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Wir müssen reden!

Von wegen dumm und dämlich: Pflanzen sind wahre Meisterinnen der Kommunikation. Sie können Informationen über weite Distanzen an andere weiterreichen. Höchste Zeit, dass wir dem Grün besser zuhören, bilanziert unser Gartenkolumnist Roland Grüter. Denn nur so können wir die Sprache der Pflanzen verstehen und diese zu unserem Vorteil nutzen.

Text: Roland Grüter

Wie wir alle wissen (sollten): Kommunikation ist der Angelpunkt jeder erfüllenden Partnerschaft. Nur, wenn wir mit Anderen Wünsche, Sehnsüchte, Freuden und Sorgen teilen, macht das Zusammensein langfristig glücklich. Das ist in der Pflanzenwelt nicht anders. 

Gemeinhin gehen wir davon aus, dass Stauden und Bäume «dumbe» Zellgebilde sind – obwohl die moderne Wissenschaft schon längst das Gegenteil bewiesen hat. Pflanzen können hören, riechen, sehen. Und vor allem können sie miteinander reden, wenngleich ihre Sprache nicht auf Worten, sondern auf Biochemie basiert. Was einen grossen Vorteil hat: Denn würden die Pflanzen wie wir Menschen losplappern, wäre es mit der Ruhe vorbei. Kaum vorstellbar, wie unerträglich das Getöse in freier Natur wäre. 

Dann hörten wir beispielsweise den Ahornbaum schreien: «Hey Kolleginnen und Kollegen, an mir knabbern gerade Schädlinge – also Vorsicht.» Stattdessen aber bleibt er stumm und warnt umliegende Artgenossen mit Blattduftstoffen vor der Gefahr, damit diese ihre natürlichen Schutzmechanismen hochfahren können. Mittlerweile sind rund 2000 Duftvokabeln in 900 Pflanzenfamilien erforscht. Mais lässt beispielsweise mit seinem «Eau de Place» Nachbarinnen und Nachbarn in Monokulturen wissen: «Ganz schön eng hier. Also überlegt euch gut, wohin ihr wachst.» Keimlinge suchen sich daraufhin das Stückchen Freiraum, den ihnen die Bäuerin, der Bauer gewährt – und füllen diesen aus.

WWW: Das World Wood Web läuft heiss

Ohne Zweifel: Pflanzen stehen nonstop miteinander im Dialog und verlieren kein Wort darüber. Auch die Wurzeln mischen im Austausch rege mit. Sie sind mit Mikroben online geschaltet, die in ihrem direkten Umfeld in der Erde leben, und können diesen punktgenau mitteilen, welche Mineralien ihre Mutterpflanzen gerade brauchen. Als Gegenleistung versorgen sie die Mini-Helfer mit Zucker, die sie aus der Photosynthese der Blätter beziehen. Das ist nur ein Beispiel unter vielen: Unter dem Boden gibt es jede Menge zu besprechen und zu regeln. Denn das Edaphon, also sämtliche im Boden lebenden Organismen, erreichen in einem gesunden Waldstück gerne ein Gewicht von rund 25 Tonnen pro Hektar. Und jeder Organismus hat Wünsche und Bedürfnisse.

Über das «World Wood Web» tauschen sich Pflanzen selbst über grosse Distanzen aus. Dazu muss man wissen: Eine Pflanze ist in der Regel unter der Erde genauso mächtig wie darüber. Die Wurzeln verästeln sich in viele Milliarden haarfeine Spitzen, und diese sind ständig in Bewegung. Jene der Buchen pflügen sich beispielsweise einen Millimeter pro Stunde durch den Boden. Die Wurzelenden betasten Sandkörnchen, wittern Salze, folgen mikroskopisch winzigen Wasseradern – und erzählen den Wurzelgeflechten anderer Pflanzen, die sie unterwegs antreffen, von ihren Erfahrungen. Mehr noch: Sie hören sich gegenseitig zu und tauschen sich darüber aus, ob Trockenheit oder anderes Ungemach droht: dank chemischen Prozessen. 

wachsendes Wurzelsystem von Weizenkeimlingen
Wachsendes Wurzelgeflecht von Weizensprösslingen © shutterstock

Der Dialog der Wurzel erfolgt direkt über sich berührende Teile oder über fadenförmige Pilzzellen, die sich im Boden zu einem riesigen, natürlichen Glasfasernetz formieren. Unterirdische, myzelische Netzwerke sind in der Lage, Informationen über 20 Meter zu transportieren. Manche Forscher vergleichen das Geflecht sogar mit dem menschlichen Gehirn, weil es sich ständig neu formiert und ständig dazu lernt. 

Sie sehen: Die Kommunikation von Pflanzen ist raffiniert und gut erforscht. Einzelne Biologinnen und Biologen leiten daraus sogar eine Eigenheit ab, die bislang Menschen und Tieren vorbehalten war: Auch Pflanzen können sich uneigennützig und selbstlos verhalten, wenn dadurch der Bestand der Familie oder der Art abgesichert wird. Studien haben tatsächlich nachgewiesen, dass gewisse Pflanzenarten sehr viel grosszügiger mit Ressourcen umgehen, wenn sie von ihresgleichen umgeben sind. In Gesellschaft mit artfremden Pflanzen halten sie sich damit messbar zurück. Folglich können Pflanzen zwischen verwandten und artfremden Pflanzen unterscheiden. Forscher vermuten, dass ihnen die Kommunikation dabei massgebend hilft, beispielsweise aufgrund von Sekretionen familienspezifischer Proteine.

Das ABC der Pflanzensprache

Es ist also höchste Zeit, dass wir unser Bild vom Grünzeug überdenken und korrigieren. Das gilt insbesondere für Hobbygärtner. Sie sollten die Sprache der Pflanzen lernen und die Kommunikation ihrer Lieblinge unterstützen. Klingt schwierig, ist aber einfach: Das ABC der Pflanzensprache fängt mit dem Bodenleben an. Dieses sollte man pflegen (durch Mulchen), schonen (nicht ständig umgraben) oder fördern (durch Beigabe effektiver Mikroorgansimen). Allein damit lässt sich der Austausch zwischen Pilzen, Bakterien und Pflanzen in Schwung halten. Selbst die Landwirtschaft kommt darauf zurück. Denn wer die Sprache der Pflanzen versteht und für sich nutzt, hält sie gesünder, optimiert deren Ressourcenverbrauch und erhöht damit gleichzeitig die Erträge. Ganz natürlich, ohne Einsatz von Chemie. 

Die Sprache der Pflanzen wird insbesondere mit Blick auf die zu erwartenden Klimaextreme wichtiger. Sonst bleibt das Grün schon bald für immer stumm. Dann wird es heissen: Kein Anschluss unter dieser Nummer.

Unser Gartenpöstler

Roland Grüter (60) ist leidenschaftlicher Hobbygärtner und folgt strikt den Regeln des Bio-Gärtnerns. Sein erstes Reich hat er vor 40 Jahren aus Not angelegt – er wollte die Pflanzen aus dem Garten eines Hauses retten, das abgerissen wurde. Heute lebt er in der Nähe von Zürich und hegt und pflegt einen kunterbunten, wilden Blumengarten. Eine Ecke ist darin für Gemüse reserviert. Roland Grüter schreibt an dieser Stelle regelmässig über seinen Spass und seine Spleens im grünen Bereich.

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