Raus aus dem Alltag, um Neues zu erleben: Städterin Annegret Honegger besucht die Landsgemeinde in Glarus.
Text: Annegret Honegger
Hier ein Ja, dort ein Nein, alles ins Couvert und ab in den Briefkasten – so geht Abstimmen bei mir. Um Demokratie einmal ganz direkt zu erleben, nehme ich am ersten Mai-Sonntag den Zug nach Glarus.
Der Kanton hat etwa gleich viele Einwohnende wie mein Zürcher Stadtkreis. Morgens um neun scheinen alle schon auf den Beinen. Stände säumen die Strasse Richtung Regierungsgebäude. Kinder schlecken Zuckerwatte und lernen früh: Politik schmeckt grossartig.
Die Traktandenliste sei lang und später ein Unwetter angesagt, mahnt der Landammann, der als höchster Glarner die Landsgemeinde leitet und eröffnet. Mit «Hochgeachteter Herr Landammann, hochvertruuti, liebi Mitlandlüüt» treten Junge in Jeans und Kapuzenpulli ans Rednerpult, Ältere in Anzug und Krawatte oder Politikerinnen mit eleganten Hüten. Sie heissen Jenny, Marti, Noser oder auch ganz anders.
Seit 700 Jahren kommt man hier zum «Raten, Mindern und Mehren» zusammen. Die Landsgemeinde sagt also nicht nur ja oder nein, sondern kann Vorschläge auch abschwächen oder verschärfen. Jede und jeder im Ring darf sich äussern: «Ds Wort isch frii». Stimmberechtigt sind – schweizweit einmalig – alle ab 16.
Es geht Schlag auf Schlag vom Steuerfuss über Beiträge für Privatschulen bis zu autofreien Sonntagen. Mal wird um einen einzigen Satz, mal um Grundsätze gestritten. Der Landammann behält den Überblick und lässt abstimmen. Welches im Meer der Hände mit farbigen Stimmausweisen das grössere Mehr ist, schätzt er ab. Gezählt wird nicht.
Demokratie bei Wind und Wetter
Während meine Füsse vom Stehen schmerzen, beraten die Frauen und Männer im Ring während Stunden diszipliniert. Nur wenige machen einen Abstecher in die Beiz. Nur selten muss der Landammann jemanden ermahnen, auf den Punkt zu kommen – mit Blick auf die Uhr und in den Himmel, der grau und grauer wird.
So erlebe ich Politik hautnah, mitsamt Regengüssen, Böen und immer mehr Schirmen, die das Abschätzen von Mehr und Gegenmehr erschweren. Erst kurz vor zwei entlässt der Landammann das Volk zum traditionellen Zmittag mit Kalberwurst, Kartoffelstock und Zwetschgenkompott.
Mir fallen im Zug zurück die Augen zu, erschöpft von so viel direkter Demokratie. Aber wenn jeweils wieder die Abstimmungsunterlagen in meinem Briefkasten liegen, beneide ich die Glarnerinnen und Glarner.
Die Landsgemeinde versammelt sich am ersten Sonntag im Mai unter freiem Himmel in Glarus. Sie beginnt um 9.30 Uhr mit dem Umzug von Politik, Militär und Ehrengästen. Alle Infos, auch zur Live-Übertragung auf Youtube, auf landsgemeinde.gl.ch