
Nicht jeder Check-up ist sinnvoll
Vorbeugen ist besser als heilen – das ist ohne Zweifel richtig. Und doch sollte man nicht alle medizinischen Vorsorgeuntersuchungen unbesehen machen lassen. Wir erklären, welche wichtig und welche überflüssig sind.
Text: Alan Niederer
Meine 81-jährige Mutter ermahnt mich regelmässig, endlich zur Darmspiegelung zu gehen. Ich bin 58 und fühle mich so quicklebendig wie ein Fisch im Wasser. Hat meine Mutter trotzdem recht? Gibt es möglicherweise weitere Vorsorgeuntersuchungen, die man als gesunder Ü55 ins Auge fassen sollte? Und wozu soll das gut sein?
Wer ein Auto besitzt, kennt die Antwort auf die letzte Frage. So wie wir beim Wagen regelmässig einen Service durchführen lassen, um möglichst lange seine Funktionstüchtigkeit zu erhalten, können wir auch unseren Körper «in den Service» bringen. In diesem Fall schaut ein Arzt oder eine Ärztin, ob es etwas zu ersetzen, zu reparieren oder nachzujustieren gibt. Schliesslich wollen wir alle möglichst lang und in guter Gesundheit leben.
«Wenige gute Check-ups»
Im Idealfall findet sich bei einem solchen medizinischen Service oder Check-up nichts Auffälliges. Dann sind wir beruhigt und können unbeschwert weiterleben. Im schlechteren Fall entdecken die Mediziner etwas Verdächtiges wie Krebs oder eine andere Störung. Weil die meisten Krankheiten aber im frühen Stadium besser behandelbar sind als im späten, sind wir auch in diesem Fall dankbar, dass wir unseren Körper in den Service gebracht haben.
«Das Gesagte trifft leider nur auf ein paar wenige gute Vorsorgeuntersuchungen zu», erklärt Marco Zoller. Der 68-jährige Hausarzt in Zürich beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Prävention und hat an der Entwicklung von wissenschaftlich fundierten Empfehlungen für und gegen Check-up-Untersuchungen mitgearbeitet.
Was ist ein Check-up?
Darunter versteht man medizinische Untersuchungen, die an gesunden Personen ohne Beschwerden durchgeführt werden. Damit will man Krankheiten verhindern oder frühzeitig erkennen. Hat jemand bereits Beschwerden, werden teilweise dieselben Tests durchgeführt – jetzt aber nicht zur Vorsorge, sondern im Rahmen der diagnostischen Abklärung
Viele nicht eindeutige Resultate
Damit solche Tests als sinnvoll gelten, müssen sie nicht nur ein relevantes Gesundheitsproblem erkennen, das behandelt werden kann. «Eine nützliche Untersuchung muss auch mit grosser Sicherheit Personen mit der Krankheit von solchen ohne die Krankheit unterscheiden können», betont Zoller. Was eine Selbstverständlichkeit sein sollte, ist bei vielen Untersuchungen genau das Problem: Sie produzieren falsche oder nicht eindeutige Resultate. So dass wir nach dem Check-up unnötig verunsichert sind oder uns in falscher Sicherheit wiegen. Beides gilt es zu vermeiden.
Es ist deshalb unerlässlich, dass mögliche Vorsorgeuntersuchungen in klinischen Studien evaluiert werden, bevor sie breit angewendet werden. Laut Zoller braucht es für eine seriöse Empfehlung genügend Studiendaten, die belegen, dass der Nutzen der Untersuchung den potenziellen Schaden durch falsche Diagnosen, Stress, unnötige oder risikobehaftete Folgeuntersuchungen und nutzlose Behandlungen übersteigt.
Diese Anforderung erfüllen die offiziell empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen (vgl. Seite 74). Sie richten sich an alle gesunden Erwachsenen. Die Liste macht deutlich, dass die allermeisten Tests, die in der Medizin durchgeführt werden, für Personen ohne Beschwerden nicht routinemässig empfohlen sind. In diese Kategorie gehören zum Beispiel EKG, Belastungs-EKG, Röntgenbilder, Ultraschall- und CT-/MRI-Untersuchungen, Tumormarker im Blut, Knochendichtemessung, Lungenfunktionstests, Herzkatheteruntersuchung und vieles mehr.
Ohne Verdacht kein Check-up
Einige dürften vielleicht erstaunt sein, dass Untersuchungen wie ein Ganzkörper- oder Herz-MRI nicht grosszügiger empfohlen werden. Schliesslich kann man damit mögliche Gesundheitsprobleme direkt sehen. Etwa eine eingeengte Herzkranzarterie, die zu einem Herzinfarkt führen kann. Doch auch hier gibt es ein grosses Aber, wie Marco Zoller erklärt. So kann ein akuter Herzinfarkt auch bei gesund aussehenden Kranzarterien auftreten. Und bei eingeengten Blutgefässen können sogenannte Umgehungskreisläufe einen Infarkt verhindern. Ohne medizinischen Verdacht ist eine solche Untersuchung deshalb wenig sinnvoll.
Und wie steht es mit der Untersuchung auf Brust- und Prostatakrebs? «Auch nach jahrelanger Kontroverse gibt es für Frauen und Männer ohne bekannte Risikofaktoren keine starke Empfehlung dafür», sagt Zoller. Sei jedoch bei einer Frau das individuelle Krebsrisiko erhöht – zum Beispiel, wenn die Mutter oder die Schwester Brustkrebs hatten –, dann bleibe das Mammografie-Screening zentral. Ähnlich verhält es sich bei den Männern mit dem PSA-Bluttest zum Erkennen von Prostatakrebs.
Die beiden Untersuchungen illustrieren etwas Wichtiges. Die Liste mit den unbestrittenen Check-ups ist nicht abschliessend zu verstehen. Bei Personen mit Vorerkrankungen, einer familiären Belastung für bestimmte Krankheiten oder einem Risikoverhalten können zusätzliche Empfehlungen sinnvoll sein. Auch die individuellen Wünsche und Vorstellungen von Gesundheit und einem guten Leben spielen bei der Wahl von Check-up-Untersuchungen eine Rolle.
Auch gesund leben ist Vorsorge
Es ist daher sinnvoll, mit dem Hausarzt, der Hausärztin oder einer anderen Fachperson über dieses Thema zu diskutieren. «Bei einem solchen Beratungsgespräch kann nicht nur ein realistisches Bild über die Aussagekraft und den Nutzen der angebotenen Check-ups vermittelt werden», sagt Marco Zoller. «Es können auch weitere Themen angesprochen werden, die für ein langes, gesundes Leben wichtig sind.» Neben den Prinzipien eines gesunden Lebensstils mit viel Bewegung, ausgewogener Ernährung, sozialen Kontakten und geistigen Stimuli sind das auch Impfungen und eine gute Stressbewältigung.
Mit all diesen Massnahmen können wir zwar nicht sämtliche Krankheiten verhindern, aber immerhin das Risiko, dass sie entstehen, in vielen Fällen senken. Was das bedeutet, illustriert das Rauchen beispielhaft. Es gilt nicht umsonst als der wichtigste beeinflussbare Einzelfaktor, der unserer Gesundheit schadet. So verliert ein Raucher wegen des Rauchens im Schnitt sechs bis sieben Lebensjahre.
Nicht zu rauchen, ist somit der wichtigste Gesundheitstipp überhaupt. Noch vor der Darmspiegelung, die meine Mutter mir schon länger ans Herz legt. Aber natürlich hat sie recht – und ich habe mich inzwischen für diese Vorsorgeuntersuchung angemeldet.
7 Vorsorgeuntersuchungen für alle
1. Regelmässige Blutdruckmessung

Empfehlung: ab 18, alle 3 Jahre
Was es ist: Idealerweise wird der obere und untere Blutdruck am Oberarm bestimmt.
Warum es wichtig ist: Ein zu hoher Blutdruck ist einer der bedeutendsten Risikofaktoren für einen Herzinfarkt, Hirnschlag, eine Herzschwäche und weitere Herz-Kreislauf-Probleme. Bluthochdruck wird von vielen Faktoren wie Übergewicht, Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, Rauchen, Stress oder Medikamenten begünstigt. Manchmal gibt es aber auch organische Ursachen wie eine verengte Nierenarterie. In diesem Fall kann eine Operation das Problem beheben.
2. Darmspiegelung oder Blut-im-Stuhl-Test

Empfehlung: ab 50, einmal alle 10 Jahre (Spiegelung) oder alle 2 Jahre (Blut-im-Stuhl-Test)
Was es ist: Mit einem Endoskop wird der Dickdarm inspiziert. Dabei lassen sich Krebsgeschwüre und Krebsvorstufen (Polypen) erkennen und entfernen. Mit dem Blut-im-Stuhl-Test wird nach unsichtbarem Blut im Kot gefahndet. Dieses kann auf einen Dickdarmkrebs hinweisen. Wird Blut gefunden, muss eine Darmspiegelung erfolgen, um den Verdacht zu erhärten und die verdächtigen Stellen abzutragen.
Warum es wichtig ist: Dickdarmkrebs ist eine der häufigsten bösartigen Tumorarten. Er betrifft vor allem Menschen über 50 Jahren. Mit der Darmspiegelung lässt sich im Idealfall eine Krebserkrankung verhindern.
3. Gebärmutterhalsabstrich für Frauen

Empfehlung: Für sexuell aktive Frauen ab 21, danach alle 3 Jahre
Was es ist: Der Krebstest basiert seit über 50 Jahren auf dem Pap-Abstrich. Damit wird am Gebärmutterhals nach verdächtigen Zellen gesucht, aus denen sich ein Krebs entwickeln kann. «Pap» steht für den griechischen Pathologen George Papanicolaou, der die Untersuchung entwickelt hat. Neuerdings wird im Vaginalsekret auch nach dem Humanen Papillomavirus (HPV) gefahndet. Dies, weil die meisten Gebärmutterhalskrebse durch eine chronische HPV-Infektion ausgelöst werden.
Warum es wichtig ist: Kein anderer Krebs kann so effektiv durch eine einfache Vorsorgeuntersuchung bekämpft werden.
4. Cholesterinmessung
Empfehlung: ab 40, alle 2 bis 5 Jahre
Was es ist: Bei der Cholesterinmessung werden mehrere Werte im Blut bestimmt: neben dem Gesamtcholesterin auch das «gute» Cholesterin (HDL), das «schlechte» Cholesterin (LDL) sowie die Neutralfette (Triglyzeride).
Warum es wichtig ist: Erhöhte Werte sind ein relevanter Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Krankheiten. Sie sollten im Kontext mit anderen Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck und familiäre Belastung für Herz-Kreislauf-Krankheiten betrachtet werden. Medikamente zur Cholesterinsenkung werden empfohlen, wenn das individuelle Erkrankungsrisiko eindeutig erhöht ist. Wie Bluthochdruck werden auch die Cholesterinwerte durch Lebensstilfaktoren beeinflusst. Manchmal liegt aber eine genetisch bedingte Störung des Fettstoffwechsels vor (familiäre Hypercholesterinämie).
5. Diabetes-Test

Empfehlung: ab 40, alle 1 bis 3 Jahre
Was es ist: Im nüchternen Zustand wird die Zuckerkonzentration (Glukose) im Blut oder der sogenannte HbA1c-Wert gemessen. Letzterer ist ein Mass für den Blutzuckerwert der vergangenen Wochen. Mit den Tests kann ein Diabetes oder eine Vorstufe davon (Prä-Diabetes) erkannt werden.
Warum es wichtig ist: Diabetes ist eine ernsthafte Erkrankung. Unbehandelt führt sie zu schweren Komplikationen an Nieren, Nerven, Augen und Herz-Kreislauf-System. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind zentral.
6. Augendruckmessung
Empfehlung: ab 50, alle 2 bis 3 Jahre
Was es ist: Mit einem Spezialgerät kann der Augenarzt oder der Optiker den Augeninnendruck messen.
Warum es wichtig ist: Ein dauerhaft erhöhter Druck im Augeninneren führt zum Grünen Star (Glaukom). Unbehandelt droht die Erblindung.
7. Zahnkontrolle und Dentalhygiene

Empfehlung: jährlich
Was es ist: Der Zahnarzt oder die Zahnärztin prüft die Gesundheit der Zähne und des Zahnfleischs. Die professionelle Zahnreinigung entfernt hartnäckige Beläge und Zahnstein.
Warum es wichtig ist: Eine schlechte Mundhygiene richtet nicht nur an den Zähnen und am Zahn-Stützgewebe Schaden an (Karies, Parodontitis). Chronische Entzündungen im Mundraum können auch die allgemeine Gesundheit beeinträchtigen, indem sie verschiedene Krankheiten begünstigen.
Die Liste basiert auf den breit abgestützten Schweizer Empfehlungen, die unter www.eviprev.ch verfügbar sind.
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