© Sonja Ruckstuhl

«Ich bin kein Weichei»

Was für eine Lebensgeschichte! Hinter Bea Petri (64) liegen drei gescheiterte Ehen und eine erfolgreiche Karriere als Unternehmerin und Maskenbildnerin. Ein Gespräch über Höhen und Abgründe – und über die Last des Alters.

Text: Roland Grüter, Fotos: Sonja Ruckstuhl

Schauspiellegende Mae West bilanzierte einst: Altwerden ist nichts für Feiglinge. Pflichten Sie ihr bei?
Was für ein kluger Satz! Jeder einzelne Buchstabe davon stimmt – Altwerden fordert uns alles ab.

Inwiefern?
Das fängt mit Äusserlichkeiten an, betrifft aber letztlich alle wichtigen Lebensfragen. Plötzlich werden wir mit Themen konfrontiert, die uns in jungen Jahren fremd waren oder die wir möglichst ausgeblendet haben: Krankheiten, der Tod, die eigene Endlichkeit. Erst eben habe ich meine beste Freundin an Krebs verloren, die ich auf ihrem Leidensweg eng begleitet habe. Das macht keine gute Laune – und bringt einen gehörig ins Grübeln.

Bleiben wir erst bei Äusserlichkeiten – die Spuren des Alterns sind in der Welt der Kosmetik verpönt.
Stimmt. Die Behauptungen und Versprechen der Industrie sind total verlogen. Keine Crème kann das Alter stoppen, auch wenn sie 800 Franken kostet. Viele Frauen glauben trotzdem an solche Lösungen, denn kaum eine nimmt den Blick in den Spiegel locker. Fast alle bekunden Mühe damit, was das Alter mit ihrem Körper anstellt. Das gilt auch für mich.

Sie gingen deshalb zum Schönheitschirurgen, liessen an sich herumschnipseln.
Eine Jugendsünde (lacht)! Ich liess mir mit 45 im Gesicht die Falten füllen – leider ging einiges schief, ich reagierte auf die verabreichten Substanzen allergisch. Danach bin ich 2020sofort davon abgekommen. Zwar finde ich meinen Schlabberhals und andere Zeichen der Zeit noch immer nicht schön, stehe aber dazu.

Bea Petri im Interview mit der Zeitlupe. Im Hintergrund ein türkiser Schrank.
© Sonja Ruckstuhl

Welche Fragen des Alters treiben Sie sonst um?
Nach dem Tod meiner Freundin fragte ich mich: Wie viel Zeit bleibt dir noch? Wie lange bleibst du gesund? Ich bin zwar eine lebensfrohe Frau: Das laute Ticken der Uhr machte mir aber urplötzlich grosse Angst.

Können Sie dem Alter nichts Positives abgewinnen?
Schwierige Frage. Ich muss mich damit abfinden, schön finde ich das Alter noch immer nicht. Ich bin aber daran, mich besser darauf einzustellen. Dieser Prozess dauert nunmehr drei Jahre – und wird mich auch in Zukunft umtreiben.

«Ich finde das Alter immer noch nicht schön»

Was mussten Sie ein- respektive umordnen?
Ich musste mich vor allem von meiner Vergangenheit verabschieden. Diese war rundum erfüllend, ich arbeitete jahrzehntelang als Maskenbildnerin und Unternehmerin, hatte jeden Tag mit spannenden Menschen zu tun. Vor drei Jahren zog ich mich aus dem Berufsleben zurück, verkaufte den Betrieb an meine beiden Töchter und meinen Schwiegersohn – und fiel danach in ein tiefes Loch, in eine Depression.

Oje!
Das können Sie laut sagen. Ich war von den Fragen überfordert, die der plötzliche Ruhestand an mich stellte: Was soll ich mit den verbleibenden Jahren anfangen? Enkel hüten, spazieren gehen, Museen besuchen? Das alles ist zwar schön, es sind aber keine sinnbildenden Lebensaufgaben. Diese Bilanz ziehe übrigens nicht ich alleine: Anderen ergeht es ebenso, nur schweigen sich die meisten darüber aus. Oder sie reden das Alter schön, damit sie es besser aushalten.

Reden wir das Thema tatsächlich schön?
Ja, absolut. Das Bild der vitalen Alten, die vor den besten Jahren des Lebens stehen und glücklich die Welt erobern, sind zum gängigen Massstab geworden, beispielsweise in der Werbung. Was aber, wenn man mit 70 allein zu Hause auf dem Sofa sitzt? Dann sieht das Leben weniger rosig aus.

Für manche bringt die Pensionierung aber durchaus Freiheiten, Dinge zu tun, die vorher zu kurz kamen.
Für jene, die auf dem Bau oder anderswo malochen mussten, mag das stimmen. Ich kenne aber viele, die mit beiden Beinen glücklich im Berufsleben standen und sich mit der Pensionierung ähnlich schwertun. Erzähle ich diesen von meiner Krise, beginnt die Fassade schnell zu bröckeln: Plötzlich ist nicht mehr alles so glückselig, wie es nach aussen scheint. Auch andere haben wenig Ahnung, was sie mit dem Finale des Lebens anfangen sollen. Und kaum jemand wagt es, offen darüber zu reden.

Warum haben Sie das Gefühl, dass das so ist?
Weil wir gegenüber dem Schicksal nicht undankbar erscheinen wollen. Denn es ist per se ein Privileg, alt zu werden. Und ein doppeltes, falls wir dabei gesund bleiben.

Bea Petri im Interview mit der Zeitlupe
© Sonja Ruckstuhl

Ihre Gedanken überraschen. Die Öffentlichkeit kennt Bea Petri als Strahlefrau, als Lebensoptimistin …
… und als Schminklieschen, die einzig über Lidschatten und Lippenstifte nachdenkt. Dieses Klischee begleitet mich schon ewig. Dabei geht vergessen, dass ich ein Unternehmen mit sieben Filialen und 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufgebaut und parallel dazu zwei Kinder grossgezogen habe. Für all das braucht es Grips, einen starken Willen und harte Arbeit. Das wurde mir erst vor ein paar Jahren zugesprochen.
2012 wurde ich zur Schweizer Unternehmerin des Jahres gewählt. Eine späte Anerkennung.

Für das Klischee der sorglosen Beauty-Fee sind Sie ein gutes Stück selber verantwortlich.
Ja und nein. Ich war zwar die Erste, die in der Schweiz am Fernsehen und im Radio Schminktipps gegeben hat. Die Menschen lernten mich als Beauty-Expertin kennen. Das heisst aber noch lange nicht, dass ich dumm und oberflächlich bin. In diese Kiste packten mich andere, nicht ich.

Hat Sie das stark gekränkt?
Ich habe gelernt, damit zu leben, war aber immer wieder von Neuem erstaunt. Immerhin hatte ich 2003 in Zürich erfolgreich meine Schminkbar lanciert. Darin sollten Frauen ein paar schöne Stunden erleben dürfen: in hübscher Umgebung, mit gutem Essen, Pedicure, Manicure und anderen Verwöhnprogrammen. Mittlerweile besitzen wir Filialen in vier Schweizer Städten. Parallel dazu arbeitete ich als Maskenbildnerin fürs Fernsehen und für Filmproduktionen.

… und haben sich zeit Ihres Lebens um andere gekümmert.
Das habe ich ausgesprochen gerne gemacht. Diese Gabe ist Teil meines beruflichen Erfolges.

Inwiefern?
Maskenbildner bekommen die ungeschminkte Wahrheit hautnah zu sehen. Niemand kommt den Menschen im Fernsehstudio oder auf dem Filmset näher. Ich war bekannt dafür, selbst mit schwierigen Charakteren gut umgehen zu können.

Beispielsweise mit Harald Juhnke und Mathias Gnädinger. Beide Schauspieler waren Querköpfe und persönliche Freunde von Ihnen.
Harald war alkoholkrank und sehr schüchtern. Wir hatten einen guten Draht zueinander. Sein Management holte mich regelmässig, sobald er für einen Film gebucht wurde. Mathias wiederum war ein ganz naher Freund.

Sie kamen per Zufall zur Maskenbildnerei: Ursprünglich hatten Sie Apothekerhelferin gelernt.
Genau genommen war es die Liebe, die mich dazu brachte. Ich war jung und verheiratet, die Kinder waren bereits da – dann verliebte ich mich Hals über Kopf in einen Künstler. Mein erster Mann stellte mich vor die Türe. Urplötzlich stand ich ohne Wohnung, Geld und Job da. Also musste ich mir etwas einfallen lassen und kam dabei ins Studio des Schweizer Fernsehens im Bundeshaus. Ein Glücksfall.

«Was ich mache, mache ich richtig. Ich kann zupacken»

Er war nicht der einzige in Ihrem Leben.
Glück und Zufälle haben mir tatsächlich mehrere Türen geöffnet. Danach aber nehme ich die Zügel selber in die Hand. Was ich mache, mache ich richtig: mit Fleiss, Zuverlässigkeit und Leidenschaft. Ich kann zupacken. Ein Weichei bin ich nicht.

Sie blieben von 1984 bis 2008 im Fernsehstudio Bern und lernten dort viele Stars und Politiker kennen. Unter anderem ermunterten Sie Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss dazu, Lippenstift zu tragen. Wie kam es dazu?
Nach ihrer Wahl zur Bundesrätin sollte sie im Bundeshaus vor die Kameras der Fotografen treten. Ich musste sie für das Blitzgewitter herrichten, sie wollte aber nicht viel mit sich machen lassen. Frau Dreifuss trug vorher kein Make-up. Ich versprach ihr, dass sie auf den Bildern mit dezentem Lippenstift besser aussieht. Also liess sie mich welchen auftragen – und hatte im Nachhinein grosse Freude an ihrem Auftritt.

Sie waren 61, als Sie Ihren Betrieb verkauften. Weshalb so früh?
Kompliziert. Meine beiden Töchter arbeiten schon seit Ewigkeiten in meinem Betrieb – das führt logischerweise zu Reibungen. Ewig diese Bea Petri, in den Medien, bei meinen Angestellten, überall! Irgendwann hatte eine meiner Töchter die Nase von der Übermutter gestrichen voll. Verständlicherweise. Also war die Zeit reif, meinen Platz zu räumen. Nach dem Verkauf des Betriebs zog ich mich komplett aus dem Tagesgeschäft zurück. Und sass sozusagen über Nacht zu Hause. Obwohl ich glücklich verheiratet bin, mir keine finanziellen Sorgen machen musste und mir dadurch viele Welten offenstanden, kam der Absturz.

Geht es Ihnen nun wieder besser?
Ja, zum Glück! Ich trauere der Vergangenheit nicht länger hinterher, schaue wieder mit Zuversicht nach vorn, bin voller Energie und Freude.

Was hat geholfen?
Der zeitliche Abstand, eine Psychotherapie und Antidepressiva. Ausserdem kamen neue Aufgaben dazu, die schenkten mir neue Zuversicht. Vor allem mein Projekt in Afrika gibt mir Kraft – und neuen Lebenssinn.

Darin bilden Sie in einem der ärmsten Länder Afrikas, in Burkina Faso, unter anderem Frauen zu Maskenbildnerinnen aus.
Genau. Auch hier war der Zufall am Werk. Ich wurde 2008 von einer Hilfsorganisation angefragt, ob ich nicht in die Hauptstadt des Landes reisen und dort ein Dutzend Frauen unterrichten wolle. Dazu muss man wissen: Afrika beherbergt nach Hollywood die weltweit zweitgrösste Filmindustrie und Ouagadougou ist ein wichtiges Zentrum. Vorher wurden Maskenbildner aus Europa nach Afrika eingeflogen, nun können unsere Frauen die Lücke füllen. Also ging ich hin, ohne mir Gedanken zu machen, was mich in Ouagadougou erwartet. Ich sollte die Frauen zu Kosmetikerinnen und Masken bildnerinnen ausbilden, sah aber schon am dritten Tag, dass ich mit einem kurzen Einsatz nichts ausrichten kann. Die Räume der Schule waren schäbig, es fehlte an Material.

Was machten Sie?
Ich machte Nägel mit Köpfen, schloss mich mit Schulleiterin Safi zusammen, mietete neue Lokalitäten und stellte die Schule auf neue Pfeiler. Mittlerweile bilden wir Jahr für Jahr über 200 Frauen aus, geben ihnen
in der Schule «Nas Mode» eine Unterkunft, Essen und eine Zukunft.
80 Prozent der Frauen gelingt der Schritt in die Selbstständigkeit.

Weshalb bilden Sie Afrikanerinnen ausgerechnet zu Schneiderinnen, Kosmetikerinnen, Coiffeusen und Maskenbildnerinnen aus?
Es gibt für sie in diesen Berufen jede Menge Arbeit. Darüber hinaus klären wir die Frauen an unserer Schule auf, lassen sie gynäkologisch untersuchen. Sie lernen schreiben und lesen – und gehen später hinaus in die Städte und Dörfer, wo sie Schneiderateliers eröffnen, Coiffeursalons betreiben oder sich auch um Menschen mit verletzten oder missgebildeten Füssen kümmern.

Was ist Ihre Hauptaufgabe?
Ich klebe Marken auf all die vielen Bettelbriefe … Im Ernst: Ich treibe für die Schule Geld auf, habe dafür eigens den Förderverein «Nas Mode» gegründet. Darüber hinaus reise ich drei, vier Mal ins Land, um meine Freundin Safi vor Ort zu unterstützen und neue Projekte in Angriff zu nehmen.

Was steht aktuell an?
In den Steinbrüchen von Ouagadougou arbeiten viele Frauen unter schlimmsten Bedingungen. Die Arbeit ist hart und gefährlich. Viele davon sind Analphabetinnen. Ein paar davon holen wir zu uns an die Schule und geben ihnen damit eine neue Zukunft. Für solche Menschen schlägt mein Herz. Für sie trommle ich Spenden zusammen – so lange ich kann. Nun habe ich wieder Kraft dazu. ❋

© Sonja Ruckstuhl

Ein Leben im Unruhestand

Im Jahr 2003 eröffnete Bea Petri (64) in Zürich die erste Schminkbar, mittlerweile ist das Unternehmen in vier Schweizer Städten vertreten. Parallel dazu arbeitete sie bis 2014 als Maskenbildnerin für Film und Fernsehen, war unter anderem für die Stars der TV-Serie Lüthi und Blanc verantwortlich und puderte die Nasen vieler Bundesrätinnen und Bundesräte matt. Bea Petri ist Mutter von zwei Töchtern und dreifache Grossmutter. Sie lebt mit ihrem vierten Ehemann, dem ehemaligen Schaffhauser Stadtpräsidenten Thomas «Thomi» Feurer, in Steckborn TG am Bodensee und in Ennetbühl im Toggenburg, wo sie sich um ihr neues Geschäft für Einrichtungen und schöne Objekte kümmert.