Begleitet von pensionierten Freiwilligen entdecken Kinder die Welt der Wörter und Bücher: «Lesementoring» ist ein Projekt von Gemeinde und Bibliothek Herisau sowie von Pro Senectute Appenzell Ausserrhoden. Der gemeinsame Weg zu mehr Sprach- und Lesefreude ist ein Gewinn für Jung und Alt.
Text: Annegret Honegger
Die Böden knarren, die Decken sind niedrig und die Wendeltreppe ist so schmal, als sei sie für Elfen und Zwerge gemacht. Das Figurenmuseum Herisau ist ein Haus voller Geschichten – und seit bald zwei Jahren Schauplatz einer Erfolgsstory, die Jung und Alt gemeinsam schreiben. Woche für Woche treffen sich Schulkinder und pensionierte Freiwillige zum «Lesementoring». Das bedeutet: Mentorinnen und Mentoren begleiten Mädchen und Buben der ersten bis vierten Primarklasse beim Lesenlernen.
Christine Knaus stiess auf der Suche nach einem sinnvollen Engagement nach der Pensionierung auf das Projekt des Vereins AkzentaNova, das bereits in anderen Kantonen bestand. «Das wäre etwas für Herisau», dachte die frühere Dozentin und fand in Pro Senectute, der Bibliothek, der Gemeinde und verschiedenen Stiftungen Partnerinnen, die ihre Idee unterstützen. 2024 starteten dreissig Tandems ins Leseabenteuer.
Die Kinder wählen den Stoff
So liegen dort, wo es normalerweise um Kasperli, Prinzessinnen oder den Froschkönig geht, am Mittwochnachmittag ein Buch über den Fussballer Cristiano Ronaldo, «Gregs Tagebuch» oder Janoschs «Tierische Parade» auf den Tischen. Sonja und Monica beugen sich über einen Band aus der Reihe «Das magische Baumhaus». Verena und Iskra beschäftigen sich in «Die drei Ausrufezeichen» mit jungen Detektivinnen. Flüssig, laut und deutlich läuft es mit dem Lesen. Man hört: Hier sind Fortgeschrittene am Werk. Oft gibt eine Passage auch Anlass zu einem angeregten Gespräch und immer wieder zu Gelächter.
Ob Comic oder Witzbuch, ob Weltraum, Dinosaurier oder der Untergang der Titanic: Ihren Lesestoff wählen die Kinder selbst. Lese man aus Interesse, kämen die Fortschritte fast automatisch, erklärt die Initiantin. Ebenso entscheidend wie gute Bücher seien für eine gelungene Lesereise aber auch passende Begleiterinnen und Begleiter.
Monica und Iskra, die zu Hause Rumänisch und Serbisch sprechen, sind «mega gern» dabei und würden ihren Mentorinnen Bestnoten erteilen – wenn es Noten gäbe. Denn beim Lesementoring wird nichts bewertet. Es gibt auch keine Klassengspänli, die kichern, wenn man über ein Wort stolpert. Keine grosse Schwester, die alles besser kann, und keine Eltern, die finden, das müsste doch besser klappen. Lesementoring sei weder Hausaufgabenhilfe noch Nachhilfeprojekt, sagt Christine Knaus, sondern «ein Freizeitangebot, bei dem die Freude im Zentrum steht.»
Das Selbstvertrauen wächst mit
Das geniessen die Kinder sichtlich. «Sie schätzen es, dass wir ihnen unsere volle Aufmerksamkeit schenken. Manche blühen richtig auf», erzählt Mentorin Yvonne. «Es ist schön zu erleben, wie sie sich öffnen und wie ihr Selbstvertrauen wächst», sagt Hansruedi. Verena ergänzt: «Wir haben Zeit, müssen keine Ziele erreichen und können auch mal abschweifen – schliesslich geht es um Sprache im weitesten Sinn.»
So haben nebst dem Lesen auch gemeinsames Rätseln oder Spielen Platz. Zum Beispiel «Uno». Am Fünfertisch sind rasches Kombinieren und Reagieren gefragt, da sind die jungen Gehirne im Vorteil. «Die Kinder gewinnen immer», sagt Mentorin Sonja lachend, die als Holländerin einst selbst Deutsch lernen musste.
Auch für die Mentorinnen und Mentoren sind die Begegnungen bereichernd. Im Netzwerk der Freiwilligen entstehen neue Kontakte. Das Engagement bietet Einblicke in die Welt heutiger Kinder und in bisher unbekannte Kulturen. «Hier bin ich gefordert, bleibe flexibel. Und ich kann mit Lesekompetenz etwas weitergeben, das die Kinder ihr ganzes Leben brauchen», sagt Sonja. «Uno!», jubelt Iskra, als sie ihre letzte Karte legt. Sie ist heute die Siegerin – aber gewonnen haben alle am Tisch.![]()
© Annegret Honegger
«Lesementoring» mit Pro Senectute in Herisau
«Lesementoring», entwickelt vom Verein AkzentaNova, fördert in mehreren Kantonen den Generationendialog und die soziale Integration. Der Verein «Lesementoring Herisau», ein Projekt von Gemeinde und Bibliothek Herisau sowie von Pro Senectute, schult pensionierte Freiwillige als Lese-Mentorinnen und -Mentoren für Schulkinder.
Die Tandems treffen sich wöchentlich an öffentlichen Orten. Ein pädagogischer Hintergrund ist nicht nötig, wohl aber Freude an der Sprache sowie Offenheit gegenüber Kindern. Infos bei Projektleiterin Christine Knaus, Tel 078 673 86 88, oder bei Pro Senectute Appenzell Ausserrhoden, Mail sabrina.steiger@ar.prosenectute.ch, Tel 071 353 50 33, lesementoringherisau.clubdesk.com
Angebote in Ihrer Nähe finden Sie bei Pro Senectute in Ihrer Region. Adressen via prosenectute.ch oder Infoline 058 591 15 15.