Ein Leben für das Kind

Brigitta Scherrer pflegt ihren Sohn Fabian seit 30 Jahren zu Hause. Wie viele pflegende Angehörige merkt auch sie, dass mit dem ­Alter die körperliche, emotionale und finanzielle Belastung wächst. Doch es gibt Auswege.

Text: Deborah Bischof, Fotos: Roland Tännler

Brigitta Scherrer mit Sohn Fabian, den sie zu Hause pflegt.
Brigitta Scherrer kann mit Fabian nicht reden. «Wir haben zwar unsere eigene Sprache gefunden, aber richtig kommunizieren können wir nicht.» © Roland Tännler

Fabian kann nichts dafür. Der Satz klingt wie ein Mantra. So oft wiederholt ihn Brigitta Scherrer im Gespräch. Jedes Mal füllen Tränen ihre Augen, wenn sie ihn ausspricht. Schnell streicht sie diese weg. Dann sagt sie ­bestimmt: «Ein Heim kommt deshalb nicht in Frage.»

Fabian kann tatsächlich nichts dafür. Brigitta Scherrer aber auch nicht. Eigentlich niemand. Ausser vielleicht die Hirnblutung in Fabians winzigem Babyköpfchen. Bemerkt wird diese erst, als er auf die Welt kommt. Dann geht alles ganz schnell. Statt in den Armen von Brigitta Scherrer, landet ihr Neugeborenes im Kinderspital St. Gallen. Dort wird es bis in die Lunge mit Schläuchen versorgt. Als die Mutter ihn das erste Mal sieht, bricht es ihr fast das Herz. Dann folgt eine Operation, die Flüssigkeit wird vom Kopf in den Bauch abgeleitet. Welche Folgen Fabian davontragen wird, weiss zu diesem Zeitpunkt niemand.

Heute, 30 Jahre später, lebt Fabian mit einer Mehrfachbehinderung. Er hat eine geistige Beeinträchtigung, sitzt die meiste Zeit im Rollstuhl und sieht kaum . Er braucht 24 Stunden am Tag Betreuung. Seit seiner Geburt kümmert sich Scherrer um ihren Sohn. Sie ist eine von rund 600 000 pflegenden Angehörigen in der Schweiz. Eine von vielen, ohne die unser System nicht funktionieren würde. Die Frage «Was passiert, wenn ich einmal nicht mehr kann?» schiebt sie lieber weg. Statt­dessen sagt sie: «Ich werde mich um Fabian kümmern, bis er oder ich nicht mehr kann.»

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