
Michael Hermann: «Ich wollte keinesfalls werden wie mein Vater»
Mit den Umfragen seines Instituts Sotomo prägt Michael Hermann seit vielen Jahren Debatten in der Schweiz. Politologe wurde er auch, um mit einer Familientradition zu brechen. Ein Gespräch über Zahnspangen, Besserwisserei und eine Dorf-Drogerie.
Interview: Maximilian Jacobi, Fotos: Christian Senti

Michael Hermann, tragen Sie schon lange Zahnspange?
Seit einem Jahr.
Warum erst jetzt, mit 54 Jahren?
Ich hatte schon als Teenager eine Spange. Das änderte aber nichts und den Zahnarzt konnte ich nicht wechseln – er war ein Freund der Familie. Gegen Ende des Studiums in Zürich nahm ich einen zweiten Anlauf. Den vorgeschlagenen Eingriff fand ich aber übertrieben und es war mir peinlich, als Erwachsener noch eine Spange zu tragen. Irgendwann dachte ich: wieso eigentlich? Meine Zahn- und Kieferstellung haben mich immer wieder gestört und anderes packt man ja auch an. Aber weil ich älter bin, fragt man mich: War das notwendig oder ist es Eitelkeit? Das würde man Kinder nie fragen, wenn sie ihre Zähne richten.
Eine Form von Altersdiskriminierung?
Ja, wobei sich das glücklicherweise ändert. Früher gestand man Älteren kieferorthopädische Eingriffe noch viel weniger zu.
Mit Ihrem Umfrageinstitut Sotomo erheben Sie das Generationenbarometer. Darin erforschen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Altersgruppen. Wer leidet heute stärker unter Diskriminierung: Alt oder Jung?
Diskriminierung ist als Wort vielleicht zu hart, insgesamt stehen aber die Jungen heute stärker unter Druck. Sie sind vermehrt von hohen Lebenshaltungskosten betroffen, während ältere Menschen, wie auch unsere Umfragen zeigen, finanziell oft sehr gut abgesichert sind. Ältere zahlen dank der langen Wohndauer häufig weniger fürs Wohnen, während Junge hohe Marktpreise zahlen müssen – sofern sie eine Wohnung finden. Viele der Älteren konnten in der zweiten Säule grosse Beträge ansparen und sind oft auch Erben. Sie profitieren zugleich davon, dass sie in höherem Alter noch fit und gesund sind, länger leben. Auch politisch dominieren die Älteren, weil sie langsam in der Überzahl sind. Und weil die Jungen weniger abstimmen – daran sind diese allerdings selbst schuld.
Die Jungen distanzieren sich mit Sprüchen wie «OK Boomer» und lachen über alte weisse Männer.
Ältere reagieren oft empfindlich auf Kritik. Vielleicht, weil es nicht zu ihrem Selbstbild passt. Viele von ihnen verstanden sich ihr Leben lang als fortschrittlich und offen. Schliesslich waren sie es, die sich Selbstverwirklichung und Individualität erkämpften, sich gegen rigide Moral und Spiessigkeit der Weltkriegs-Generation auflehnten.
«Die Bereiche, in denen ich alt bin, werden immer grösser.»
Menschen zwischen 60 und 80 wuchsen in einer historischen Boom-Phase auf. Heute spalten soziale Medien die Gesellschaft, künstliche Intelligenz bedroht Karrieren und über alldem schweben Kriege, Katastrophen, Klimawandel. Teilen Sie den Eindruck: Die Zukunft sah früher besser aus?
Zuerst: Aus Krisen und Technologien wie KI entstehen auch neue Möglichkeiten. Wir sollten uns nicht dem Pessimismus hingeben. Aber ja, die Boomer-Generation erlebte eine historische Steigerung von Möglichkeiten mit gesellschaftlichen Freiheiten, Wirtschaftswachstum, dem Internet, Smartphones. Ihr Leben war geprägt von immer neuen Möglichkeiten. Auch wenn wir immer noch in einer der besten Zeiten der Menschheitsgeschichte leben: Für die Jungen sieht es heute weniger rosig aus. Sie werden mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert und stehen im permanenten Vergleich, bei der Arbeit und auf sozialen Medien. Das Verständnis dafür fehlt manchmal.
Bei Sotomo arbeiten Sie auch mit Jüngeren zusammen. Wie alt ist die jüngste Person?
Unsere jüngste Mitarbeiterin ist 19 Jahre alt.
Wo geraten Sie mit Jüngeren aneinander?
Es gibt da keine bestimmten Themen, es sind mehr die Umgangsformen. Ich habe gemerkt, dass Schroffheit schlecht ankommt.
Sind Sie ein ruppiger Geschäftsführer?
Nur selten, eigentlich bin ich recht gutmütig und entspannt. Aber wenn wir viel Druck haben, verliere ich manchmal die Geduld und reagiere gereizt.

Es heisst, die Jungen heute seien so empfindlich. Sehen Sie das Klischee der Schneeflocken-Generation bestätigt?
Dieses Bild entsteht, glaube ich, weil die Gesellschaft heute viel mehr über psychische Belastung weiss und spricht. Und weil junge Menschen häufiger psychisch erkranken. Nicht, weil sie empfindlicher wären, sondern weil die sozialen Medien das Hirn überfordern. Indem wir uns ständig vergleichen, ständig unter Druck stehen, Aussergewöhnliches zu erleben oder zu leisten. Es ist wie bei Alkohol und Drogen: Wer jung konsumiert, schadet dem Hirn mehr, als wer es später tut. Hinzu kommt, dass Eltern ihren Kindern mehr Zeit schenken als früher, sich mehr um sie kümmern. Was schön ist. Dadurch werden Menschen aber eben auch sensibler. Und so sagen junge Erwachsene heute schneller, wenn es ihnen schlecht geht.
Und, sind Junge wirklich arbeitsfaul?
Ich verstehe dieses Klischee nicht. Gemäss unseren Umfragen sehen wir in allen Altersgruppen ein Bedürfnis nach Teilzeit. Alle machen sich dazu Gedanken. Kinder verbringen mehr Zeit mit ihren Eltern, erfahren dadurch mehr Aufmerksamkeit und erwarten später mehr vom Leben. Sie sind nicht faul. Sie wollen Sinn, nicht nur malochen. Als Unternehmer ist es mir auch lieber, jemand arbeitet 80 Prozent, dafür motiviert, als 100 Prozent und unmotiviert.
Mit welchen Vorurteilen hatten Sie zu Beginn Ihrer Karriere zu kämpfen?
Ich wirkte quirlig und jugendlich, als ich anfing, im Fernsehen aufzutreten. Damals war aber die Erwartung an Experten, dass sie kantig sind, männlich, mit tragender Stimme sprechen. Männer vom Typ Silberrücken. Ich hatte damals das Gefühl, das sei ein Nachteil für mich. Und ich empfand es als Diskriminierung, dass Ältere in guten Positionen sassen, auch wenn sie nicht so talentiert waren. Ich hatte den Eindruck, ich werde nicht reingelassen. Ich wollte alles sofort und dachte, ich muss viel mehr performen als die Älteren. Erst mit der Zeit merkte ich, dass es eine Altersfrage ist: Einfluss ist auch eine Nebenwirkung des Alters.
Seit 20 Jahren machen Sie im Fernsehen Wahlprognosen, ordnen Ergebnisse ein, sind gefragter Interview-Partner. Fühlen Sie sich alt?
Unsere Umfragen zeigen, dass Menschen sich selten als alt identifizieren. Alt, das sind die anderen. Es gibt immer noch die, die ein bisschen älter sind. Ich finde das verkehrt, ich versuche, ehrlicher zu sein. Natürlich fühle ich mich noch nicht steinalt. Aber in gewisser Weise bin ich eben doch alt. Alter ist aber keine Schwarz-Weiss-Frage. Ich kann etwas zwischen jung und alt sein. Und die Bereiche, in denen ich alt bin, werden immer grösser.
«Ich habe mir nie eine dicke Haut zugelegt.»
Weil der Körper altert, der Geist aber jung bleibt.
Ich habe das Gefühl, auch der Geist wird anders, er bleibt nicht einfach überall jung. Ich habe viele Erfahrungen gemacht, sehe Dinge mit anderen Augen. Auch wenn ich neugierig und offen bleibe: Ich bin doch anders. Gewisse Dinge schillern nicht mehr so, verlieren Farbe.
Zum Beispiel?
Erfolge konnten mich früher richtig flashen. Beispielsweise als der Atlas herauskam, in dem wir die Schweiz nach politischen Mentalitäten kartografierten. Oder als wir das Spinnenprofil lancierten, das Menschen auf smartvote.ch heute beim Wählen hilft. Mein erster Auftritt in der Arena. Das erste Mal im SRF-Club. Nach solchen Erfahrungen braucht es immer mehr für einen ähnlichen Kick. Das zeigt, dass man Kicks nicht hinterherjagen sollte. Wer das tut, kann nur verlieren. Denn das Interesse an einem selbst nimmt auch wieder ab.
Merken Sie, dass das Interesse an Ihnen nachlässt, weil Sie älter werden?
Vor ein paar Jahren hatte ich tatsächlich das Gefühl. Die Medien wollten plötzlich junge Frauen statt alter weisser Männer. Um 2019, in der Zeit der Grünen Welle und der Fridays-for-Future-Bewegung, drängte man auf Jugendlichkeit. Aber das hat sich wieder ausgependelt. Ich glaube, ich kann noch lang eine Rolle spielen, sofern ich agil bleibe und nicht zu einem alten Besserwisser werde.
Was verstehen Sie unter Besserwisser?
Damit meine ich Leute, meist Männer, die immer auf Sendung sind, nie auf Empfang. Wer nicht mehr neugierig ist, nicht mehr offen dafür, wie die Gesellschaft sich verändert. Wer immer dieselbe Platte auflegt.
Wie wollen Sie verhindern, so zu werden?
Ich glaube, die Gefahr besteht bei mir nicht. Aber vielleicht bin ich betriebsblind.
Ist nicht schon die Gewissheit, nie starrsinnig zu werden, ein erstes Zeichen von Starrsinn? Oder was macht Sie da so sicher?
Ich habe mir nie eine dicke Haut zugelegt. Wer in der öffentlichen Debatte mitmacht, wird angegriffen. Und Kritik macht weh, insbesondere, wenn sie berechtigt ist. Wirft mir jemand vor, Fehler zu machen, beschäftigt mich das. Ich wünsche oft, ich wäre da gelassener. Aber für meine Arbeit ist es wichtig, dass ich mich immer wieder hintersinne. Auch wenn es für meinen Schlaf nicht unbedingt gut ist.
«Ich hatte immer Angst, der Drogist schlummere noch in mir.»
Womit haben Sie sonst noch Schwierigkeiten?
Dass das Interesse an mir irgendwann abnehmen wird. Beruflich und in meiner öffentlichen Rolle. Damit muss ich umgehen lernen, um würdevoll meinen Weg zu gehen. Das finde ich anspruchsvoll und habe momentan keine Lust darauf.
Was geniessen Sie so daran, in der Öffentlichkeit zu stehen?
Bei Menschen mit ungewohnten Einschätzungen einen Aha-Effekt auszulösen, einer Debatte Argumente hinzuzufügen, die aufgenommen werden. Ich mag die Auftritte bei Referaten oder im Fernsehen, so wie Schauspieler die Bühne mögen: diese Momente, in denen Menschen zuhören und sich alles verdichtet. Und wenn mich Leute auf dem Land erkennen, mir zunicken oder etwas sagen, das finde ich nett.

Macht diese Bestätigung süchtig?
Durchaus.
Warum suchen Sie überhaupt nach ihr?
Mein Vater war ein Landdrogist in dritter Generation. Er wollte Elektriker werden, musste aber die Drogerie in Huttwil übernehmen. Er hatte Pläne, die er selten verwirklichte. Ich wollte keinesfalls so werden wie er. Dieser Antrieb, und mein Talent, Zusammenhänge greifbar zu machen, haben mich in diese Rolle gebracht. Und doch hatte ich auch immer Angst, der Drogist schlummere noch in mir.
Ihr Vater gehörte zur Weltkriegs-Generation, die noch in die Fussstapfen der Eltern trat. Sie hingegen gehören zu den Generationen der Nachkriegszeit. Wann waren die Gräben zwischen den Generationen tiefer: damals oder heute?
Damals waren sie tiefer, weil die Bedingungen so anders waren. Die eine Generation war von Krieg, Krisen und Umbrüchen geprägt. Die nachfolgenden Generationen wuchsen in Frieden und Wohlstand auf. Alt und Jung sahen die Welt ganz anders, weshalb sie heftig aufeinanderprallten. Später schrumpfte der Generationengraben, weil man ähnlich sozialisiert wurde. Erst jetzt, mit den Digital Natives, die mit sozialen Medien und Smartphones aufwuchsen, gibt es wieder mehr Konflikte.
War er heftig, der Zusammenprall Ihrer Weltsicht und der Ihres Vaters?
Nein, mein Vater hat mich unterstützt und machte nie Druck. Es war mehr so, dass ich ihn nicht verstand: Wieso performte er so wenig? Wieso machte er so wenig aus sich? Ich sah das Positive an seinem Leben nicht.
Erkennen Sie denn heute Positives an seinem Leben?
Dass er so eine Zufriedenheit hatte aufs hohe Alter. Er wurde letztes Jahr 90 Jahre alt, war stolz darauf. Er konnte gut mit dem Altwerden umgehen. Das bewundere ich. Er starb vor Kurzem. Fast bis am Ende bewahrte er sich ein gütiges Lächeln.
Was denken Sie: Hat Ihr Vater das gelernt, weil er sich dem Leben fügte, sich als Drogist zufriedengeben musste?
Ja, im Gegensatz zu mir. Ich hatte viel mehr Möglichkeiten als er. Aber ich brauche Abwechslung und Stimulation, sonst langweile ich mich. Das ist nicht nur gut. Wir bleiben zwar immer länger fit, aber irgendwann muss jeder lernen, mit Gleichförmigkeit und Leere umzugehen. Dann noch zuversichtlich zu bleiben, wenn man keine Perspektive mehr hat, das finde ich bewundernswert. Das Alter beschäftigt mich mehr als der Tod.
Was wurde aus der Drogerie Ihres Vaters?
Die führt heute ein Schulkollege meines Bruders.
Zur Person
- Michael Hermann, 54, studierte an der Uni Zürich, wo er mit einem Kollegen die Forschungsgruppe «Sozialtopologie und Modernisierung» (kurz Sotomo) gründete. Später führten sie diese als eigenes Unternehmen weiter.
- Sotomo führt Umfragen aller Art durch, unter anderem die SRG-Wahlumfragen. Als Kommentator schweizerischer Politik schreibt Hermann Kolumnen und Bücher. Seit dem Tod des Mitbegründers 2009 leitet er Sotomo allein.
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