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Alles hat seine Zeit 05. Januar 2026

Die langjährige Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder erzählt alle zwei Wochen aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Abschieden und Anfängertum.

Mit ihrem 223sten und letzten Blog verabschieden wir unsere ehemalige Kollegin und Redaktorin Usch Vollenwyder nach 28 Jahren bei der Zeitlupe. Was als eine Art Corona-Tagebuch begann, entwickelte sich zu einer Sammlung feinsinniger Alltagsgeschichten, die uns berührten, zum Nachdenken oder Schmunzeln brachten und uns nicht selten eine Träne entlockten. Die Redaktion bedankt sich herzlich für die vielen weisen Worte aus dem Gürbetal und wünscht Usch Vollenwyder für ihre zeitlupefreie Zukunft von Herzen alles Gute.

«Alles hat seine Zeit.» Mit diesem Bibelvers beginnt der Pfarrer den Neujahrsgottesdienst. Gleichzeitig ist es seine Abschiedspredigt: Vor zwei Jahren – aus akutem Seelsorgermangel – hatte man ihn aus der Pensionierung zurückgebeten. Nun wird er siebzig, und nach kantonaler Gesetzgebung ist damit der definitive Zeitpunkt für den Rücktritt gekommen. Das neue Jahr hat begonnen, doch hinter ihm leuchten noch die Lichterketten am Tannenbaum, und auch die grosse, von Frauen der Kirchgemeinde liebevoll gestaltete Krippe, wird erst später abgebaut. Neuanfang und Ende sind denn auch die Themen in diesem Gottesdienst.

«Es gibt eine Zeit des Geborenwerdens und des Sterbens» zitiert der energisch und jugendlich wirkende Pfarrer weiter. Die Zeit vom Beginn des Lebens bis zu seinem Ende sei erfüllt von Wandel, mit immer wieder neuen Anfängen und mit Abschieden – im Kleinen wie im Grossen. Vor zwei Jahren habe er seine Arbeit in der Kirchgemeinde wieder als Anfänger begonnen, nun sei es Zeit, sie an seinen Nachfolger zu übergeben. In seiner Predigt macht er Mut zum Aufbruch als Anfängerinnen und Anfänger, um am Ende sagen zu können: «Jetzt darf es auch mal gut sein.»

Wie sehr fühle ich mich angesprochen! Ich war eine Anfängerin, als ich meine erste Kolumne schrieb. Im März 2020 hatte der Bundesrat die «ausserordentliche Lage» ausgerufen und brachte so das öffentliche Leben weitgehend zum Stillstand. Unser Redaktionsteam suchte nach Wegen, mit der Leserschaft in Kontakt zu bleiben. «Uschs Notizen» boten dazu eine Möglichkeit: Zunächst täglich, später jede Woche, schrieb ich von Angst und Hoffnung, von Wut und Trauer, und von den vielen Unsicherheiten, welche damals den Alltag von uns allen prägte.

Corona ging vorüber, die Lust am Schreiben von Kolumnen blieb. Auf zeitlupe.ch erzählte ich weiterhin von meiner Arbeit, vom Leben im Gürbetal, vom Alltag in unserem Generationenhaus und von der Kleinen, die inzwischen eine grosse Kleine geworden ist. In vielen dieser kurzen Texte machte ich mir Gedanken über das Zeitgeschehen, die Zukunft der Menschen und das Schicksal unseres Planeten. Meine Kolumnen sollten nahe bei den Menschen sein und an ihre Erfahrungen anknüpfen. Mein Wunsch war es, dass sich viele Leserinnen und Leser in meinen Gedanken wiederfanden.

Nach sechs Jahren und mehr als zweihundert Kolumnen «darf es auch mal gut sein». Ich werde noch einmal zur Anfängerin in einem Lebensabschnitt ohne berufliche Verpflichtungen und Termine. Noch einmal tut sich ein neuer Raum auf, den ich gestalten und auskosten möchte – was auch immer geschehen mag. So, wie es Rose Ausländer in ihrem Gedicht «Nicht fertig werden» schreibt:

Die Herzschläge nicht zählen,
Delfine tanzen lassen.
Länder aufstöbern,
aus Worten Welten rufen,
horchen, was Bach zu sagen hat.
Tolstoi bewundern.
Sich freuen, trauern.

Höher leben, tiefer leben.
Nicht fertig werden.

Beitrag vom 05.01.2026
Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin
© Jessica Prinz

  • Ruth El Waziry sagt:

    Schade das es dies tollen Geschichten von Usch nicht mehr geben wird
    Ich habe diese oft auch an Kolleginnen weitergeschickt
    wünsche Frau Vollenwyder Alles Gute und viel Glück auf Ihren neuen Wegen

  • Ruth Erne sagt:

    Ich habe immer mit Vergnügen die Notizen von Usch gelesen. Alle waren so treffend aus dem Leben gegriffen. Mit einer Prise Humor und Leichtigkeit waren alle schnell verschlungen. Herzlichen Dank!

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