
Gärtnern im Klimawandel
Der Klimawandel macht sich auch im heimischen Garten bemerkbar. Heisse Sommer, milde Winter, Stürme oder Dürrezeiten sind zu Herausforderungen geworden. Pflanzenfreunde sind gut beraten, wenn sie mit der Natur arbeiten, nicht gegen sie.
Text: Yvette Hettinger Fotos: Jessica Prinz
Die weissen Kartoffelblüten sehen aus wie frisch gewaschene kleine Stofffetzen, auf den Blättern des Kohls glitzern noch Wasserperlen. Eben ist ein Platzregen über dem Dorfgarten in Grabs SG niedergegangen. Er hat die Luft gereinigt und lässt die Menschen nach heissen Tagen wieder leichter atmen.

Bevor sich ein warmer Abend über den Gemeinschaftsgarten senkt, wird hier angepackt. Kleine Hände ziehen sanft an Beikräutern, stecken frisch gepflückte Tomaten in den Mund oder legen sorgfältig Setzlinge in den Boden. Letzteres ist Jasminas (8) Lieblingstätigkeit – neben dem Verzehr der Ernte. «Cherrytomaten und Radiesli hab ich am liebsten», sagt sie und reckt einen riesigen Radies in die Luft.
Es ist ein Donnerstag im Juli, das heisst, Feierabendgärtner und -gärtnerinnen, Gartenkinder und die etwas älteren «Freaks» sind am Werk. Deren Mütter und Väter sind heute ebenfalls dabei, denn man feiert ein kleines Fest. Auch die Eltern von Jasmina und Amin gucken ihren Sprösslingen interessiert über die Schultern. «Uns ist wichtig, dass die Kinder wissen, woher das Essen kommt», sagt Mutter Lule. Ihr Mann lacht: «Eine Ahnung vom Gärtnern habe ich nicht. Aber toll, dass die Kinder Freude daran haben.»
Die jungen Gärtnerinnen und Gärtner wissen auch schon allerhand. Freak Noah (11) erklärt, dass die weissen Büschel unter den Auberginen, Peperoni und Süsskartoffeln Schafwolle sei und als Mulch diene. «Davon bekommen die Pflanzen Nährstoffe», fügt Gartenkind Maila an. Das habe sie bei Isabelle gelernt.
Permakultur als Prinzip
Sie spricht von Isabelle Saluz-Andreoli (50). Die vierfache Mutter hat den Garten vor fast zehn Jahren zusammen mit einer Freundin angelegt und vor zwei Jahren den Verein Dorfgarten gegründet. Ihr und ihrem Mann gehört das Gelände. Sie hat auch das Konzept der Permakultur eingebracht (siehe Box unten). «Besonders konsequent leben wir die Kreislaufwirtschaft», sagt Saluz, «es wird so viel wie möglich im Garten gehalten – gesammeltes Saatgut, organischer Abfall, Komposterde, aufgefangenes Regenwasser.» Der Fokus liegt auf Essbarem. «Wir erzwingen nichts», sagt Saluz, «es kommt nicht immer alles, was wir säen, aber irgendetwas gedeiht immer. Die Kinder freuen sich über alles, was wächst.»

Jung trifft auf Alt
So freut sich grad Gartenfreak Alina in Beet Nummer elf auf die Gemüseernte. Sie stemmt die Arme in die Hüfte und erklärt mit fachmännischem Blick: «Die Kohlrabi sind reif, jetzt können die Buschbohnen gesetzt werden.» Sie kniet sich ins Beet und plaudert über das Sandarium, bei dessen Bau sie mitgearbeitet hat. «Das ist ein Nest für Bodenbienen», sagt sie.
Nach der Arbeit setzen sich alle an grosse Tische und teilen die mitgebrachten Köstlichkeiten. Ein harmonisches Stimmengeschwirr und der Geruch von Grillfeuer liegen in der Luft. «Ja lueg, d’ Annelies!», ruft eine Frauenstimme. Jemand anders ist zu vernehmen: «Los, ich ha dr öppis mitbrocht …». Der Gemeinschaftsgedanke sei ihr tatsächlich das wichtigste aller Permakultur-Prinzipien, erklärt Saluz-Andreoli.








Der Dorfgarten ist ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt: Amin, Alina, Noah, Maila, Nicole und Annelies (von oben links nach unten rechts) © Jessica Prinz
Das bedeutet in Grabs auch: Jung trifft auf Alt. Gemeinschaftsgärtnerin Susanne (65) kommt hauptsächlich wegen der Menschen hierher, «und wegen der Sache». Manchmal fragen die Kinder sie um Rat. Allerdings lerne sie mehr von den Kleinen als umgekehrt, denn Permakultur sei noch neu für sie. Monika (50) hingegen kennt sich damit schon aus, und «das ist der einzig richtige Weg für mich». Die achtzigjährige Annelies wiederum fährt nur noch mit ihrem blumendekorierten Velo in den Garten, auch durchs Dorf, den Hang rauf und runter. Sie freut sich über die grandiose Vielfalt im Dorfgarten und geniesst dort das gemeinsame «Umewurstle». Der Klimawandel beschäftigt sie sehr, sie sucht auch im Garten nach Antworten.
Auch die Gartenanlage wächst

Eine mögliche Antwort ist für Isabelle Saluz die Permakultur. Sie hat festgestellt, dass sie inzwischen Peperoni und Auberginen im Januar aussäen und ab März im Kalthaus wachsen lassen kann. «Früher war das ein Hä-schele und Bäschele.» Mit Salaten ist es hingegen schwieriger geworden, da sie im Sommer viel Wasser und weniger Sonne wollen. Nun gedeihen sie im Schatten der grossen Sonnenblumen, die ihrerseits praktisch ohne Zutun kommen.
Nicht nur das Gemüse wächst unter Isabelle Saluz’ Obhut prächtig – die ganze Gartenanlage tut es. Vor zwei Jahren ist der Waldgarten hinzugekommen. Es ist auch ein wenig ein Zukunftsgarten, denn hier gedeihen auf allen Ebenen neben Heimischem auch Kräuter, Büsche und Bäume, die in einem mediterranen Gebiet stehen könnten: Weinbergpfirsich, Feige, Chinesische Dattel, Asienbirne, Granatapfel, Mandel, Szechuanpfeffer oder Karamellbeere. Daneben alte Sorten und Wildfrüchte wie Spilling, Pimpernuss, Korallen-Ölweide oder Granatnaja – eine Mischung aus Vogelbeere und Weissdorn.
Durch den hügeligen, fast geheimnisvollen Waldgarten führt Noah die Truppe von Kindern und Erwachsenen nach der Tavolata. Er erläutert das ausgeklügelte System und erklärt abschliessend: «In ein paar Jahren möchte ich den Dorfgarten leiten.»
Permakultur: Was ist das?
Permakultur, auch Dauerkultur genannt, dient der nachhaltigen Lebensweise und Landwirtschaft. Der Fokus liegt auf sozialem, ethischem und ökologischem Vorgehen. Es werden möglichst natürliche Kreisläufe nachgebildet, welche ideale Bedingungen für Menschen, Pflanzen und Tiere schaffen sollen. permakultur.ch
Klimafest und klimafreundlich – für Garten und Balkon geeignet
Blumen
Grundsätzlich sind Stauden am klimaresistentesten und -freundlichsten, da sie nicht jedes Jahr ersetzt werden müssen. Etwa:
- Sonnenhut (in Gelb oder Purpur): Bienen-Magnet, wunderschöne Blüten, pflegeleicht, absolut winter- und hitzeresistent. Einzige Abneigung: Staunässe.
- Färberkamille: Leuchtend gelbe Blüten, die tatsächlich zum Färben verwendet werden können. Sehr robust und pflegeleicht. Spendet Nektar und Pollen.
- Spornblume: Himbeerrote, duftende kleine Blüten. Nektarquelle für Insekten von April bis Oktober. Gedeiht sowohl an sonnigen wie auch schattigen, feuchten Plätzen.
Saatgut
- Optimalerweise verwendet man selber gewonnenes oder getauschtes Saatgut, etwa von Mohn, Malve
- Wer Samen kauft, greift am besten zu biologischen Mischungen mit dem Namen «Wildblumen». Darin sind meist Kornblumen, Cosmea, Borretsch, Mohn oder Kamille enthalten – viele sind wertvolle Nahrungsspender für Insekten und Menschen.
Nutzpflanzen als Windschutz
- Felsenbirne: Wunderschöne weisse Blüten und schmackhafte Früchte. Bietet Futter für Insekten und Raupen. Steckt alles weg: Wind, Schatten, Trockenheit, Vollsonne, Frost.
- Stangenbohnen: Gesund, pflegeleicht und mit gutem Gerüst windfest. Schöne Blüten.
- Sonnenblumen: Hitze- und Trockenheitsresistent, pflegeleicht. Unbedingt ungefüllte alte Sorten wählen, da viele Zierzüchtungen den Bienen nichts anbieten. Kerne können gegessen oder als Saatgut wiederverwendet werden.
Weitere Pflanzen
- Topfminzen: Nehmen im Frühling gern Sonne, stehen aber im Sommer lieber im Halbschatten – zum Beispiel unter einem Baum oder in einer weniger besonnten Balkonecke. Zahlreiche für den Verzehr geeignete Sorten.
- Kornellkirsche: Sehr robust und pflegeleicht. Hervorragender Windbrecher. Als Frühblüher von Insekten im Frühjahr sehnlichst erwartet. Früchte essbar für Mensch und Tier.
- Eibisch (Hibiskus): Der echte Apotheker-Eibisch ist bienenfreundlich und kann, wenn gross gewachsen, Schatten oder Windschutz bieten.
«Jeder Balkon kann etwas für die Umwelt tun.»

© Richard Wymann
Gartenbauer Richard Wymann und seine Frau besitzen in Stalden VS ein Grundstück von 8000 Quadratmetern, das sie naturnah bewirtschaften. Das vordere Vispertal ist der trockenste Ort der Schweiz, hat aber auch mit Kälte und Wind zu kämpfen.
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