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Das Grab ­­– kein Platz für Anarchie

Hobbygärtnerinnen und -gärtner sollten ihre Leidenschaft zügeln, wenn sie ein Grab bepflanzen. Sonst endet ihr Unterfangen in einem Fiasko. Das musste auch unser Gartenautor erfahren. 

Mein Lebensmensch liegt nun schon seit drei Jahren auf dem Friedhof Sihlfeld begraben. Einzig der Name auf dem Granitstein verweist auf ihn, die Katzenminze hält den Schriftzug jedoch längst bedeckt. Auch die Messingskulptur, die wir für Thomas in den Granit getrieben haben, liegt unter dem Wildwuchs verborgen. Es ist ein schöner Ort, voller Ruhe und Trauer. Er befindet sich abseits der weitläufigen Parkanlagen mit ihren mächtigen Baumriesen, in denen Zürcherinnen und Zürcher Erholung von Hektik und Stress suchen. Auch Thomas und ich gingen hier regelmässig spazieren und karrten in guten Zeiten Enkelin Nora durch die Gräberreihen, bis die Kleine in ihrem Kinderwagen einschlief. Damit zumindest für ein, zwei Stunden Ruhe war.

Die Ruhe des Seelenfrieden

Nun stehe ich alleine in der Idylle, Thomas ist nicht mehr. Die Mauern trennen sein Grab von den gut besuchten Spazierwegen. Wer den Hallengang der nahen Kapelle quert und die paar Stufen zu den Urnengräben hinuntersteigt, kehrt dem Leben für einen Moment den Rücken und wendet sich den Toten zu. Die Zeit scheint hier zäher zu fliessen als anderswo, meist sind die Gräberreihen menschenleer, sodass man seinen Liebsten ganz nahekommt, ohne jegliche Ablenkung. Wenn man denn deren Nähe sucht.

Mittlerweile habe ich gelernt, mit dem Tod zu leben. Die Trauer schnürt mir zwar noch immer regelmässig die Luft weg. Aber mittlerweile weiss ich, dass sich die Enge irgendwann weitet und die bleierne Leere leichter wird. Trotzdem scheint es mir noch immer seltsam, ja geradezu unbegreiflich, dass ich mit jenem Menschen, dem ich näherstand als allen anderen, keine Zukunft mehr haben soll – dass einzig die Vergangenheit und Erinnerungen uns verbinden. Mir ist das Grab zwar nicht sonderlich wichtig. Trotzdem zieht es mich dorthin, als müsste ich mich immer wieder aufs Neue überzeugen, dass Thomas tatsächlich hier begraben liegt und ich mir das nicht bloss einbilde. Wie in einem blöden Traum. 

In der Reihe, in der Thomas begraben liegt, herrscht rechtschaffene Ordnung. Die Gräber, die der Friedhofsgärtner bestellt, sind allesamt mit Erikas bestückt. Die einen mit mehr, die anderen mit weniger Pflanzen – über die Zahl entscheidet das Abonnement, das die Angehörigen für die Grabpflege gelöst haben. Die violetten Heidekräuter sind fein säuberlich ausgerichtet, als hätte sie der Gärtner nicht mit einer Schaufel, sondern mit einem Lineal gepflanzt. Auf der Stirnseite trennt ein 15 Zentimeter grünes Band den Gehweg von den Blumen. Der Streifen ist mit einem trittfesten Bodendecker bewachsen, er soll das Auge der Betrachter beruhigen, das jedenfalls habe ich irgendwo gelesen. Er soll die Gräber offenbar optisch verbinden, so wie der Tod die Menschen vereint, die hinter dem Streifen liegen. Ein schönes Symbol.

Auch ein guter Wille hat seine Grenzen

Als wir Thomas zu Grabe tragen mussten, führte uns ein Friedhofsgärtner durch die Grabreihen. Er präsentierte uns die freien Gevierte, listete ohne Punkt und Komma deren Vorteile auf. «Eine gute Sonnenlage» – «Der Blick auf den Üetliberg ist grandios» – «Eine Ecke voller Poesie» – «Der Baum ist wie eine Himmelsleiter» Wie ich später feststellen musste, war der Gärtner dermassen mit den Vorzügen der Lagen beschäftig, dass er darob die vielen Regeln vernachlässigte, die auf dem Friedhof auch gelten. Ein seitendicker Leitfaden gibt vor, was zu tun und vor allem zu lassen ist: damit das Leben nach dem Tod nicht aus den Fugen gerät. Darauf verwies uns der Gärtner nur beiläufig. Was nicht weiter schlimm war: Die Wissenslücke füllte sich schnell von alleine. Und mit einer Wucht, die das ABC der Friedhofsruhe unvergessen machte.

Als veritabler Hobbygärtner beschloss ich nämlich, die Grabpflege selber zu übernehmen. Ich wollte Thomas vor der rechtschaffenen Uniformität, von der Stiefmütterchen- und Erika-Tristesse bewahren – und ihm stattdessen ein blühendes Denkmal setzen. Bunt und wild sollte dieses sein, so einzigartig wie sein Naturell. Also trug ich zusammen mit dessen Tochter Katzenminze, Himmelsleitern und Glockenblumen an den Ruheplatz, kaum war der Grabstein gesetzt. Es war ein schöner Frühlingstag, wir wollten das braune Geviert mit neuem Leben füllen. Wir radierten den Grünstreifen vor dem Wegrand aus, er stand unseren Plänen im Weg. Wir trieben Löcher ins Erdreich, versenkten darin das mitgebrachte Grün, und unsere Freude an der Bepflanzung war dermassen gross, dass wir erst beim Weggehen bemerkten, dass diese etwas breiter geraten war als vorgesehen. Doch was solls? Die umliegenden Gräber waren ohnehin unbewohnt.

Samstags war die Begeisterung gross, montags um 8 Uhr aber klingelte das Telefon. Die Friedhofsverwaltung! Die Verantwortliche war hörbar bemüht, freundlich zu bleiben. Doch in ihren Worten schwang Unverständnis, ja sogar Verachtung mit. Denn unserer Freveleien waren gross. Der aufgehobene Grünstreifen, das ausgeweitete Grab, die Fülle der Bepflanzung – pure Anarchie. «So etwas dulden wir nicht», schallte es messerscharf aus dem Telefonhörer, sodass ich eine Sekunde befürchten musste, Thomas werde ausgewiesen, und wir müssten uns neuerlich auf die Suche für ein angemessenes Verbleiben machen. 

Ordnung geht vor

Doch das Schicksal war gnädig. Die Verwalterin liess sich beruhigen. Sie bestellte mich gleichentags zu einem Krisengipfel vor dem Grab, damit sie mir eindringlich erklären konnte, worauf Recht und Ordnung der Friedhofsruhe bauen. Selbstredend hörte ich der Dame geduldig zu und schwor Reue, schliesslich wollte ich den Seelenfrieden meines Freundes nicht zusätzlich belasten. Offenbar konnte ich sie aber nicht gänzlich von meiner Einsicht überzeugen. Denn am Schluss der Predigt schlug sie mir vor, «das Chaos» selber zu beheben. Sicher ist sicher.

Nun hat alles wieder seine Ordnung. Der grüne Streifen vor Thomas Grab ist neu gezogen, das Übermass ist zurechtgestutzt, und das Wirrwarr entflochten. Von den mitgebrachten Pflanzen hat einzig die Katzenminze überlebt. Diese überspannt das Grab mit voller Wucht. Seine blauen Blüten locken von Juli bis in den Herbst Bienen herbei. Durch die Grabreihen hallt jetzt ein kräftiges Summen. Das Kommen und Gehen ist beeindruckend gross und wirkt sogar etwas tröstend: schön, dass selbst ein Ort der Trauer Schönes stiften kann. Hoffentlich verstösst der süsse Lärm nicht gegen etwelche Regeln. Sonst muss ich meinen Lebensfreund doch noch umbetten.

Der Gartenpöstler

Roland Grüter, Gartenkolumnist der Zeitlupe

© Jessica Prinz

Roland Grüter (60) ist leidenschaftlicher Hobbygärtner und folgt strikt den Regeln des Bio-Gärtnerns. Heute lebt er in der Nähe von Zürich und hegt und pflegt einen kunterbunten, wilden Blumengarten. Roland Grüter schreibt an dieser Stelle regelmässig über seinen Spass und seine Spleens im grünen Bereich.


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