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«Einschränkungen kommen in kleinen Schritten»

Als ETH-Professor war er für die Sicherheitspolitik und in der Konfliktforschung tätig. Nun macht sich Kurt R. Spillmann Gedanken über das hohe Alter.

Mit achtzig Jahren haben Sie sich als Sicherheitsexperte aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Warum?
Nicht andere sollten mir sagen müssen, wann Zeit zum Aufhören sei. Das wollte ich selber bestimmen. Als ich in gewissen Situationen nach Namen suchen musste, war es so weit. Doch ich habe in meinem Leben schon öfter eine Aufgabe hinter mir gelassen, weil etwas Neues anstand. Jetzt beginnt wieder eine nächste Lebensphase mit anderen Aufgaben. Darauf kann ich mich gut einstellen. Die ständigen Verlustrechnungen, was man in einem gewissen Alter alles nicht mehr kann, mag ich nicht.

Was macht Ihnen Mühe?
An die zunehmenden körperlichen Einschränkungen muss ich mich gewöhnen. Sie kommen in kleinen Schritten: Die Enkel sind plötzlich viel schneller, beim Treppensteigen kommt man ausser Atem, eine stärkere Brille wird nötig, alles geht langsamer, man wird schneller müde und kann trotzdem in der Nacht nicht schlafen. Die Energie fehlt mir, nicht nur für Reisen, sondern oft auch für Museums- oder Konzertbesuche. Aber mein Interesse am Weltgeschehen ist geblieben: Ich lese täglich mehrere Zeitungen und verschiedene Fachzeitschriften. Zudem informiere ich mich im Internet.

Was verändert sich auf der sozialen Ebene?
Der Kreis der Menschen, mit denen man intensiven Kontakt hat, wird kleiner. Einerseits sterben immer mehr Weggefährten und Vertraute, andererseits interessiert einen auch nicht mehr jede Verbindung. Früher pflegten meine Frau und ich Freundschaften in aller Welt und hatten, auch wegen unserer Berufe, viele Einladungen. Heute wähle ich bewusster aus, welche Beziehungen mir noch wichtig sind. Abgesehen davon, dass ich solche Abendgesellschaften gar nicht mehr durchstehen könnte.

Wie kann man sich darauf vorbereiten, dass der Lebenskreis kleiner wird?
Das bedingt wohl eine Haltung, die man längst früher einüben muss: nicht immer die eigenen Ansprüche durchsetzen wollen. Abstriche machen und die eigenen Bedürfnisse zurückstellen können. Verzichten lernen und sich nicht immer so wichtig nehmen. Ich hoffe, dass ich in meinem Leben gelernt habe, weniger egozentrisch zu sein. Das kann mir helfen, wenn ich jetzt nicht mehr so leben kann, wie ich es gerne möchte.

Möchten Sie noch einmal jung sein?
Nein. Die Erinnerungen sind wunderschön. Aber selber noch einmal jung sein? Noch einmal durch all die schwierigen Erfahrungen und Enttäuschungen, die das Leben mit sich bringt, hindurchgehen? Wenn ich an die Zukunft unseres Planeten denke, bin ich sogar froh, schon so alt zu sein. Ich hoffe, dass unsere Enkelgeneration dereinst eine bessere Idee hat, wie unsere Welt noch zu retten wäre. Ich selber aber nähere mich jetzt langsam dem Ziel.

Dem Tod?
Der Tod ist der unausweichliche Endpunkt, das einzig Sichere im Leben. Er ist der endgültige Abschied, die schwarze Pforte, durch die jeder Mensch gehen muss. Ich möchte den Tod und die Zeit davor so bewältigen, wie ich es mir vorgenommen habe. Ich weiss aber nicht, wie ich reagieren werde, wenn es so weit ist. Ich möchte vor meiner Frau sterben. Ein Leben ohne sie wage ich mir nicht vorzustellen. Wir kennen uns seit über sechzig Jahren, haben einen regen geistigen Austausch, grosse theoretische Diskussionen und auch gemeinsame Publikationen veröffentlicht.

Welches sind die positiven Seiten Ihres jetzigen Lebensabschnittes?
Dass ich überhaupt leben darf und auf so vieles zurückschauen kann. Dass immer noch Begegnungen möglich sind. Man lernt, Freude an kleinen Dingen zu haben: wenn die Sonne in die Stube hereinscheint, wenn ich mit meiner Frau am Frühstückstisch sitze und wir die Zeitung lesen oder wenn wir wie jeden Vormittag zu unserem stündigen Waldspaziergang aufbrechen. Ich sage oft zu meiner Frau: «Schön, jetzt haben wir wieder einen gemeinsamen Tag vor uns.» ❋

Zur Person

Kurt R. Spillmann (84) ist Historiker und emeritierter Professor der ETH Zürich für Sicherheitspolitik und Konfliktforschung. Er ist verheiratet mit der Psychotherapeutin Katharina Spillmann. Das Paar hat eine Tochter und einen Sohn und drei Enkelkinder. Kurt und Katharina Spillmann leben in Zürich und in der Toskana.

Beitrag vom 11.10.2021

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