© Roland Tännler
«Eltern sollten sich auch fragen: Was will ich?»
Wie gelingt die Loslösung vom eigenen Kind und wie der Übertritt in eine Institution? Michael Ledergerber von Procap erklärt, warum Eltern sich frühzeitig mit der Zukunft befassen sollten.
Herr Ledergerber, Sie haben zwei erwachsene Töchter mit Behinderung. Wie sollen diese einst leben, wenn Sie die Betreuung nicht mehr übernehmen können?
Wir haben schon früh Assistenzpersonen eingesetzt und die Betreuung auf mehrere Schultern verteilt. Unsere Vision war, dass Jana und Eva irgendwann unsere Wohnung übernehmen und mit ihrem Assistenzteam leben. Heute sind wir dieser schon näher: Jana und Eva leben in einer eigenen Wohnung, das Assistenzteam organisiert die Betreuung. Wir übernehmen nur noch die Stunden, die ungedeckt sind. Trotzdem müssen wir die Situation laufend prüfen. Vor allem unsere Energie beschäftigt uns, und wir fragen uns, ob wir nicht doch irgendwann auf eine Institution ausweichen müssen.
Menschen mit Behinderung werden heute deutlich älter. Bedeutet das, dass die Zahl der Eltern wächst, die ihre Kinder bis ins Alter betreuen?
Nicht zwingend – hoffentlich auch nicht. Heute gibt es viel mehr Wahlmöglichkeiten. Wichtig sind vor allem die IV-Assistenzleistungen, die neuen kantonalen Gelder und das Erwachsenenschutzgesetz, das mehr Selbstbestimmung und individuelle Lösungen in der Beistandschaft erlaubt.
Wann sollten sich Eltern damit befassen, wie die Zukunft aussehen soll?
So früh wie möglich – und immer wieder. Heute kann es stimmen, dass das Kind zu Hause wohnt. In zehn Jahren vielleicht nicht mehr.
Wie trifft man die richtige Entscheidung?
Zum Glück gibt es heute nicht mehr nur die Option «Institution». Das Assistenzmodell ermöglicht Personen mit Behinderung, selbstständig mit Unterstützung zu leben, wenn sie das wollen. Einige Institutionen bieten zudem auch durchlässige Angebote und Mischformen. Wenn das Kind seine Bedürfnisse jedoch nicht äussern kann, können Eltern nur ahnen, was das Beste ist. Wichtig in diesem Prozess ist, dass sie sich selbst nicht vergessen und sich auch immer wieder fragen: Was will ich?
Viele Eltern trauen sich kaum, ihre Bedürfnisse auszusprechen.
Das ist verständlich. Es geht aber auch um einen Loslösungsprozess und darum, zu erkennen, dass es zwei Leben gibt: das des Kindes und das eigene. Beide haben ihre Berechtigung und brauchen Platz.
Wie kommt man in diesen Prozess?
Bei Eltern, die ihr Kind seit Jahrzehnten pflegen, braucht es oft einen Input von aussen. Das kann eine berufliche Veränderung sein, eine Krankheit oder die eigene, fehlende Energie. Letzteres kommt oft schleichend und ist schwierig, selbst zu erkennen. Da sind auch Freunde, Angehörige oder Betreuerinnen von Tagesstätten gefragt, diesen Prozess anzustossen. Sobald er beginnt, lohnt es sich, die Unterstützung von Organisationen beizuziehen.
Wie sollte der Übertritt in die Institution gestaltet werden?
Bei langer Pflege zu Hause beginnt man am besten mit ein oder zwei Nächten. So hat das Kind die Möglichkeit, sich an die Institution zu gewöhnen und die Eltern sehen, dass es funktioniert. So gewinnen alle Vertrauen. Die grosse Frage ist jedoch: Lässt die Institution das zu? In vielen gilt leider bis heute der Grundsatz: ganz oder gar nicht.
Was bräuchte es, damit sich das ändert?
Das Problem ist die Finanzierung. Zwar wechseln derzeit viele Kantone von der Objekt- zur Subjektfinanzierung. Damit fliesst das Geld von den Behörden nicht mehr zu den Heimen, sondern zu den Betroffenen. Das ist gut, trotzdem können nur die Stunden abgerechnet werden, die effektiv gebraucht wurden – alles muss belegt werden. Besser wäre es, wenn Menschen mit Behinderung eine Pauschale zur Verfügung stehen würde, mit der sie selbstständig Leistungen einkaufen können, ohne dass sie diese belegen müssen. So wären Institutionen gefordert, das bestmögliche Angebot zu bieten. Menschen mit Behinderung würden zudem in ihrer Selbstbestimmtheit gestärkt.

© procap zentralschweiz
Michael Ledergerber, 51,
ist Geschäftsführer
von Procap Zentralschweiz
in Luzern.