer. Luxus interessiert ihn nicht. Lieber will er gesellschaftliche Entwicklungen ­anstossen – wie jetzt gerade mit seiner «Internet-Initiative».

Interview: Claudia Senn

Guido Fluri, Sie sind als Kind einer minderjährigen, ledigen Mutter ­geboren, die noch dazu an Schizophrenie litt. Wie hat dieser schwere Start ins Leben Sie geprägt?
Bevor die Krankheit meiner Mutter diagnostiziert wurde, gab es Jahre, ­in denen wir wie Nomaden lebten. Schon als kleiner Bub musste ich das Einkaufen übernehmen, weil meine Mutter sich nicht aus dem Haus traute. Ich liess so lange im Tante-Emma-Laden anschreiben, bis die Frau dort sagte: Jetzt sollte das Mami aber schon einmal vorbeikommen und zahlen. Später landete meine Mutter immer wieder in der Psychiatrie, irgendwann wurde sie dauerhaft eingewiesen. Ich wuchs in kompletter Instabilität auf und wusste nie, was der nächste Tag bringen würde.

Wer betreute Sie, wenn Ihre Mutter in der Klinik war?
Ich wurde fremdplatziert: bei Freunden, im Kinderheim Mümliswil, ­schliesslich bei meiner Grossmutter im solothurnischen Matzendorf. Leider verhinderte eine Reihe von Schicksalsschlägen, dass ich mich dort sicher und aufgehoben fühlen konnte. Als ich acht war, starb mein Grossvater an Krebs. Er war meine wichtigste männliche Bezugsperson. Meinen Vater hatte ich ja nie kennengelernt. Zwei Jahre später brannte das Haus ab. Als ich zwölf war, kam mein Onkel Peter, der mich unter seine Fittiche genommen hatte, bei einem Autounfall ums Leben. Er wurde zu Hause aufgebahrt. Die Trauer war überwältigend. Bis heute habe ich Mühe, einen Blumenladen zu betreten, weil mich der Geruch an den Schrecken von damals erinnert. 

Es passierte also immer wieder etwas Traumatisches, das Ihnen komplett den Boden unter den Füssen wegzog.
Ja, sobald ich zu jemandem Vertrauen aufgebaut hatte, war ich wieder im freien Fall. Das wirkte sich schlecht auf meine schulischen Leistungen aus. Auch in der Spenglerlehre hatte ich Probleme. Ich schaffte nur eine Anlehre als Tankwart. Kam dazu, dass ich als uneheliches Kind aus Sicht der katholischen Kirche ein Sündenfall war. In Matzendorf wurde mir eingetrichtert: Du kannst nichts, du bist nichts, du bist keinen Schuss Pulver wert. 

« Du kannst und bist nichts, wurde mir eingetrichtert.» 

Guido Fluri
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Erzählen Sie uns, wie aus einem Tankwart in Matzendorf ein ­Multimillionär wurde.
Mit 5000 Franken an gesparten Trinkgeldern nahm ich einen Kredit auf, um ein Stück Land zu kaufen. Alle im Dorf meinten: Der macht sowieso Konkurs. Doch mein gesetzlicher Vormund segnete den Deal ab. Mit dem Velo fuhr ich ins Motel Egerkingen und bekam dort vom Vizedirektor der Volksbank Aarburg einen Baukredit. Damit baute ich ein Haus auf meinem Land und verkaufte es ein paar Monate später mit Gewinn. Es war das erste von vielen. Die Zeiten standen günstig für Immobiliengeschäfte.

Woher nahmen Sie das Selbstbewusstsein, mit 20 Jahren ein Immobilien-Imperium zu begründen?
Ich war ganz unten. Schlimmer konnte es nicht werden. Ich wollte unbedingt aus diesem Minderwertigkeitsgefühl ausbrechen. Ich hatte nichts zu verlieren, also ging ich auf tutti. 

Hatten Sie therapeutische Unterstützung?
Mit Anfang 20 litt ich an existenziellen Ängsten. Ich befürchtete, dass ich sterben muss, bevor ich der Welt beweisen kann, dass ich doch etwas wert bin. Als Mitte der 80er-Jahre Aids ein Thema wurde, steigerte ich mich in die Angst vor einer HIV-Ansteckung hinein. Ich weiss nicht, wie viele Tests ich gemacht habe, obwohl es gar keinen Grund dafür gab! Der Hausarzt schickte mich schliesslich zu einer Psychiaterin. Sie bat mich, von meiner Vergangenheit zu erzählen, was ich zuerst überhaupt nicht einsah. Erst nach und nach verstand ich, welch gewaltige Hypothek ich mit mir herumschleppte. 

Heute sind Sie einer der reichsten Schweizerinnen und Schweizer. Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» schätzt Ihr Vermögen auf eine knappe halbe Milliarde Franken. Was treibt Sie an, so viel Geld zu ­verdienen?
Ich wollte mich endlich sicher fühlen. Ich wollte nie mehr in die Situation kommen, alles zu verlieren. Die Sache ist allerdings die: Auch wenn ich sehr viel Geld habe, gibt es immer noch Phasen, in denen ich glaube, es reiche nicht. Ich weiss, dass das ­niemand verstehen kann. Es ist ein ­Gefühl, das tief in mir drinsteckt.

Sie könnten sich eine Jacht kaufen oder ein Flugzeug. Interessiert Sie das?
Nein. Ein dekadentes Leben passt nicht zu mir. Ich würde mich nur leer dabei fühlen. Viel lieber setze ich mein Vermögen ein, um gesellschaftliche Veränderungen anzustossen.

«Ein dekadentes Leben passt nicht zu mir.»

Als das Kinderheim Mümliswil zum Verkauf stand, griffen Sie zu. Bis in die 1970er-Jahre wurden dort Kinder weggesperrt und misshandelt. Auch Sie erinnern sich an schlimme Dinge. Warum wollten Sie diesen Schreckensort besitzen? 
Mein erster Impuls war, das Heim niederzubrennen. Doch dann merkte ich: Jetzt kannst du handeln. Jetzt kannst du dich mit deinem eigenen Schicksal auseinandersetzen. Ich war erst fünf Jahre alt, als ich in Mümliswil war. Meine Erinnerungen an das Heim sind schemenhaft. Ich weiss aber noch ganz genau, wie ich dort in einen eisigen, dunklen Keller gesperrt wurde und furchtbare Angst hatte. Andere Betroffene berichten von Prügelstrafen, Zwangsarbeit und Missbrauch. Ich beauftragte den Historiker Thomas Huonker damit, die Geschichte der Heim- und Verdingkinder aufzuarbeiten und machte das Heim in Mümliswil zu ­einer Gedenkstätte. 

Das gab Ihnen vermutlich ein besseres Gefühl, als das Gebäude einfach abzufackeln.
Es war erlösend, ja. Als ich mit all den Betroffenen sprach und verstand, wie sie sich fühlten, hörte ich auch in mich selbst hinein. Ich nahm den Schatten wahr, der auf meiner Seele liegt, die tiefen Verletzungen, die mich geprägt haben. Indem ich mich für andere Betroffene stark machte, stärkte ich auch mich selbst. Ich konnte mehr aus mir herauskommen und meine Gefühle ausdrücken.

Ihr nächster Schritt war die «Wiedergutmachungsinitiative», mit der Sie den Bund unter Zugzwang setzten, die Verdingkinder und Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen finanziell zu entschädigen. Das Parlament präsentierte schliesslich einen Gegenvorschlag, worauf Sie die Initiative zurückziehen konnten. Wie hart war dieser Kampf?
Am Anfang war es sehr herausfordernd. Es gab auch kritische Stimmen und Widerstand von den Gegnern des Anliegens. Viele wollten lieber den Mantel des Schweigens über dieses Kapitel der schweizerischen Sozialpolitik breiten. Doch offenbar habe ich etwas Integratives ­an mir. Ich konnte mit allen diskutieren, mit den Linken und den Rechten, den Bauern und den Bischöfen. Meine Aufgabe war es, die Tragweite des Leids aufzuzeigen. Das ist mir auch gelungen. Schlimm war, dass ich gleichzeitig mit zwei massiven privaten Krisen klarkommen musste.

Guido Fluri
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Was ist passiert?
Meine erste Frau verliess mich, was eine absolute Katastrophe für mich war, denn meine Kinder sollten auf gar keinen Fall Instabilität erleben, so wie ich. Gleichzeitig wurde bei mir ein gutartiger Hirntumor diagnostiziert, der eigentlich sofort operiert werden musste. Aber das ging nicht, denn ich trug ja den Rucksack der Volksinitiative, und das Ziel war in unmittelbarer Reichweite. Alles hing von meiner Person ab. Ich litt unter heftigem Schwindel. Kurz vor dem Nationalratsentscheid torkelte ich nur noch durch die Wandelhalle. Als ich den komplizierten Eingriff dann schliesslich doch machen liess, hatte ich anfangs eine Gesichtslähmung. Es war furchtbar.

«Ich fühlte mich wie in Trance. Es war eine der schwierigsten Phasen meines Lebens.»

Hatten Sie einen Zusammenbruch?
Nein, aber ich fühlte mich wie in Trance. Es war eine der schwierigsten Phasen meines Lebens.

War die Scheidung für Ihre drei ­Kinder tatsächlich so schrecklich, wie Sie befürchtet hatten?
Erfreulicherweise geht es uns heute allen gut. Die Kinder sind inzwischen junge Erwachsene. Sie verbringen viel Zeit mit ihrer Mutter und mir und haben zu uns beiden ein gutes Verhältnis. Ich habe sogar noch einmal geheiratet, was ich niemals für möglich gehalten hätte.

Welche Werte möchten Sie Ihren Kindern mitgeben?
Wichtig ist mir, dass sie zu sich selbst finden können und ihren Weg machen, ohne die Erwartungen anderer erfüllen zu müssen. Bei grossen Entscheidungen frage ich sie immer: Bist du dir sicher? Stimmt das auch wirklich für dich? Ich versuche, sie in ihrer eigenen Identität zu stärken. Auf keinen Fall möchte ich ihnen paternalistisch meinen Stempel aufdrücken.

Sind Sie der Vater geworden, der Sie gerne sein wollten?
Um ehrlich zu sein, habe ich es mir weniger anspruchsvoll vorgestellt. Kindererziehung ist in unserer reizüberfluteten Gesellschaft eine absolute Herausforderung. Wie bringt man Jugendlichen bei, zu hinterfragen, was Ihnen auf Social Media vorgesetzt wird? Es ist schwer, der geballten Macht der Tech-Plattformen etwas entgegenzusetzen.

Genau dies haben Sie nun aber vor. Zurzeit sammeln Sie Unterschriften für die «Internet-Initiative», mit der Sie Konzerne wie Google, Meta, Tiktok oder X in die Pflicht nehmen wollen. Was möchten Sie erreichen?
Stellen Sie sich vor, eine grosse Schweizer Tageszeitung würde kinderpornografische Inhalte verbreiten oder betrügerische Werbung publizieren, mit der Senioren Geld aus der Tasche gezogen werden soll. So etwas wäre undenkbar, die Zeitung müsste vor Gericht dafür geradestehen. Die Tech-Konzerne hingegen verdienen im Internet Milliarden damit, ohne dass ihnen jemand auf die Finger schaut. Es sind weltweit zig Millionen pädokriminelle Bilder im Umlauf. Hinter jedem dieser Fotos steht der Missbrauch eines Kindes. Desinformationskampagnen unterwandern den demokratischen Meinungsbildungsprozess. Täglich, stündlich, minütlich geschehen Straftaten, bei denen Menschen zu Schaden kommen. Und wir akzeptieren das einfach? Ohne zu kämpfen?

Welche Lösung schlagen Sie vor?
Ich möchte mit meiner Initiative erreichen, dass die Tech-Konzerne verpflichtet werden, gegen die Verbreitung illegaler Inhalte vorzugehen. Bisher kann man gegen solche Inhalte kaum etwas unternehmen. Wenn man bei einer Tech-Plattform ein Gewaltvideo meldet, bekommt man vielleicht gar keine Antwort und es geschieht nichts. Das ist inakzeptabel. Die Initiative verlangt, dass digitale Plattformen, Social Media und KI alle Meldungen prüfen, konkrete Gegenmassnahmen einleiten und Bericht erstatten müssen. 

Sie haben sich mit mächtigen ­Gegnern angelegt. Donald Trump lässt regelmässig verlauten, dass er es nicht akzeptieren wird, wenn andere Länder den US-Tech-Firmen Regulierungen auferlegen.
Das mag sein. Doch ist das ein Grund, zu kapitulieren? Ich finde nicht. Es geht um unsere Grundwerte, um den Schutz unserer Bürgerinnen und Bürger. Im Initiativkomitee sind ­Politikerinnen und Politiker aller Parteien versammelt. Gemeinsam können wir es schaffen.

© Mirjam Kluka

Wofür sich die Guido-Fluri-Stiftung engagiert

  • Rund einen Drittel des Gewinns seiner Holding investiert der sechzigjährige Guido Fluri in seine Stiftung, die sich gegen Gewalt an Kindern, für die Betroffenen des gutartigen Hirntumors Akustikusneurinom und für Angehörige von Menschen mit Schizophrenie einsetzt.
  • Mit der «Wiedergutmachungsinitiative» erreichte Fluri 2016, dass der Bund das Leid von ehemaligen Verdingkindern und Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen anerkennt, wissenschaftlich aufarbeitet und schwer betroffene Opfer finanziell entschädigen muss.
  • 2017 initiierte er die Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz (Kescha), an die sich Personen wenden können, die mit der Kesb in Konflikt stehen.
  • Mit der «Justice Initiative» setzt er sich seit 2021 in ganz Europa für die Aufarbeitung von Missbrauch an Kindern in staatlichen oder kirchlichen Institutionen ein.
  • Nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs charterte er zwei Flugzeuge und brachte 200 vulnerable Frauen und Kinder in die Schweiz, wo sie im früheren Kinderheim Mümliswil unterkamen.
  • Am 3. März 2026 lancierte Fluri die «Internet-Initiative», mit der er gegen illegale Inhalte im Netz vorgehen will. Auf internet-initiative.ch findet man alle Infos und kann Unterschriftenbögen bestellen.
  • Mehr Infos zu Guido Fluris Person und Engagement auf guidofluri.ch
Beitrag vom 16.09.2026