Die Wegweiser werden gerne von vermeintlichen Spassvögeln verdreht und zeigen auf ungewöhnliche Wege. © Claudia Herzog

Auf grünen Wegen mit Gottfried Keller

In vier Stunden führt der lauschige Gottfried-Keller-Dichterweg von der S-Bahn-Station Glattfelden nach Kaiserstuhl. Die Strecke führt durch schöne Landschaften und als Zwischenverpflegung gibt es literarische Leckerbissen. Eine Ausflugs-Empfehlung für Körper und Geist.

Text und Bilder: Claudia Herzog

«Du stiller Ort am alten Rhein», schrieb Gottfried Keller über das Paradiesgärtli in seinem Gedicht «Gegenüber». Wie der grosse Schweizer Dichter diesen Flecken Erde wohl heute in Worte fassen würde? Wie würde er das Rauschen benennen, das nicht der Fluss erzeugt, sondern fahrende Autos auf einer weit entfernten Strasse?

Das Paradiesgärtli ist der höchste Aussichtspunkt des Gottfried-Keller-Dichterwegs und liegt auf dem Plateau des Laubbergs oberhalb von Glattfelden. Einen Garten, wie zu Gottfried Kellers Zeiten gibt es heute hier zwar nicht mehr, aber die Aussicht ins Rafzerfeld und übers Badenseerland, birgt in der Tat paradiesische Züge.

Der Blick in die mit Sonnenlicht durchdrungenen Landschaften helfen der eigenen Fantasie auf die Sprünge. Fast meint man die Präsenz des berühmten Schweizer zu spüren, stellt ihn sich als junger Mann vor, wie er seinen dichten Bart kraulend, Verse reimte, während er auf den Rhein hinunterblickte.

Herrliche Aussicht auf ein Meer von Weizen. © Claudia Herzog

An dessen Ufer liegt die Heidenstube – eine Felshöhle, die Gottfried Keller in einem seiner berühmtesten Romane, dem «Grünen Heinrich», erwähnt. Überhaupt spielen die Rheinlandschaft und die umliegenden Dörfer und Städtchen eine wichtige Rolle in vielen seiner Novellen und Gedichte.

Kraftort Glattfelden

Der junge Gottfried Keller (1819–1890) verbrachte in Glattfelden zuerst glückliche Zeiten bei der Grossmutter, dann längere Auszeiten bei seinem Onkel, dem Landarzt Johann Heinrich Scheuchzer. So auch die ersten Monate nach jenem fatalen Rauswurf aus der Zürcher Industrieschule, wo Gottfried Keller wegen einer Demonstration gegen einen unbeliebten Lehrer von einem Tag auf den andern als Sündenbock auf der Strasse landete. Seine Hochschulkarriere war nach diesem Vorfall für immer beendet.

Zu jener Zeit lebte sein Vater schon nicht mehr und die Mutter hatte in der Stadt den ersten Gesellen der Tischlerei geheiratet. Kellers Eltern waren zuvor aus Glattfelden nach Zürich ausgewandert.

In einer Talmulde gelegen, von Bergflanken abgeschirmt und abseits grosser Heerstrassen, war Glattfelden ein sehr beschauliches Bauerndorf, ein für Gottfried Keller dringend benötigter und Ruhe verströmender Kraftort. Besonders die Natur von Glattfelden hatte für den 14-Jährigen eine magische Anziehungskraft, häufig wurde er von seinem Onkel auf ärztliche Anweisung hin mit der Staffelei zum Malen hinausgeschickt.

Das Gute liegt fern und nah. © Claudia Herzog

Im schönen Tafelwald

Auf Gottfried Kellers Spuren lässt sich wunderbar wandern. Vom Bahnhof in Glattfelden bis zum Gottfried-Keller-Museum, hinauf zu den Rebbergen, durch den Wald ins Paradiesgärtli und weiter nach Zweidlen und Kaiserstuhl markieren Gedichte und Geschichten die Gegend, in welcher der Dichter einen Teil seiner Jugend verbracht hat.

13 Kilometer lang ist der Dichterweg und in gut vier Stunden zu bewältigen. Über 100 Wegweiser, die auf weissem Hintergrund das Konterfei Gottfried Kellers zeigen, weisen einem dabei dem Weg. Offenbar werden diese Markierungen gerne von vermeintlichen Spassvögeln verdreht; so weist eines direkt ins dichte Maisfeld. Sehr wahrscheinlich hätte der Dichter diesen Humor goutiert, mochte Gottfried Keller doch keine ausgetretenen Pfade, sondern wählte lieber seine eigenen.

Wer nicht den ganzen Weg in Angriff nehmen möchte, kann sich auf eine von insgesamt fünf Etappen ­beschränken. Eine Übersichtstafel am Bahnhof in Glattfelden schlägt die verschiedenen Wanderstrecken vor, jede einzelne ist gut ausgeschildert.

An der Holzbrücke wartet ein literarischer Leckerbissen. © Claudia Herzog

Vom Bahnhof geht es in wenigen Minuten hinab Richtung Glatt, der Weg ist umsäumt von Brombeerranken und Brennnesseln, vor einer schönen Holzbrücke lässt sich zum ersten Mal wunderbar zum Gedicht «Am Wasser» verweilen.

Ich liege beschaulich
An klingender Quelle
Und senke vertraulich
Den Blick in die Welle
Ich such in den Schäumen
Weiss selbst nicht, wonach?
Verschollenes Träumen
Wird in mir wach

Der Köper wird ruhig, die Gedanken beginnen zu schweifen. Der Alltag entfernt sich mehr und mehr. So wird aus einem gewöhnlichen Wochentag ein perfekter Ferienmoment.

© Claudia Herzog

«Gottfried Keller»-App

Zum 200-Jahre-Jubiläum von Gottfried Keller wurde 2019 der Dichterweg zeitgemäss mit einer Smartphone-App bereichert. Die App «Gottfried Keller» lässt einen den Schweizer Dichter in und um Glattfelden interaktiv erleben und enthüllt entlang des Dichterwegs spannende Details zur Region und zum Leben und Schaffen des Künstlers.

Weitere Informationen finden Sie auf https://www.gkz.ch/dichterweg-1/