
Die Pumpe, die auch Gefühle spürt
Unsere Ahnen glaubten, dass Gedanken und Gefühle im Herz entstehen. Dann entdeckte die Medizin das Organ als Pumpe, die den Blutkreislauf antreibt. In der modernen Psychokardiologie spielen die Gefühle wieder eine Rolle – aber anders, als man einst dachte.
Text: Alan Niederer
Kein anderes Organ ist im Alltag so präsent wie das Herz. In einem bekannten Ohrwurm singt Kuno Lauener von Züri West:
«I schänke dir mis Härz
Meh han i nid
Du chasch es ha, we de wosch
Es isch es guets
U es git no mängi, wos würd näh,
Aber dir würdis gäh»
In diesem Refrain steht viel von dem, wofür das Herz steht. Für Liebe. Aber auch für das Gute. Wer ein gutes Herz hat, der oder die ist ein guter Mensch. Wem das Herz gebrochen wird, der leidet unter Liebeskummer. Der Volksmund kennt viele solche Zuschreibungen an das Herz.
Ganz anders die Medizin. Sie sieht das Organ viel nüchterner und hält sich an die Fakten: Beim Erwachsenen ist das Herz so gross wie eine Faust, wiegt etwa 300 Gramm und besteht aus vier Kammern und ebenso vielen Herzklappen. Mit jedem Herzschlag wird ein knapper Deziliter Blut in den Kreislauf gepumpt. Das macht pro Minute fünf Liter – aber nur, wenn wir entspannt auf dem Sofa sitzen. Bei Belastung kann die Herzleistung um ein Vielfaches ansteigen.
Weil das Herz ein Workaholic ist und nie Pause macht, schlägt es an einem einzigen Tag rund 100 000 Mal. Mit 80 Jahren hat es mehr als zwei Milliarden Pumpaktionen ausgeführt. Angesichts dieser Leistung erstaunt es nicht, dass auch mal etwas schiefgehen kann. Dann entwickeln wir eine Herzkrankheit.
Starke Gefühle spüren wir in der Brust
Dass wir dem Herz im Alltag so viele Gefühle zuschreiben, ist kein Zufall. Als Menschen spüren wir Emotionen oft im Brustraum, wo das Herz sitzt: das dumpfe Druckgefühl bei Trauer genauso wie das Herzklopfen, wenn wir vor einer Prüfung stehen oder verliebt sind.
Weil diese Empfindungen mit Willenskraft nicht beeinflussbar sind, war es für unsere frühen Vorfahren naheliegend, dass die Gemütsregungen im Herzen ihren Ursprung haben müssen. So dachte auch schon der griechische Philosoph Aristoteles. Das Gehirn war für ihn eine Art Kühlsystem – nötig, um die Hitze auszugleichen, die das Herz als Sitz von Bewegung und Empfindungen erzeugt.
Was heute abstrus klingt, muss im damaligen Kontext beurteilt werden. So dürften schon die Menschen in der Frühgeschichte gewusst haben, dass sie ein schlagendes Herz haben. Seit 3500 Jahren ist das Wissen über das Herz dokumentiert. Schon in den ersten medizinischen Schriften wie dem Papyrus Ebers wird die herausragende Bedeutung des Organs beschrieben. Der Herzschlag galt als Zeichen von Leben.
Im Mittelalter entdeckt die Kirche das Herz. Als Sitz der Seele bekommt es eine spirituelle Bedeutung und steht für die göttliche Liebe. Profaner ist das Herzbild in der höfischen Dichtung. Hier gilt es als Symbol romantischer Liebe – und das grafische Herzsymbol startet seinen weltweiten Siegeszug.
Ein englischer Arzt begründet Herz-Kreislauf-Forschung

Bei der ganzen Herz-Euphorie ist es erstaunlich, dass es so lange dauerte, bis jemand die biologische Funktion des Organs entdeckt hat. Dieses Verdienst kommt dem englischen Arzt William Harvey zu. Mit Experimenten und genauem Beobachten konnte er 1628 zeigen, dass das Herz eine Pumpe ist, die das Blut in einem geschlossenen Kreislauf zirkulieren lässt.
Diese Entdeckung gilt als der Startschuss der Herz-Kreislauf-Forschung. Doch erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts trumpfte die Herzmedizin mit spektakulären Fortschritten auf: Hochwirksame Medikamente, mechanische Herzklappen, Schrittmacher, Stents, die Katheterbehandlung und weitere Innovationen machten es möglich, dass heute viele Herzkrankheiten heilbar oder gut behandelbar sind.
Für diese Entwicklung war – neben technischem Fortschritt – auch ein neues Verständnis vom Herz nötig. Die Ärztinnen und Ärzte sahen das Organ nicht mehr als Sitz der Seele oder als Gefühlsgenerator, sondern als biologische Pumpe, die man bei Bedarf reparieren kann. So kam es, dass die Gefühle aus der Herzmedizin verschwanden. Stattdessen entdeckte die Forschung immer mehr biologische Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes, die dem Herzen zusetzen.
Erst in den 1970er- und 80er-Jahren setzte sich die Erkenntnis durch, dass für ein gesundes Herz auch psychologische und soziale Faktoren bedeutsam sind. Der Herzinfarkt galt jetzt als «Manager-Krankheit», die vor allem ehrgeizige und beruflich gestresste Männer im besten Alter befällt.

Roland von Känel
ist Arzt für Konsiliarpsychiatrie
und Psychosomatik
«Von dieser Vorstellung ist heute nicht mehr viel übrig geblieben», sagt Roland von Känel, Arzt und Direktor der Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik am Universitätsspital Zürich. Denn Stress haben nicht nur Männer und Manager, sondern auch Frauen und Personen in allen Berufen. «Tatsächlich sind Menschen mit niedrigerem Einkommen und geringerem Bildungsabschluss sogar stärker gestresst als die meist gut situierten Manager», betont er.
Von Känel hat in der Schweiz mitgeholfen, das relativ junge Fachgebiet der Psychokardiologie zu etablieren. Ihre Vertreter haben ab den 1990er-Jahren in Studien gezeigt, wie eng Herz und Psyche miteinander verbunden sind. Diese Verbindung ist aber anders, als sich das unsere Vorfahren vorgestellt haben. Nicht das Herz ist der Ursprungsort der Gefühle, sondern das Gehirn. Von hier aus beeinflussen sie das Herz.
Ärger und Stress schaden dem Herzen ebenso wie Rauchen
«Wie das funktioniert, wissen wir heute relativ gut», sagt Roland von Känel. Wenn wir uns zum Beispiel bei der Arbeit oder privat aufregen oder unter Druck stehen, dann wird im Hirn eine bestimmte Region aktiviert. Sie lässt über das autonome Nervensystem und Hormone wie Cortisol und Adrenalin die Stressreaktion im Körper hochfahren. Dadurch schnellen Blutdruck und Herzschlag in die Höhe, die Entzündung wird angefacht, die Blutgerinnung aktiviert.

All das erhöhe längerfristig das Risiko für Herzkrankheiten, erklärt von Känel: «Und zwar gleich stark wie Rauchen, Bewegungsmangel oder Diabetes.»
Dass emotionaler Stress auch kurzfristig Schaden anrichten kann, zeigen andere Beobachtungen. So haben Personen, die sich – warum auch immer – heftig ärgern, in den darauf folgenden zwei Stunden ein vier Mal höheres Risiko, einen Herzinfarkt zu entwickeln als in Zeiten ohne Ärger. «Besonders gefährdet sind Personen mit vorgeschädigtem Herz», sagt von Känel.
Starke Gefühle, wie wir sie beim Trauern um eine geliebte Person erleben, können das Herz sogar «brechen». Jedenfalls kennt die Medizin das «Broken Heart»-Syndrom. «Die Symptome sind dabei ähnlich wie bei einem Herzinfarkt», erklärt von Känel. Das Herz werde hier aber durch eine Überflutung von Stresshormonen regelrecht gelähmt. Der Arzt schätzt, dass jeder zwanzigste «Herzinfarkt» in Wahrheit ein «Broken Heart»-Syndrom ist.
Gut bekannt ist auch, dass psychische Krankheiten wie Depressionen, Angststörungen oder traumatische Erlebnisse eine Herzkrankheit begünstigen und den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen. Die Verbindung zwischen Psyche und Herz läuft dabei in beide Richtungen. So haben Herzkranke auch öfter Depressionen und Angststörungen als Herzgesunde.
Wie stark Herzprobleme und -operationen die psychische Gesundheit herausfordern, illustrieren viele Patientenstimmen online. In einem Forum für Herzklappen-Patienten schreibt Mia: «Ich hab die OP sehr gut überstanden, alle Nachuntersuchungen ergaben hervorragende Ergebnisse, ich fühle mich körperlich topfit. (…) aber seit der OP erlebe ich einen emotionalen Tiefflug. Ich bin deprimiert, schnell gereizt, antriebslos und stelle zu viele Fragen, auf die es keine Antwort gibt.»
In vielen Beiträgen wird eine Diskrepanz zwischen körperlicher und seelischer Gesundheit thematisiert. Roland von Känel hat dafür eine Erklärung: «Etliche Patienten nehmen nach einem Herzereignis das Organ zum ersten Mal richtig wahr. Sie erkennen seine Bedeutung für das eigene Leben und stellen sich existentielle Fragen: Was ist, wenn bei der Operation etwas schiefgeht?»
Keine falsche Schonung des Herzens aus Angst
In dieser Gemütslage nehmen viele Patienten jeden Herzschlag wahr und registrieren die kleinste Unregelmässigkeit. Das kann weitere Ängste schüren und in eine Schonhaltung münden. «Dies gilt es unbedingt zu verhindern», sagt Roland von Känel.
«Als Herzpatient soll man nicht plötzlich Dinge vermeiden, weil man sich fürchtet, das Herz halte das nicht aus.» Besser sei es, mit seinem Arzt darüber zu sprechen, was dem Herzen aus objektiver Sicht noch zuzumuten sei – und das dann auch tun.
Roland von Känel hat aber Verständnis für die Sorgen, die sich viele um ihr Herz machen. «Herz-Kreislauf-Krankheiten gehören in der Schweiz zu den häufigsten Todesursachen», gibt er zu bedenken. Und rät: «Wer nach einem Herzinfarkt oder vor einer Herzoperation von seinen Gefühlen überwältigt wird, soll seinen Arzt nach psychokardiologischer Unterstützung fragen.»
Die Beratung und Betreuung sollte möglichst individuell erfolgen, betont der Professor. Denn so wie nicht jeder Herzpatient und jede Herzpatientin Bluthochdruck, Diabetes oder hohe Cholesterinwerte habe, seien auch nicht alle auf die gleiche Weise psychisch und sozial belastet.
Die häufigsten Herzkrankheiten
Herzinfarkt
Wird durch eine akute Durchblutungsstörung im Herzmuskel verursacht, meist aufgrund einer blockierten Herzkranzarterie. Im betroffenen Areal sterben die Muskelzellen ab.Typische Symptome: Schmerzen/Druck in der Brust mit Ausstrahlung, Atemnot
Herzschwäche
Die Pumpfunktion des Herzens ist reduziert, meist aufgrund eines Herzinfarkts oder eines unbehandelten Bluthochdrucks. Typische Symptome: Müdigkeit, geschwollene Beine, Atemnot
Herzrhythmusstörung
Das Herz ist elektrisch aus dem Takt, der Herzmuskel wird nicht mehr korrekt erregt. Der Herzschlag kann zu schnell, zu langsam, oder unregelmässig sein. Die häufigste Herzrhythmusstörung ist das Vorhofflimmern, die gefährlichste das Kammerflimmern. Typische Symptome: Herzstolpern, Herzrasen, Schwindel, Ohnmacht
Verengte oder undichte Herzklappe
Eine Klappe öffnet und schliesst nicht richtig, dadurch kann das Herz das Blut nicht mehr so einfach in den Kreislauf pumpen. Das Herz verdickt sich und wird unbehandelt schwach. Typische Symptome: Müdigkeit, Leistungsschwäche
Herzentzündung
Viren und Bakterien können die verschiedenen Schichten des Herzens befallen und dort eine Entzündung auslösen. Typische Symptome: Müdigkeit, Brustschmerzen, Herzrhythmusstörungen

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