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Die Sonnenkinder

Sonnenblumen verkörpern den Sommer wie keine andere Vertreterin des Hobbygartens. Entsprechend werden sie von Naturfans umworben. Auch unser Gartenautor findet an den blühenden Giganten Gefallen – obwohl sie eine Eigenheit haben, die ihm sonst verdächtig ist.

Ich mag starke Menschen mit eigenständigen Meinungen. Im Gegenzug bekunde ich Mühe, wenn jemand laviert und sich darum drückt, Stellung zu beziehen. Und all jene, die ihre Meinung ständig davon abhängig machen, wer ihnen vis-a-vis sitzt, sind mir zuwider. Denn Diskussionen mit dieser Spezies sind langweilig, gerade weil sie einem unentwegt zustimmen. Davon gibt es erstaunlicherweise viele. Wohlgemerkt: ausserhalb meines Freundeskreises. 

Ich nenne solche Menschen Echoloten, da sie genau besehen nicht die eigene, sondern die Ansichten anderer vertreten. Der Volksmund bezeichnet sie aber gemeinhin als Wendehälse. Denn diese richten ihre Köpfe immer danach aus, wo die Sonne aktuell am hellsten scheint – getrieben von der Angst, plötzlich im Schatten zu stehen. Also lieber den Starken zuklatschen, als Risiken eingehen. 

Auch im Reich der Pflanzen gibt es Wendehälse – nur sind mir diese weit sympathischer. Das entsprechende Grün richtet Blüten und Blätter immer nach dem Stand der Sonne (altgriechisch: Helios) aus. Diese drehen sich im Laufe des Tages von Ost nach West und kehren in der Nacht in die Startposition zurück. Biologen bezeichnen diese Fähigkeit als Heliotropismus. Sie bietet dem Grün enorme Vorteile: Denn vermögen Blüten und Blätter dem Sonnenlauf zu folgen, können sie in der Photosynthese – mit der sie dank UV-Strahlen wichtige Nährstoffe generieren – die volle Power nutzen. 

Der Gartenpöstler

Roland Grüter, Gartenkolumnist der Zeitlupe

© Jessica Prinz

Roland Grüter (60) ist leidenschaftlicher Hobbygärtner und folgt strikt den Regeln des Bio-Gärtnerns. Sein erstes Reich hat er vor 40 Jahren aus Not angelegt – er wollte die Pflanzen aus dem Garten eines Hauses retten, das abgerissen wurde. Heute lebt er in der Nähe von Zürich und hegt und pflegt einen kunterbunten, wilden Blumengarten. Eine Ecke ist darin für Gemüse reserviert. Roland Grüter schreibt an dieser Stelle regelmässig über seinen Spass und seine Spleens im grünen Bereich.

Zu den wohl bekanntesten Repräsentantinnen dieser raren Spezies gehören die Sonnenblumen. Andere Stauden, die zur heliotropischen Gruppe zählen, nutzen spezielle Zellen, die sogenannten Motorzellen, um der Sonne zu folgen. Diese befinden sich in verdickten Bereichen des Stiels oder an den Ansätzen von Blättern und Blüten. Sonnenblumen jedoch besitzen keine Motorzellen, stattdessen machen chemische Prozesse die Wendemanöver möglich. Überdies können sich die Pflanzen offenbar Ereignisse merken, die alle 24 Stunden wiederkehren (zum Beispiel den Sonnenaufgang) und richten ihre Prozesse entsprechend darauf aus. Was Forscher zum Schluss bringt, dass Sonnenblumen vom circadianen Rhythmus angetrieben werden, also von der inneren Uhr. Denn besonnten sie diese von einem fixen Punkt aus, erlahmten die Pflanzenteile merklich und hielten sozusagen inne. Andere Versuche zeigten, dass Sonnenblumen zudem erstaunlich schnell auf andere Umwelteinflüsse reagieren können.

Geschlossene Sonnenblume im Morgenlicht
© Oldiefan/Pixabay

Klingt komplex, heisst aber einfacher formuliert: Sonnenblumen sind klug und erprobte Überlebenskünstler. Das hat sich gerade diesen Sommer wieder bewährt, auch im Garten vor meiner Haustür. Denn dieser wurde heuer vom Wetter ebenfalls hart getroffen. Der Hagelgreuel dauerte zwar nur knapp 15 Minuten, doch das genügte, um aus den meisten Pflanzen Matsch zu machen. 

Welch Wunder: Die Sonnenblumen aber trotzten dem Elend. Zwar hingen auch deren Blätter wie zerfetzte Lumpen an den langen Stielen, in der Folge liessen sich die Blumenriesen jedoch einfach neue wachsen. Kurzum: Sie stehen noch immer aufrecht. Wahrscheinlich sind sie während des Unwetters mal kurz unters Dach der Loggia geflüchtet … Denn ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, wie sie das Unwetter derart gut überstehen konnten. 

Immer, wenn ich jetzt zum Fenster meines Büros hinausschaue, sehe ich die Blüten der Riesen. Sie sind erst vor kurzem aufgegangen und sitzen stolz und mächtig wie kleine Köpfe gut drei Meter über dem Boden. Als wollten sie signalisieren: Lasst euch durch Nichts unterkriegen, so sehr Euch der Wind um die Ohren bläst. Das ist tröstlich, gerade in schweren Zeiten. Sagt ichs doch: sehr sympathisch, die Wendehälse des Pflanzenreiches.

© pixabay

Wussten Sie, dass Sonnenblumen…

  • …bis 9 Meter und 17 Zentimeter gross werden können? Bei dieser Marke steht aktuell der Weltrekord.
  • ….gemeinhin für Positives stehen? Unter anderem stehen sie für Treue, weil sie der Sonne von morgens bis abends folgen.
  • …bereits vor ca. 4500 Jahren in der amerikanischen Natur, am Mississippi, wuchsen? In Nordamerika galten sie einst als Symbol der Sonnengötter, da sie ja wie kleine Sonnen aussehen.
  • …aus einer weit verbreiteten Familie stammen? 67 Arten sind bekannt.
  • …sogar den französischen Sonnenkönig, Ludwig XIV, begeisterten? Dieser liess im Zenit seiner Macht Münzen mit Sonne und Sonnenblume prägen.
  • …in der Vase besser halten, wenn man den untersten Teil der frisch geschnittenen Stiele rund 10 Minuten in ein heisses Wasserbad taucht? Dadurch kann aus den Stielen Luft entweichen und die Wasseraufnahme wird verbessert. Sonnenblumen sollte man übrigens an einem regenfreien Tag und möglichst frühmorgens schneiden (vorzugsweise mit einem scharfen Messer).
  • …von spanischen Seefahrern nach Europa gebracht wurden, wo sie seit 1552 als Zierpflanzen angebaut werden? Ihren Wert als Nahrungsmittel entdeckte man diesseits des Atlantiks erst im 17. Jahrhundert: Deren Kerne wurden für Backwaren verwendet. Als Ölpflanze wird sie erst seit dem 19. Jahrhundert genutzt.
  • …Giftstoffe binden, was in der Mundhygiene und in der Landwirtschaft gleichermassen genutzt wird? Sonnenblumenöl reinigt die Mundschleimhäute und die Pflanzen leicht kontaminierte Böden. Wissenschaftler sprechen hierbei von Phytoremediation. Die Energiepflanze extrahiert Schadstoffe aus Böden. Diese lagern sich im Grün an, die Biomasse wird abschliessend verbrannt.
  • … ihren Namen aus der griechischen Mythologie haben? In einem Gedicht von Ovid steht geschrieben: Einst verliebte sich das Mädchen Clytia in den Gott Apollon. Dieser verschmähte Clytia und daraufhin setzte sie sich nackt auf einen Felsen, ass und trank nichts und beklagte ihr Unglück. Die Verliebte schaute neun Tage Apollon zu, wie der seinen Wagen über den Himmel bewegte. Dann wurde ihr Herzeleid zu gelben und braunen Farben: Clytia verwandelte sich in eine Sonnenblume, die ihre Blüte stets nach der Sonne (Apollos Sonnenwagen) drehte.
  • ….weltweit auf 26,7 Millionen Hektar angebaut wird? Denn die Sonnenblume ist auch eine Ölpflanze, sie nimmt die weltweit drittgrösste Anbaufläche in Anspruch: nach Sojabohnen (124,9 Mio. Hektaren) und Raps (37,6 Mio. Hektaren).
  • …nicht bloss ein paar, sondern abertausende Blüten tragen? Genau besehen bestehen diese aus unzähligen Mini-Blüten.
  • … vor allem jene Menschen begeistern, die eine ausgewiesene Liebe zur Natur haben und sich für eine glückliche Zukunft engagieren? Deshalb steht sie unter anderem im Logo der deutschen Grünen Partei. Und auch die Blumenkinder der 1960er-Jahre erklärten die Sonnen- zur Lieblingsblume.


  • Wachsen auch in Ihrem Garten Sonnenblumen? Teilen Sie Ihre Tipps und Erfahrungen mit anderen Hobbygärtnerinnen und -gärtnern und schreiben Sie einen Kommentar dazu. Wir würden uns freuen.
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