
«Das unendliche Jetzt»
Der Dokumentarfilm versucht, Demenz nicht nur als Krankheit, sondern auch als Zustand greifbar zu machen. Daraus entstand ein Werk, das so fasziniert wie es verwirrt.
Text: Maximilian Jacobi
Es ist ein Film, der keiner ist. Eigentlich handelt es sich um Improtheater, ein Kunstprojekt, das nur gefilmt wurde, um festzuhalten, was entstand, als vier Menschen mit Demenz aufeinandertrafen. Zwar beginnt «Das unendliche Jetzt» mit dem Hinweis, dass alle Szenen improvisiert sind. Doch das bereitet das Publikum nicht darauf vor, was in den anderthalb Stunden darauf folgt. Denn Regisseur Kaspar Kasics erzeugt in einer nächtlichen Fabrikhalle zwischen Sofas, Wandtafeln und Vintage-Lampen so surreale Szenen, dass die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit zerfasert.

Das gelingt dem Film, indem er viel offenlässt. Wie beispielsweise das Verhältnis zwischen dem jüngeren Mann und der dementen Christiane Meier, einer älteren Blondine mit französischem Akzent. Die beiden sitzen sich an einem Tisch gegenüber. Mutter und Sohn? Frage ich mich.
Meier klagt über ihr Pflegeheim: «Zu viele alte Leute» mit «Vorhängen vor den Augen». Sie leidet an Einsamkeit.
Der Mann hört nur zu. Ist er einfach ein Fremder?
«Alle drei Wochen Besuch von meinem Sohn ist zu wenig», sagt Meier.
Er habe nun mal viel zu tun, sagt der Mann. Verteidigt er sich selbst oder den abwesenden Sohn?
Der Dialog wird zum Streit, der Streit eskaliert.
«Ich bereue, dass ich dich gemacht habe», sagt Meier.
Der Mann schweigt fassungslos. Als er nach Meiers Händen greift, fängt sie an zu weinen. Das muss ihr Sohn sein, denke ich.
Der Mann (Juri Elmer) ist nicht ihr Sohn. Genau so wenig wie die junge Frau (Klara Rensing) die Tochter anderer Darsteller ist, die sie in verschiedenen Szenen spielt. Da vorab aber kaum etwas erklärt wird, verliere ich mich als Zuschauer oft in Ungewissheit, so dunkel und undurchdringlich wie das Schwarz vor den Fenstern der Fabrikhalle.

Aus diesem Schwarz tauchen Momente auf, die so unverstellt und echt wirken, dass sie funkeln. Zum Beispiel als sich die frühdemente Tatjana Bollhalder und der ehemalige Deutschlehrer Christian Sonderegger gegenüberstehen:
Er: «Wieso hast du denn nichts gesagt?!»
Sie wiegt den Kopf.
Er: «Wieso hast du nichts gesagt?»
Sie: «Du hast doch schon genug zu schaffen mit deinem.»
Er: «Dann sitzen wir jetzt im gleichen Boot.»
Sie: «Nein. Du sitzt in deinem. Und ich in meinem.»
Er wirkt getroffen, muss lachen. Sie lacht auch. Beide schüttelt es vor Lachen.
Er: «Gute Fahrt.»
Zwischen solchen Momenten überfordert der Film oft, verwirrt, weil ich immer wieder neu aufdröseln muss, was für eine Situation jetzt gerade entsteht. Das ist anstrengend. Und ein Grund, warum «Das unendliche Jetzt» wohl keinen Geldsegen in die Kinokassen spülen wird. Aber das ist auch nicht das primäre Ziel des Films.
«Demenz ist mehr als eine Krankheit. Sie ist eine andere Wahrnehmung der Welt», schreibt Kaspar Kasics im Presseheft zum Film. Der Regisseur gab den dementen Darstellenden immer neue Ausgangssituationen vor: Ein Ehestreit, ein Treffen in einer Bar, der Moment der Demenz-Diagnose, eine Tochter bringt eine Mutter ins Heim. Dann filmte er, wie sich Situationen und Dialoge verselbständigten. Für den Film wählte er die Momente, die irgendwie greifbar machen, wie diese «andere Wahrnehmung der Welt» aussieht.
Entstanden ist ein Film, der Demenz nicht nur inhaltlich behandelt, sondern die Krankheit als Zustand abbildet. Es gibt keine Erklärungen, keine Erinnerung an ein Davor, auf der eine Handlung aufbaut, an der man sich orientieren kann. Es gibt keine Schlussfolgerungen, die das Gesehene einordnen. Der Film besteht nur aus Momenten. Sie kommen aus dem Dunkel und verschwinden im Dunkel. Ein unendliches Jetzt.
«Das unendliche Jetzt», Schweiz 2026, 98 Minuten, ab 1. Oktober im Kino