Weihnachtsreise von St.Niklaus bis St.Silvester

Sie heissen Bethlehem oder Wienacht, St. Niklaus oder Santa Maria, Engelberg oder Prosecco: In der Schweiz gibt es Orte, deren Namen das ganze Jahr über an die Weihnachtszeit erinnern. Die Zeitlupe stellt einige von ihnen und ihre Festtagsbräuche vor. 

 Text: Usch Vollenwyder, Illustrationen: Leila Merkofer

Weihnachtliche Zeichnung einer Schweizerkarte mit verschiedenen Ortsnamen, die mit Weihnachten in Verbindung stehen, ausgeschmückt mit liebevollen gezeichneten Details, wie z.B. einen Berg mit Flügeln für Engelberg.
Illustration © Leila Merkofer

Die Dezembertage sind kurz, die Nächte lang und dunkel. Der Jahreswechsel verspricht Aufbruch und Neuanfang. Die Zeit zwischen dem Beginn des Advents und dem Neuen Jahr war schon immer eine Zeit, in der Traditionen, überlieferte Bräuche und kirchliche Feste gepflegt und gefeiert wurden. Für das Christentum ist Weihnachten mit der Geburt Jesu einer der wichtigsten Feiertage im Kirchenjahr. Viele Orts- und Flurnamen gehen zurück auf christliches Brauchtum, um andere ranken sich Sagen und Legenden. 

St. Niklaus VS

Der Gedenktag des heiligen Nikolaus, Bischof von Myra im 4. Jahrhundert, wird im gesamten Christentum mit zahlreichen Volksbräuchen begangen.
Zeichnung: ein Abreisskalender mit dem Datum 6. Dezember.

Illustration © Leila Merkofer

Zwischen Bahnhof und Dorfkern steht die Pfarrkirche von St. Niklaus. Fast 37 Meter hoch ist ihr Zwiebelturm, der jeweils im Advent in den grössten Nikolaus der Welt verwandelt wird. Dessen Namenstag am 6. Dezember ist in St. Niklaus ein Feiertag. Schulen, Geschäfte und Büros bleiben geschlossen; die Gemeinde feiert ihren Namenspatron. Mit Kuhglocken gehen die Primarschülerinnen und -schüler in den nahen Wald und läuten den Nikolaus herbei, damit er den Kindern und alten Menschen des Dorfes seine Geschenke verteilt.

Unterhalb der Kirche liegt der alte Dorfkern. Die mit heimischen Steinplatten gedeckten Holzhäuser, Stadel und Ställe sind von der Sonne dunkelbraun gefärbt. Eng stehen sie beieinander und schützen vor Wind und Kälte. Die schmalen Gässchen dazwischen sind mit Kopfsteinpflaster befestigt. Noch liegt das Dorf im Schatten – es dauert lange, bis im Winter die Sonne über den Berggipfeln erscheint. «Zaniglas – ä Stuck Heimat» steht auf einer abgeblätterten Reklame. «Zaniglas» nennen die Einheimischen ihr Dorf, dessen Gemeindegebiet sich bis auf eine Höhe von 4500 Metern erstreckt und gegen dreissig Weiler umfasst.

Wer St. Niklaus besuchen will, nimmt in Visp die Matterhorn-Gotthard-Bahn Richtung Zermatt. Vor allem Tagestouristen und Feriengäste, viele aus Asien, sind unterwegs. Sie drücken ihre Gesichter gegen die Panoramafenster und zücken ihre Handys. Die Felswände sind steil. Geröll schiebt sich durch die bewaldeten Hänge bis hinunter zur Mattervispa, die sich ihren Weg zwischen wildem Gestrüpp, Gesteins- und Felsbrocken sucht. Der Zug fährt um Kurven und durch Tunnels und gewinnt langsam an Höhe. Für viele Bahnreisende ist allein die Zugfahrt hinauf nach St. Niklaus ein besonderes Erlebnis.


Internet: st-niklaus.ch, pfarrei-zaniglas.ch
Zur Weihnachtszeit: Patronatsfest am 6. Dezember 

Zeichnung: ein Mann mit roter Mütze zieht einen Schlitten.

Santa Maria Val Müstair

Die katholische Welt feiert Maria Empfängnis. Das Dogma aus dem Jahr 1854 besagt, dass die Mutter Jesu ohne Erbschuld geboren wurde.
Zeichnung: ein Abreisskalender mit dem Datum 8. Dezember.

Illustration © Leila Merkofer

Es war Karl der Grosse, der den Grundstein zur Gemeinde Santa Maria zuhinterst im Münstertal gesetzt haben soll. Aus Dankbarkeit, mit Gottes Hilfe einem schrecklichen Unwetter entkommen zu sein, baute er zu ihren Ehren im Jahr 801 eine Kapelle – das spätere Kloster St. Johann in Müstair, das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Santa Maria ist heute gut zur Hälfte protestantisch. Es ist eines der sechs Dörfer auf der östlichen Seite des Ofenpasses, die vor elf Jahren zur Gemeinde Val Müstair fusioniert haben. Der besondere Reichtum dieser rund achtzehn Kilometer langen Talschaft ist ihre Ursprünglichkeit und Nähe zur Natur – zu jeder Jahreszeit.

Sta. Maria schaffte mit der kleinsten Whisky-Bar der Welt einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde: Die SWBOE, die «smallest Whisky Bar on earth», hat auf gerade einmal achteinhalb Quadratmetern über 300 Whiskysorten zur Auswahl. Zur Bar gehören auch ein Whisky-Museum und – auf 1400 m ü. M. – die wohl höchstgelegene reine Single-Malt Whisky Brennerei. Als Alternative zur Whisky-Bar bietet sich ein Besuch in der Handweberei Tessanda an: Bis heute werden auf den zum Teil über hundertjährigen Webstühlen Geschirrtücher und Tischdecken, Vorhangstoffe und Teppiche, Taschen, Etuis oder Schals aus Wolle, Leinen, Baumwolle oder Seide gewoben.


Internet: cdvm.ch, val-muestair.ch, mustair.ch, tessanda.ch, swboe.com
Zur Weihnachtszeit: Adventsmarkt am 30. November

Bern Bethlehem

Bethlehem gilt als Geburtsstätte Jesu. Ob der Name des gleichnamigen Berner Quartiers darauf zurückgeht, ist ungewiss.
Zeichnung: ein Abreisskalender mit dem Datum 24. Dezember.

Illustration © Leila Merkofer

Der Stern von Bethlehem hängt zuoberst auf dem 36 Meter hohen Glockenturm auf dem Dorfplatz im Tscharnergut, einer der vier Hochhaussiedlungen in Bern Bethlehem. Achtzehn kleine Glocken sind während der Adventszeit zu Weihnachtsmelodien arrangiert. Sie spielen «O du fröhliche», «Stille Nacht» oder «O Tannenbaum» – immer drei Minuten vor dem Geläut der Kirchenglocken, um diesen nicht in die Quere zu kommen. Zurzeit muss jedoch der in die Jahre gekommene Glockenturm saniert werden – die vertrauten Melodien werden erst nächstes Jahr wieder zu hören sein.

Der Glockenturm war ein Geschenk des Architektenteams, das das Tscharnergut im Westen der Stadt zwischen 1958 und 1964 erbaut hatte. Dieses ist konzipiert wie ein Dorf: Hochhäuser und Wohnblöcke umgeben den Dorfplatz, das Ladenzentrum, die Schule und ein Restaurant. Begegnungsort ist das Quartierzentrum «Im Tscharni», das ein Café, eine Informationsstelle sowie eine Freizeitwerkstatt betreibt. Im Tscharni richtet die Post Bern Bethlehem an zwei Tagen im Dezember eine Poststelle ein, bei der Briefe mit einem weihnachtlichen Sonderstempel aufgegeben werden können.

Von Bethlehem führen viele Wege hinunter ins Gäbelbachtal, ein Naherholungsgebiet der Bernerinnen und Berner. Der gut ausgeschilderte Wanderweg bachaufwärts führt durch lichten Wald, über kleine Holzbrücken, manchmal dem Hang, manchmal am gurgelnden Wasser entlang. Bald hat man die Stadt im Rücken, Ruhe und Stille und die kalte Luft tun gut. Nach etwas mehr als einer Stunde ist die Mühle Riedbach erreicht; das gleichnamige Restaurant ist nur an den Wochenenden ganztags geöffnet. Der Bahnhof von Riedbach liegt inmitten von Feldern und Wiesen. Eine Station geht es mit der S-Bahn zurück – und schon ist man wieder im adventlichen Trubel der Stadt angekommen.


Internet: qbb.ch, tscharni.ch, naturbernwest.ch
Zur Weihnachtszeit: ganzer Dezember Kerzenziehen, 30. November/1. Dezember Adventsmarkt, 12./13. Dezember Sonderpoststelle 

Zeichnung: zwei filigrane Hirsche.

Engelberg

Engel verkündeten den Hirten auf dem Feld die Frohe Botschaft von Jesu Geburt. Himmlische Heerscharen sind aus der Weihnachtsgeschichte nicht wegzudenken.

«Engelwelten» heisst die Ausstellung im Talmuseum Engelberg: Rund 100 Objekte aus dem alten Ägypten, Griechenland und dem Römischen Reich gehen den Ursprüngen der Himmelsboten nach und dokumentieren ihre Entwicklung seit 2000 v. Chr. Die Ausstellung wird mit Kunst- und Alltagsgegenständen zur Namensgeschichte Engelbergs ergänzt: Die Legende besagt, dass Engelstimmen die ersten Mönche im Tal begrüsst und so dem Ort den Namen gegeben haben. «Engelwelten» ist Teil des 900-Jahr-Jubiläums des Benediktinerklosters Engelberg und dauert bis Ostern 2020.

Die barocke Klosteranlage mit seiner Kirche, den Wohn- und Schultrakten und dem Garten prägen das Dorfbild und die Geschichte Engelbergs. 1120 wurde es gegründet und war seither ständig bewohnt. Die Klostergemeinschaft überlebte während all der Jahrhunderte innere und äussere Widerstände, Feuersbrünste und Pestepidemien. Heute leben noch 20 Brüder im Alter zwischen dreissig und 92 Jahren nach der Regel des heiligen Benedikt von Nursia in ihrem Kloster und gehen ihrer Arbeit als Seelsorger und Lehrer an der Stiftsschule nach.

Von Luzern aus ist Engelberg mit der Zentralbahn in einer Dreiviertelstunde zu erreichen. Wie eine Arena umgeben Bergketten und Gipfel das Dorf und das Benediktinerkloster in der Talebene. In alle Himmelsrichtungen führen Bergbahnen in die Höhe – hinauf nach Trübsee und noch weiter auf den Titlis, Anziehungspunkt vor allem für asiatische Tagestouristen. Für Wintersportlerinnen und -sportler gilt Engelberg mit seinen über achtzig Pistenkilometern als Paradies. «Wo es immer Winter ist» verspricht die Werbung und garantiert «flockig-frisches Schneevergnügen von Oktober bis Mai».


Internet: engelberg.ch, gde-engelberg.ch, talmuseum.ch, kloster-engelberg.ch
Zur Weihnachtszeit: 1. Dezember Chlausmarkt, 7. Dezember Konzert der Musikschule, 15./19. Dezember Adventskonzert des Stiftschors Engelberg, 25. Dezember Weihnachtskonzert

Zeichnung: drei schneebedeckte Tannen.

Wienacht

Namensforscher sind sich nicht einig, wie der kleine Weiler Wienacht über dem Bodensee zu seinem Namen kam. Eine alte Sage weiss mehr darüber.
Zeichnung: ein Abreisskalender mit dem Datum 25. Dezember.

Illustration © Leila Merkofer

Einst lebte in einem Dorf im Appenzellischen eine arme Witwe namens Adeline Tobler. Ihr einziger Sohn Robert war als Reisläufer in französische Kriegsdienste gezogen. Die Sorge um ihn war gross. Es war an einem Heiligabend, als eine einsame Gestalt das Dorf erreichte. Ob seine Mutter noch lebte? Müde klopfte der Wanderer an die Tür seines Elternhauses. Im Schein der Laterne erkannte Adeline Tobler ihren Sohn Robert, überglücklich rief sie ihren Nachbarn zu: «Jetzt ist auch für mich Weihnachten geworden». Seither – so die Legende – heisst das kleine Dorf über dem Bodensee «Wienacht».

Mit einem traditionellen Weihnachtsmarkt – dieses Jahr bereits zum 27. Mal – lockt Wienacht jeweils am ersten Adventssonntag Besucherinnen und Besucher von weither in sein Dorfzentrum, das unter Heimatschutz steht. Schon im Extrazug der Rorschach-Heiden-Bahn hinauf zur Station Wienacht-Tobel erwartet der Samichlaus seine kleinen und grossen Gäste. Zum Weihnachtsmarkt gehört auch die Wienachtspoststelle: An diesem Tag werden alle Briefe mit einem Sonderpoststempel versehen.


Internet: wienachtsmarkt.ch, wienacht-tobel.ch
Zur Weihnachtszeit: Weihnachtsmarkt am ersten Adventssonntag 

St. Stephan

Mit dem «Stefanitag» wurde früher die Altjahrswoche eingeläutet. Aus dem kirchlichen Fest von einst ist ein freier Tag geworden.
Zeichnung: ein Abreisskalender mit dem Datum 26. Dezember.

Illustration © Leila Merkofer

Es soll unheimlich zu und her gegangen sein im Ried, einer Gegend zwischen dem heutigen Zweisimmen und der Lenk: Tieren geschah Böses, Menschen kamen ums Leben, Stallwände wurden eingedrückt, Geisshirten flohen vor ihrer Aufgabe. Die arme Bevölkerung war überzeugt, dass ein Lindwurm oder ein Drache in ihrer Gegend sein Unwesen treibe. In der Nähe lebte zu dieser Zeit ein Einsiedler: Stephanus sah die Hoffnungslosigkeit der Menschen und hob das Kreuz gegen den Lindwurm, der sich fauchend und Feuer speiend in seine Höhle zurückzog – so schliesst die Sage. An dieser Stelle sei später die Kirche gebaut und das Kreuz auf ihren Turm gesetzt worden. Solange es dort stehe, sei das Dorf vor allem Bösen geschützt.

Noch heute steht die weiss getünchte Kirche mit ihrer achteckigen, mit Schindeln gedeckten Turmspitze an diesem Ort in Ried. Von dort aus zieht sich St. Stephan – eine Gemeinde ohne Dorfkern – der Simme, Strasse und Bahnlinie entlang mehrere Kilometer weit Richtung Lenk. Durch St. Stephan führt auch der Obersimmentaler Hausweg: Dunkelbraune Holzhäuser mit Pflanzenmalereien an Gadenwänden und Firstkonsolen, Sternen am Vordachhimmel, mit Kreisornamenten, reich geschnitzten Friesbändern und eingekerbten Schriftzügen an den Fassaden zeugen von der Zimmermannskunst vergangener Jahrhunderte.


Internet: ststephan.ch, lenk-simmental.ch, hauswege.ch
Zur Weihnachtszeit: Chlousemärit am 6. Dezember, Stephanus-Apéro, Altjahrskonzert in der Kirche, Weihnachtsbaumverbrennen 

Schneemann

St. Silvester

Der Jahreswechsel ist ein besonderer Übergang: Man blickt zurück und wünscht sich ein gutes neues Jahr. Papst Silvester I. gab dem Tag seinen Namen.
Zeichnung: ein Abreisskalender mit dem Datum 31. Dezember.

Illustration © Leila Merkofer

Über dem Altar thront der heilige Silvester, eine Statue aus der zweiten Hälfte der 14. Jahrhunderts. Segnend hebt er seine rechte Hand, in der linken hält er eine Bibel. Golden schimmert die Papstkrone auf seinem Kopf. Ein roter Umhang fällt über sein Priestergewand. Weihnachtssterne zu seinen Füssen schmücken die Statue: Sankt Silvester ist der Namenspatron der katholischen Kirche auf dem Hügel über dem gleichnamigen Dorf rund zehn Kilometer südöstlich der Stadt Freiburg.

Der heilige Silvester gilt als Schutzpatron der Haustiere und wurde während Jahrhunderten von den Bauern für eine gute Futterernte angerufen. Seit 1682 werden in St. Silvester am 31. Dezember um fünf Uhr in der Frühmesse ein Käselaib und ein Schinken als Opfergaben dargebracht. Nach dem Hochamt um 9.30 Uhr beginnt das Dorffest. In den umliegenden Restaurants wird der traditionelle Kilbi-Zmorge serviert: Rösti mit Bratwurst oder Spiegeleiern. Danach geht es mit Musik und Tanz bis in den Nachmittag hinein.

Die kleine Kirche ist auch das Wahrzeichen von St. Silvester. Das Wappen zeigt sie auf einem grünen Hügel. vor einem blauen Hintergrund, umrahmt von einer alten Winterlinde auf der einen und einer grossen Ulme auf der anderen Seite. Die beiden Wappenbäume, die auch in der Realität vorhanden waren, mussten allerdings aufgrund ihres Alters gefällt werden. Bereits 1990 wurden sie ersetzt – aus einem Reis der alten, ehrwürdigen Murtenlinde.


Internet: stsilvester.ch
Zur Weihnachtszeit: Patronatsfest am 31. Dezember

Prosecco und Bonne Année

Zeichnung: ein Abreisskalender mit dem Datum 1. Januar.

Illustration © Leila Merkofer

Prosecco liegt im Valle di Moleno in den Tessiner Bergen nahe bei Bellinzona, Bonne Année ist ein Quartier mit einer Postautohaltestelle im Unterwalliser Dorf Vionnaz auf dem Weg hinauf nach Torgon. Mit Prosecco und Bonne Année beendet die Zeitlupe ihre festliche Tour de Suisse und wünscht ihren treuen Leserinnen und Lesern ein gutes und glückliches neues Jahr.

Zeichnung: eine Frau mit roter Mütze auf einem Schlitten.
Beitrag vom 19.11.2019