Eine Therapie, die wirkt und erst noch Spass macht – das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Bei Pingpong und Parkinson stimmts. Wer regelmässig mit Ball und Schläger trainiert, kann den Krankheitsverlauf verlangsamen. Und geniesst gute Stimmung unter Gleichgesinnten.
Text: Annegret Honegger Fotos: Pia Neuenschwander
Auf 18 Tischen flitzen die Pingpongbälle hin und her. Es wird geschnitten und geschmettert, gelacht, geflucht und gekämpft. Wie bei jedem Tischtennis-Trainingsweekend. Nur wer genau hinschaut, sieht Hände zittern oder zögerliche Schrittchen beim Gehen. Aber: Sobald eine Spielerin oder ein Spieler zum Schläger greift, verschwinden diese Symptome und ein rasanter Match beginnt.
An den Tischen in der altehrwürdigen Dreifachturnhalle in Magglingen steht auch ein ungebetener Mitspieler: der «Parki». So nennen Parkinson-Betroffene ihre Krankheit. Dabei sterben Nervenzellen im Gehirn, die über den Botenstoff Dopamin die Bewegungen steuern. Zittern, verlangsamte Motorik und steife Muskeln sind die häufigsten von vielen Symptomen, die den Körper wie auch die Psyche betreffen.
An Tischtennis als Therapie denkt man da vielleicht nicht. Doch genau diese Sportart wirkt – neben Medikamenten und anderen Behandlungen – kleine Wunder. «Ich zittere, bis ich spiele. Dann hört es auf», erzählt etwa Markus Jenal. Der 68-Jährige ist Vorstandsmitglied von PingPongParkinson Schweiz (PPPS) und organisiert das Trainingsweekend.
Pingpong passt perfekt, weil sich reflexartige Bewegungen im Gehirn trotz der Krankheit abrufen lassen. Zudem hilft die Fixierung auf den kleinen Ball, das Zittern während des Spiels zu verringern. Wer regelmässig trainiert, verbessert so Bewegungsabläufe, Gleichgewicht und Koordination und verlangsamt den Krankheitsverlauf.
«PingPongParkinson ist aber mehr als ein Sport», betont Eugen Merz, Tischtennistrainer und Vereinspräsident von PPPS: «Wir sind eine Gemeinschaft, in der Betroffene Verständnis, Unterstützung und Lebensfreude finden.» Denn viele ziehen sich nach der Diagnose zurück. Weil sie sich schämen und befürchten, in der Öffentlichkeit aufzufallen. «Mitmachen können alle», betont Präsident Merz, «Vorkenntnisse oder Alter spielen keine Rolle.» Selbst für die Weltmeisterschaft, die jedes Jahr stattfindet, müsse man sich nicht qualifizieren: Wer Lust hat, meldet sich an.
Spielerinnen und Spieler schätzen beides: den Sport und die Solidarität. Heidi (65) etwa lernt übers Tischtennis neue Leute und Orte kennen: «Schon nach wenigen Monaten Training fuhr ich mit an die Weltmeisterschaft nach Slowenien – ein tolles Erlebnis.» Heinz (77), dessen Beine wegen der Krankheit zittern, trainiert sogar mit einem Schweizer Tischtennismeister und hat sich daheim einen Trainingsroboter angeschafft: «Da ich pensioniert bin, kann ich mich voll aufs Training und meine Therapien konzentrieren.»
Dass die Diagnose auch Jüngere trifft, ist weniger bekannt. «Parkinson kannte ich nur von Witzen», erzählt Karin (55), bei der die Krankheit mit vierzig begann. Als Wandern und Klettern immer anstrengender wurden, schrieb sie dies zuerst fehlender Kondition oder einem Vitaminmangel zu. Die Diagnose stellte das Leben der zweifachen Mutter und Coiffeuse mit eigenem Geschäft auf den Kopf. Sie entdeckte Pingpong und pflegt auch ihre bisherigen Hobbys weiter: «Ich lernte, nur mit den Armen zu schwimmen und tauche nun mit einem Scooter – wie James Bond. Nur fürs Salsa-Tanzen suche ich noch eine Lösung.»
Silvia (53), seit 15 Jahren betroffen, gründete mit move4ypd eine «etwas andere Selbsthilfegruppe», in der man zusammen Töfffahren, Gleitschirmfliegen oder Bogenschiessen geht. «Wir sind wie eine grosse Familie», sagt sie. Gemeinsam unterwegs, müsse sich niemand rechtfertigen, wenn er den «Zitteri» oder Mühe mit dem Gehen habe. Ganz nach dem Motto der Gruppe: Nicht warten, bis das Unwetter vorüberzieht, sondern lernen, im Regen zu tanzen.
Bei den Tischtennis-Treffen wie in Magglingen könne man unbeschwert sein und den «Parki» auch einfach mal vergessen, sagt Organisator Markus Jenal. Man tausche sich aus und gebe einander Tipps, pingpongtechnisch wie auch zur Krankheit. Wie machst du das mit den Medikamenten? Hat dir eine Operation geholfen? Welche Ärztin ist gut, welche Therapie wirkt?
Gewinnen nach Punkten ist bei PingPongParkinson somit fast ein bisschen Nebensache. Viel wichtiger ist, dass der Sport und die Gemeinschaft helfen, mit der Krankheit umzugehen. Mit der ständigen Ungewissheit, wie es weitergeht. Mit den Verlusten, die es immer wieder zu verkraften gilt. Eine Teilnehmerin sagt: «Pingpong kann den ‹Parki› zwar nicht heilen, aber es macht das Leben ein bisschen leichter.»
PingPongParkinson ist eine weltweite Bewegung, die jedes Jahr eine Weltmeisterschaft austrägt. 2027 findet diese in Magglingen statt. Spezialregeln gibt es nur wenige: So darf man etwa aus der Hand anschlagen, Sturzgefährdete können sich auf den Tisch stützen und medizinische «Timeouts» sind bis zu 20 Minuten möglich. In der Schweiz werden in verschiedenen Regionen und Clubs Tischtennis-Trainings für Parkinson-Betroffene angeboten. Informationen: info@pingpongparkinson.ch, pingpongparkinson.ch
15 000 «Parkis» in der Schweiz
Verlangsamte Bewegungen, Muskelsteifheit und Zittern sind die häufigsten Parkinson-Symptome. Die Krankheit kann aber auch Mimik, Gestik, Sprache, Blutdruck, Verdauung, Geruchssinn oder das Gedächtnis betreffen sowie zu Schlafstörungen oder Depressionen führen.
Parkinson-Medikamente gleichen den Mangel des Botenstoffs Dopamin im Gehirn aus, der durch das Absterben von Nervenzellen entsteht. Auch Hirnoperationen, viel Bewegung und weitere Therapien können helfen. Eine Heilung gibt es bislang nicht.
Parkinson Schweiz berät, begleitet und unterstützt: www.parkinson.ch, Telefon 043 277 20 77. Am kostenlosen «Parkinfon» 0800 80 30 20 beantworten Neurolog:innen jeweils mittwochs von 17 bis 19 Uhr Fragen.
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