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«Ashes to ashes» von David Bowie Songs und ihre Geschichten

Er gehörte zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Sängern der Popgeschichte – und zu den wandelbarsten. David Bowie hat sich immer wieder neu erfunden.

Von Urs Musfeld

Er hat sich selbst zu einer Kunstfigur stilisiert. Bowie wollte, dass seine Songs «dreidimensional» wirken, dass sie einen «Körper» haben. So entwickelte er keine über Jahre konstante Bühnenfigur, sondern er betrat mit jeder Tour, jedem Album ein neues Stück.

Trotz seiner vielen Rollenwechsel ist er erkennbar und immer er selbst geblieben. Bowie hat der Popwelt nicht nur mit Kunstfiguren seinen Stempel aufgedrückt, er hat auch alle möglichen musikalischen Genres ausgelotet und geprägt. Er las auf, was er sah, und verschmolz es zu etwas Eigenem. Mit Hits wie «Space oddity», «Life on Mars», «Ziggy stardust», «Heroes» oder «Let’s dance» wurde er zum Weltstar.

Widersprüchliches Lebensgefühl

Die Single «Space oddity» erschien am 11. Juli 1969, zehn Tage vor der ersten Mondlandung. Inspiriert von Stanley Kubricks Astronauten-Epos «2001: A Space Odyssee», goss Bowie das widersprüchliche Lebensgefühl Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre in dieses eine Lied.

Einerseits der grenzenlose Fortschrittsglaube, der dem Menschen die Eroberung noch so ferner Welten zutraute, andererseits die Skepsis und Melancholie, die sich dabei zwangsläufig einstellen: Je weiter sich der Mensch von der Erde entfernt, desto fremder wird er sich selbst.

«Here I’m floating round my tin can / Far above the moon / Planet earth is blue / And there is nothing I can do», («Ich schwebe hier um meine Blechbüchse/ hoch über dem Mond/ der Planet Erde ist traurig/ und ich kann nichts dagegen tun») hauchte Bowie und liess seinen Helden Major Tom in die unendlichen Weiten des Alls entgleiten.

Einmal in Umlauf gebracht, erlebt «Major Tom» einige Auferstehungen. 1980 nimmt David Bowie im Titel «Ashes to ashes» dessen Spur wieder auf. Der fiktive Raumfahrer kehrt zurück und nimmt wieder Kontakt zur Erde auf:

«I’m happy, hope you’re happy too
I’ve loved all I’ve needed, love
Sordid details following»

(«Ich bin glücklich und hoffe, ihr seid es auch
Ich habe alle geliebt, die ich lieben musste
Die schäbigen Einzelheiten folgen in Kürze»)

Der Text des Liedes suggeriert, dass Major Tomaus «Space Oddity» heroinsüchtig war und sich im Drogenrausch im Weltraum wähnte.

«Ain’t got no money and I ain’t got no hair
But I’m hoping to kick but the planet it’s glowing»

(«Ich habe kein Geld und auch keine Haare
Doch ich hoffe, von den Drogen los zu kommen
Aber der Planet glüht»)

«Ashes to ashes, funk to funky
We know Major Tom’s a junkie
Strung out in heaven’s high
Hitting an all-time low»)

(«Asche zu Asche, Mordsangst zu Feigheit
Wir wissen alle, daß Major Tom ein Junkie ist
Zugedröhnt hoch oben im Himmel
Auf dem Weg zu einem absoluten Tiefpunkt»)

Zwar erfahren wir nun, dass der abgehobene Major Tom ein Junkie ist, wissen aber nicht, ob Bowie ihn wirklich entmystifiziert hat. Der Song bleibt gleichermassen verräterisch wie geheimnisvoll.

Spezielle Art von Kindergeschichte

Die Melodie zu «Ashes to ashes» wurde beeinflusst vom Lied «Inchworm» von Danny Kay aus dem Film «Hans Christian Andersen» aus dem Jahr 1952: «Sie ist kindlich und melancholisch in dieser speziellen Art von Kindergeschichte», erklärte Bowie in einem Interview. «Ashes to ashes» erreichte nach «Space oddity» zum zweiten Mal Platz Nummer eins in den englischen Charts.

Bemerkendwert bis heute ist auch die für die damalige Zeit aufwendige Gestaltung des Videos, das Bowies Wandlungsfähigkeit aufgreift. Diesmal schlüpft er ins Kostüm eines Pierrot.

Der Song und das dazugehörende Album «Scary Monsters» sind eine Bilanz der 1970er-Jahre. Bowie selbst sagte: «Es war für mich eine Art innere Reinigung. Ich bin damit Gefühle losgeworden, die mir Unbehagen bereiteten». Welche Gefühle verrät er nicht. Sind es die Monster der eigenen Vergangenheit, die ihn bewegen?

Das Album bedeutete den Übergang in den Mainstream-Pop der Achtziger. Es folgten Hits wie «Let`s dance» und «China girl».

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias Musi

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.  Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/