
Nur ja nicht hinfallen!
Sturzfolgen sind häufige Ursache für langwierige gesundheitliche Probleme und den Verlust von Lebensqualität. Daher gilt: Gefahren vorhersehen und sich möglichst gut aufs Stürzen vorbereiten.
Text: Martina Novak
Wann sind Sie zuletzt gestürzt, gefallen, umgekippt? Leiden Sie noch unter den Folgen? Damit sind Sie nicht allein: Jedes Jahr stürzen in der Schweiz über 291 000 Menschen so schwer, dass sie ärztlich behandelt oder im Spital gepflegt werden müssen. Keine andere Unfallart wiegt so stark – gemessen am Ausmass, an der Schwere der Verletzungen, den Todesfällen und Kosten. Seniorinnen und Senioren machen einen grossen Anteil der Sturzopfer aus: Laut Gesundheitsförderung Schweiz verletzen sich in der Bevölkerung ab 64 Jahren jährlich rund 88 000 Personen bei Stürzen, 6100 davon schwer. Etwa 1600 Sturzunfälle enden tödlich.
Aus heiterem Himmel
Ein Sturz kommt meist ohne Vorwarnung. Die deutsche Schauspielerin Senta Berger stürzte im vergangenen Januar bei Proben unglücklich vom Bühnenrand und zog sich eine Oberschenkelfraktur zu, die operiert werden musste. «Der Sturz von der Bühne wird uns allen ein unlösbares Rätsel bleiben. Ich höre nur noch den Aufprall auf das Parkett vor der ersten Reihe», wird sie zitiert. Nach dem Spitalaufenthalt konnte die 84-Jährige zunächst weder gehen noch stehen; beides musste sie in einer langen Reha neu erlernen.
Es muss aber nicht immer ein Fall in die Tiefe sein: Ein Tritt ins Leere auf der Treppe, der Ausrutscher auf dem Glatteis, das übersehene Hindernis oder der wegrollende Bürostuhl genügen – und schon man liegt auf dem Boden. Bei Menschen, die nicht oder nicht mehr so beweglich sind, droht neben einer möglichen Verletzung der Umstand, dass sie kaum aus eigener Kraft wieder auf die Beine kommen.
Ein solches «Sturzereignis» kann die Lebensqualität von einem Moment auf den andern stark verändern. Man hat Schmerzen, muss lange Behandlungen auf sich nehmen und sich im schlimmsten Fall um die Selbstständigkeit fürchten.
Nur etwa 12 Prozent aller Stürze ereignen sich aus der Höhe wie derjenige von Senta Berger. Gemäss Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) ereignet sich die Hälfte der Sturzunfälle im häuslichen Umfeld, wobei das Risiko im Badezimmer beim Duschen und Baden besonders hoch ist. 70 Prozent der Stürze bei älteren Erwachsenen passieren auf gleicher Ebene. Bei 15 Prozent der Sturzopfer wird die Treppe zum Verhängnis.
Gefahrenzone Haushalt
Frauen stürzen häufiger als Männer und tragen deutlich öfter Verletzungen davon. Zum Beispiel, weil sie mit zunehmendem Alter oft eine biologisch bedingte niedrigere Knochendichte aufweisen. Auch die Tätigkeit spielt eine Rolle: Frauen kommen öfter bei Haushaltsarbeiten oder bei der Gartenpflege zu Fall, während Männer öfter beim Heimwerken stürzen. Bei den Verletzungsfolgen unterscheiden sich die Geschlechter nicht wesentlich: 22 Prozent der Sturzereignisse haben mittelschwere bis schwere Folgen.
Realistischerweise lassen sich Stürze nicht vollständig verhindern. Aber manche wären durch entsprechende Massnahmen und eine gewisse Umsicht vielleicht vermeidbar. Diesen Umstand betonen Expertinnen und Experten aus Präventivmedizin, Geriatrie und Therapie. Stürze ereignen sich oft, indem man das Gleichgewicht verliert. Wichtig ist deshalb gezieltes Training: Übungen stärken die Balance, erhalten die Beinkraft und verbessern die Stabilität. Auch mentale Fitness und ein wacher Blick für Risiken im Alltag erhöhen die Sicherheit.
Gleichgewicht kann man üben
«Gleichgewichts- und Krafttraining, gezielte Ernährung und das Bewusstsein für mögliche Risiken sind die wirksamsten Massnahmen der Sturzprävention», sagt Frans Hollander, Leiter medizinische und therapeutische Dienste in der Klinik Barmelweid. Unter den Patientinnen und Patienten der Klinik befinden sich viele, die die Folgen eines Sturzes kurieren. Wie andere Reha-Kliniken im Aargau hat die Klinik Barmelweid diesen Frühling wieder bei der Kampagne «sicher stehen – sicher gehen» mitgemacht. Die Kampagne wird finanziell unterstützt durch das Gesundheitsdepartement des Kantons Aargau und bietet der interessierten Bevölkerung öffentliche Tests der Gleichgewichtsfähigkeit mit Auswertung und Beratung an.
Ein sonniger Sonntagmorgen Anfang März. 54 Seniorinnen und Senioren haben sich für einen kostenlosen Test der Gleichgewichtsfähigkeit in der Klinik Barmelweid hoch über Aarau angemeldet. Die erste Gruppe startet bereits um halb zehn Uhr. «Das Interesse war gross. Es hätten noch mehr Leute kommen wollen», sagt Frans Hollander, der mit seinem sechsköpfigen Team von Physio- und Ergotherapeutinnen den Anlass organisiert hat und durchführt.
Nie zu spät für ein Training
Die Testpersonen absolvieren einen Parcours mit verschiedenen Übungen: aus dem Sitzen aufstehen, aufstehen und gehen, eine Schrittkombination von links nach rechts und zurück, mit verdeckten Augen auf einer unstabilen Unterlage stehen und zuletzt ein sechs Minuten dauernder Gehtest. Die Testresultate werden gezählt, gemessen und anhand von Tabellen ausgewertet. Je nachdem, ob sie im grünen, gelben oder roten Bereich liegen, erteilen die Therapeutinnen Tipps für das Gleichgewichtstraining im Alltag – zum Beispiel Zähneputzen auf einem Bein – oder raten zu einer weitergehenden Abklärung.
Die Atmosphäre ist familiär, manche der Testpersonen sind den Mitarbeitenden mit Namen bekannt. «Einige haben bereits im letzten oder vorletzten Jahr beim Test mitgemacht. Bei Einzelnen stellen wir durchaus Fortschritte bei der Gleichgewichtsfähigkeit fest. Das ist sehr erfreulich», lobt Frans Hollander. Es zeigt: Für gezieltes Training ist es nie zu spät. Spätestens nach einem ersten Sturz sollte man aktiv werden (siehe Interview weiter unten).
Leben ohne Stürze: Das können Sie tun
Regelmässig trainieren, um Muskeln, Gleichgewicht und Reaktionsvermögen so gut wie möglich aufrechtzuerhalten und Stürzen entgegenzuwirken. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu), Pro Senectute Schweiz und Gesundheitsförderung Schweiz haben sich deshalb gemeinsam mit weiteren Partnern zum Ziel gesetzt, ältere Erwachsene mit einer landesweiten Präventionskampagne für ein regelmässiges Training zu begeistern.
In der Kampagne «sicher stehen – sicher gehen» zeigen die drei Organisationen, was das Trainieren zu Hause oder gemeinsam in Kursen bewirken kann: einen gestärkten Gleichgewichtssinn, mehr Beinkraft und bessere mentale Fitness, was letztlich mehr Sicherheit im Alltag bedeutet.
Die wichtigsten Tipps
- Regelmässige Bewegung
- Jede Woche 3-mal 30 Minuten Übungen für Gleichgewicht und Kraft
- Beratung durch eine Fachperson und geleitetes Training mit selbstständigem Training zu Hause kombinieren
Auf der Plattform sichergehen.ch finden sich zahlreiche Kurse in der ganzen Schweiz. Neue Angebote kommen laufend hinzu. Für das Training zu Hause hält die Website leicht verständliche Übungen in verschiedenen Schwierigkeitsstufen bereit – für Menschen mit guter Fitness, aber auch für solche mit körperlichen Einschränkungen. Die Übungen können online als Videos angesehen oder als Merkblätter heruntergeladen werden und sind als gedruckte Broschüren bestellbar. Auch Hilfsmittel für das Training wie zum Beispiel Balance Pads können bestellt werden.
Weitere Anbieter von Gleichgewichtskursen, Fachvorträgen und Workshops:
- Kantonale Pro-Senectute-Organisationen, prosenectute.ch
- SturzZentrum Schweiz, sturzzentrum.ch
- Rheumaliga Schweiz und kantonale Organisationen, rheumaliga.ch
Sicher wohnen in jedem Alter
Mit einer digitalen Checkliste lassen sich Schwachstellen erkennen und die eigenen vier Wände sturzsicher machen. Zu den häufigsten Sturzursachen gehören Stolperfallen wie lose Kabel, schlechte Beleuchtung, rutschige Böden, wacklige Aufstiegshilfen, fehlende Handläufe.
Mehr Infos vermittelt die Broschüre «Selbständig bis ins hohe Alter: Wohnen, sich bewegen, mobil bleiben», die über bfu.ch bestellt werden kann. Dort sind zudem individuelle Beratungen buchbar.
«Stürzen ältere Menschen, ist die Selbständigkeit in Gefahr»

Im Stadtspital Waid befindet sich die einzige altersmedizinische Klinik der Stadt Zürich. Geriatrie und Unfallchirurgie arbeiten im «Zentrum für Alterstraumatologie» bei der Versorgung von gebrechlichen Patientinnen und Patienten eng zusammen. Berta Truttmann, Chefärztin der Universitären Klinik für Altersmedizin am Stadtspital Zürich Waid über Stürze und die gezielte Prävention.
Warum stürzen ältere Menschen öfter als junge?
Jüngere Menschen können sich bei einem Gleichgewichtsverlust besser auffangen. Ältere sind gebrechlicher und haben diese Kompensationsmechanismen nicht mehr. Bei Hochbetagten lässt die Muskelkraft rasch nach – insbesondere bei Inaktivität.
Was sind die häufigsten Ursachen für Stürze im Alter?
Meistens ist es eine Kombination verschiedener Ursachen: Sehen und Hören sind beeinträchtigt, Gangfähigkeit und Gleichgewicht sind gestört. Zusätzlich treten akute Probleme auf, etwa eine Grippe.
Und die Folgen?
Es gibt leichte Folgen wie Quetschungen der Weichteile, aber auch schwerere Folgen wie Knochenbrüche oder Kopfverletzungen mit notwendiger Einweisung ins Spital. Häufig zieht ein Sturz auch die Angst vor weiteren Unfällen nach sich und führt zu einem Vermeidungsverhalten, indem sich die Betroffenen weniger bewegen.
Wie lässt sich nach einem Sturz ein weiterer Sturz verhindern?
Wichtig ist eine gute Abklärung und Behebung der Ursache. Liegt etwa eine Herzrhythmusstörung vor, braucht die Person unter Umständen einen Herzschrittmacher. Weiter sind das Training der Gangfähigkeit und Gangsicherheit sowie der Aufbau der Muskelkraft von grosser Bedeutung. Bei uns erhalten alle Patientinnen und Patienten neben Physiotherapie eine Ernährungsberatung, um eine hochwertige Ernährung mit genügend Eiweiss zu gewährleisten.

Warum ist es so wichtig, Stürzen vorzubeugen?
Bei älteren Menschen ist in der Folge von Stürzen eher ihre Selbständigkeit in Gefahr als bei jüngeren und es kann ein Umzug in ein Alters- oder Pflegeheim notwendig werden. Zudem spielt die Osteoporose häufiger eine Rolle, je älter die Menschen sind; es kommt bei einem Sturz eher zu einem Knochenbruch.
Wie trägt die ambulante Sturz-Sprechstunde zur Prävention bei?
In der Sprechstunde erörtern wir sturzverursachende Faktoren und geben individuelle Empfehlungen ab. Es gilt Krankheiten zu erkennen und Medikamente wo nötig anzupassen. Weitere Faktoren wie Erkrankungen des Bewegungsapparates, der Muskeln oder neurologische Probleme werden systematisch gesucht und die Funktionsfähigkeit von Gang, Gleichgewicht und Hirnfunktion getestet. Die Abklärung und Behandlung der Osteoporose ist ebenfalls sehr wichtig. Patientinnen und Patienten erhalten schliesslich spezifische Empfehlungen, die sie mit ihren Hausärztinnen und -ärzten umsetzen können.